WILD BEASTS: Present Tense

(Domino/ Good To Go)  Die Briten von Wild Beasts haben sich mittlerweile wahrhaftig den Titel der elegantesten Synthie-Band weltweit verdient. Ihre Songs sind auf höfliche Weise sparsam, doch wirkt jeder Effekt, jede Melodie, jeder Klang unheimlich edel und oftmals auch geheimnisvoll. Ein gewaltiges Pfund, mit dem die Band wuchern kann, ist die hohe Qualität ihrer Sänger. Da ist das Falsett von Hayden Thorpe, welches filigran wie ein Mischwesen zwischen Mensch und Vogel wirkt, verletzlich und federleicht. Dagegen steht der erdige, fast granitene Bariton von Tom Flemming, welcher immer etwas Verruchtes in sich trägt. Wenn diese Stimmen in einem Song aufeinander treffen, entsteht eine ganz eigene Spannung, eine organische Reaktion, die ein wohliges Schaudern hervorruft, so geschehen in „Sweet Spot“ und „A Simple Beautiful Truth“. Letzteres zeichnet sich obendrein dadurch aus, dass es eines der wenigen Stücke ist, welches sich auch mal etwas lockerer macht  und fast schon so etwas wie Beschwingtheit verbreitet. Ansonsten herrscht feierlicher Ernst, eine würdevolle Verbeugung vor den Unwägbarkeiten  des Lebens. Es kündet schon von einigem kompositorischen Fingerspitzengefühl, wie Wild Beasts die Synthies zurückhaltend einsetzen und dennoch maximalen Effekt daraus schlagen, abseits jeder Aufregung und Hysterie. Da stellt der Opener „Wanderlust“ so etwas wie die Einfahrt in eine finstere Diamantenmine dar, der hektische Beat geht stoisch seinen Weg, der Synthesizer legt Flächen der undurchdringlich scheinenden Dunkelheit aus aber wenn man tief drin ist in diesem Stück, sieht man es faszinierend im Düsteren funkeln, alles wirkt latent bedrohlich, doch steckt da auch ein schwer zu fassender Zauber drin. Die Stimmungen, die sich auf diesem Album entfalten, wirken nur auf den ersten Eindruck eindeutig, vielmehr sind sie aber durch und durch ambivalent. Da wirkt der „Nature Boy“ zwar wie ein großer Verführer im feinsten Pelz, doch erwischt man dieses Wesen in einem Moment der Schwäche, die Gestalt schleppt sich erschöpft dahin und zieht eine Spur aus Rotwein und Kerzenwachs hinter sich her. Wild Beasts sind zwar definitiv eine eher synthetisch ausgerichtete Band, sie setzen aber dennoch  ab und zu  Gitarren ein, wie es sich für die Band jedoch gehört, zurückhaltend und wohl dosiert, eher als hintergründige Stütze, denn als markantes Alleinstellungsmerkmal. Mit „A Dog´s Life“ präsentieren Wild Beasts dann den vielleicht intimsten Moment von „Present Tense“: intuitiv klöppelnde Percussions, silbrige Gitarrenkleinigkeiten und ein wenig Rauch aus der Nebelmaschine, der an Flemings Stimme erst erkaltet und dann flüssig wird. Dieses Album ist eine Stimmungsplatte, eine subtile Einfahrt in die emotionalen Schichten knapp unter der Oberfläche, ein vielfältig funkelnder Diamant voller Anmut und Grazie, der seine Bestandteile nach und nach freilegt, sich aber immer sein letztes Geheimnis bewahrt. Und das führt dann eben dazu, dass man dieses Album immer wieder hervor holt und versucht, den Zauber dieser Songs zu entschlüsseln, ein aussichtloses Unterfangen, und dass, obwohl die Strukturen so simpel erscheinen.

(8 / 10)

Martin Makolies