Martins Poptagebuch: 24.03.2018

mit Xenia Beliayeva, Courntey Marie Andrews und Gulfer

Habt ihr schon das Biopic „I, Tonya“ gesehen? Soll ja ganz gut sein. Die titelgebende Eiskunstläuferin Tonya Harding wurde da in den Medien als „Eishexe“ bezeichnet, ein Titel, der auch der gebürtigen Russin Xenia Beliayeva gebühren könnte. Kühl und streng treibt die Musikerin ihre elektronischen Klangvehikel wie an der Schnur gezogen voran. Die gebürtige Moskowiterin versucht, mit Disziplin und Geradlinigkeit die aufkommenden Emotionen in die Schranken zu weisen, den größten Effekt erziehlt ihr eisalter Elektropop aber genau dann, wenn jene Gefühle sich dann doch von hinten anschleichen und scheinbar ungewollt das Kommando übernehmen. Die eigenen Versagensängste in „High Expectations“ oder die aufbrandenen Mordphantasien im Titeltrack, die sich in einem Kontrollverlust über die eigene Stimme abzeichnen, diese menschlichen Unebenheiten, die das gerdlinige Beattreiben ein wenig sabotieren, sind die eindrücklichsten Momente einer Platte, deren Frostigkeit auf die Isolation und Entfremdung in der urbanen Gesellschaft verweist. Der Beat stampft noch, doch die Seele ist auf halber Strecke verloren gegangen. So ist dieses Album trotz der Eingängigkeit eine unbehagliche Dystopie, zu der sich jedoch trefflich tanzen lässt.

So, jetzt lasst uns aber schnell aus der Kälte ins Warme flüchten, dort hat die wundervolle Courtney Marie Andrews bereits ein behagliches Feuer entfacht. Mit klassischen Mitteln und vor allem einer äußerst innigen Stimme erzeugt Andrews eine Herzlichkeit, der man gerne das Ettiket Country-Soul anheften möchte, so wohlig kribbelt der glockenhelle Gesang den Rücken entlang. Innovationen sind dabei nicht zu erwarten, die stilvolle Beherrschung der diversen Spielarten klassischer, amerikanischer Musik lässt den Hörer dies erst gar nicht verlangen. Wenn Andrews im eröffnenden Titeltrack stimmlich fast explodiert, wenn sie in „Two Cold Nights In Buffalo“ fast schon herrschaftlich der reinen Melodie fröhnt, ist man an der Quelle musikalischer Traditionspflege, ohne ob seiner Stauballergie Sorge tragen zu müssen, denn frisch tönen diese ewig jungen Oden ans gebrochene Herz und dessen Heilung. Bis ins Detail ist die musikalische Ausstattung liebevoll angelegt, gerne lässt sich die E-Gitarre zu einem jauchzenden Solo verführen, manches wendet sich dem Gospel zu und wie in „Border“ mit hetzender Hand die Orgel ins Fieber getrieben wird, ist schon fast ein eigenes Kapitel wert. Jener Song zeigt auf verblüffende Weise, dass ein glockenheller Gesang sinister und unwägbar erscheinen kann. Doch der meiste Raum wird auf dieser Platte dem Sehnen und der Empathie gegönnt, eine rundes, fein ausgeführtes Vergissmeinnicht der gesicherten Gewissheiten.

Diese wollen Gulfer aus Montreal mal kräftig durchschütteln. Das kommt dabei heraus, wenn Mathematikliebhaber den Emo interpretieren. Da wird die Wurzel aus den zugrunde liegenden Gitarrenläufen gezogen, Akkorde zu waghalsigen, geometrischen Figuren zusammengepappt und man kann Wahrscheinlichkeitsrechnungen dazu anstellen, ob der Schlagzeuger endlich mal gewillt ist, den Takt länger als einen Wimpernschlag zu halten. Dabei singt diese Band vor allem über Langeweile, wäre man von selbst nicht drauf gekommen. Doch Meister Emo sorgt zumindest auf gesanglicher Ebene für ein wenig gesittete Konstanz. Ach, falls das bis jetzt nicht klar geworden ist: „Dog Bless“ macht jede Menge Spaß, auch wenn man sich nach dem Genuss dieses Albums ein wenig verknotet fühlt. Es ist halt zu schön, wie diese Musiker die eigenen Songansätze mancherorts mundtot machen, quasi ein „das hab ich nie behauptet“ in Songform.

 

bis bald

euer Martin Makolies