Martins Poptagebuch: 28.03.2018

mit Jenny Wilson, Lingua Nada und Cavern Of Anti-Matter

Beginnen wir heute mit einem brutalen Brett. Jenny Wilsons „Exorcism“ ist die Aufarbeitung einer Vergewaltigung und damit schon per se harte Kost. Doch die Schwedin sieht gar nicht ein, sich verletzt und eingeschüchert in die Ecke zu stellen, obwohl die Songs deutlich machen, dass sie diese Phasen definitiv durchgemacht hat. Doch was wir auf „Exorcism“ hören ist Musik, die mit anderen Texten eine rauschhafte Darkdance-Party beschallen könnte. Im Kontext mit den schwer zu ertragenden Schilderungen der Tat und deren Auswirkungen macht sich eine hysterische Lakonie breit, die vermuten lässt, dass in Wilson vieles zerbrochen ist und verloren. Dass sie ihre Aufarbeitung derart offensiv angeht, mit durchaus poptauglicher Inszenierung, wuchtige Beats und alarmierende Synthies, wirkt da wie ein gewaltiger Kraftakt, der zwar jeden Respekt abverlangt aber selbstredend keinen Triumpf kennt. Eindringlich, knallhart und schonungslos, „Exorcism“ ist genau das, was der Albumtitel ankündigt und sollte von jedem und jeder Person gehört werden.

Nach so einer Platte eine elegante Überleitung zu suchen, verbietet sich von selbst, als versuche ich es erst gar nicht. Also los: Lingua Nada sind bekloppt, verrückt, gaga. Die machen alles kaputt und wollen noch ein Lob dafür. Also gut, ja, ihr Lieben, ganz toll, wie ihr euren Alles-Core aufzieht. Die eiternden Noise-Brocken neben surfkompatiblen Jangle-Indie zu stellen, mag ja noch angehen. Aber was habt ihr euch im Mittelteil gedacht. Hardcore, 80er Aerobicvideo-Pop und dann noch ein pillengedoptes Casiomassaker? Wer soll denn da noch mit? Gut, die Wahrheit ist: das macht heillos Spaß, man bekommt „Under The Bridge“ von den RHCP als gegröltes Delirium präsentiert und in einem ruhigeren Moment soll der olle „Mr.Sandman“ einen schönen Traum vorbei bringen, alles klar. Dass Lingua Nada in ihre kopflosen Fiesheiten manch gezuckertes Popschmankerl einbauen, mag überraschen, wundern tut einen aber hier gar nix mehr.

Ich würde sagen, da wir unseren fairen Anteil an Zerrüttung und Chaos bekommen haben, täte jetzt etwas Gesichertes, Konstantes gut. Probieren wir es einmal mit Cavern Of Anti-Matter. Deren drittes Album „Hormone Limonade basiert auf dem, was Bandmitglied Holger Zapf aus seinen selbsgebauten Rhythmusgeräten hat hervorlocken können. Und das sind vor allem ausgedehnte Ausflüge zwischen Repetion und Wandel. Die Stücke lassen sich zwar als Ganzes wahrnehmen, zeigen aber in ihrer gleichmäßigen Bewegung deutliche Nuancierungen. Dafür sorgen Instrumente wie Synthies und E-Gitarre, deren eng getaktete Melodien die Zeit in rhythmische Einheiten ordnen und deren Ausprägung durchaus feinen Entwicklungen und dezenten Kurskorrekturen unterworfen ist. Die meist synthetischen Beats werden so manches mal durch ein erstaunlich warm klingendes Live-Schlagzeug ergänzt, generell liegt ein gehöriger Spannungsfaktor im Wechselspiel aus analog und digital. Es ist schon erstaunlich, wie sich zum Beispiel das eröffnende „Malfunction“ scheinbar genügsam darin gefällt, eine retrofuturistische Erkennungsmelodie für eine 70er Jahre-Wissenschaftssendung zu etablieren, hintenrum aber mit der Intensität der eingesetzten Instrumente freudig experimentiert. Ein weiterer Point of Interest bei diesem extra langen Stück: wie kann man die rhythmische Spannung auch ohne perkussive Unterstützung aufrecht halten. Die Antwort? Melody makes the rhythm.