Martins Poptagebuch: 29.03.2018

mit Josienne Clarke& Ben Walker, Jack White und George Ezra

Fein ist es mitunter, wenn man einfach so vor sich hin musizieren kann, ziemlich gangbare Richtungen einschlägt und sich nicht den Zwang auferlegt, das Publikum immer wieder aufs Neue überraschen zu müssen. Josienne Clarke und Ben Walker machen Folk, die durchaus herkömmliche und damit bekömmliche Variante davon. Die Instrumentierung ist schon lang erprobt, Akustikgitarre, Klavier und Streicher sind das Stammpersonal, selten schleicht sich anderes hinein. Da ist es schon eine Auffälligkeit, wenn in „Things Of No Use“ an den Folk noch mit kräftiger Stromgitarre ein Rock angehängt wird oder im abschließenden „Only Me Only“ die Geigen recht ungehindert vorpreschen dürfen. Kern dieser Songs ist jedoch die gütige, klare Stimme von Clarke, die für Bescheidenheit steht. Dass zu einem ihrer Konzerte in den Staaten kein einziger Hörer gekommen ist, trägt sie mit Demut: „it´s not Chicago´s fault/ that no one came to see me play“.Diese Platte zeigt mal wieder wunderbar, dass die Melancholie anderer zu einem herrlich bequemen Ruhekissen für den Rezipienten werden kann. Man fühlt sich aufgehoben in diesen blassen, herbstlichen Kleinigkeiten, die geschmackvoll arrangiert wurden und ohne großen Nachdruck dem Hörer anempfohlen werden, hier bin ich, hüte mich wohl.

Jack White würde man auch wünschen, dass er ganz einfach und bescheiden musizieren könnte. Aber er ist nunmal ein Superstar. Da ist dann einmal die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, aber diese wurde ja schon von so manchem Künstler ignoriert. Doch scheint es sich White selber schuldig zu sein, etwas Übergroßes, Besonderes machen zu wollen. Und so hat sein neues Album „Boarding House Reach“ das Gehabe eines genialischen Meisterwerkes, bei dem jeder Soundschnipsel noch Ausdruck des künstlerischen Talents sein soll. Nur leider fällt einem schnell auf, dass das nur aufgeplustertes Federgeraschel ist. Den Stücken fehlt es massiv an Gehalt. Da verstellt das Stilchaos( Gospel, Blues, Rock, Hip Hop, elektronische Spielereien) nur den Blick auf die relativ mageren Songkörper. Auch kein Vorteil: White pflastert an vielen Stellen seine Songs mit halbgaren Spoken Word Passagen zu, bei denen man sich nach deren Funktion unschlüssig fragt. „Boarding House Reach“ ist ein kunterbunte, überladene Unentschlossenheit, halbgar wird alles mal angetestet, nach dem Motto: ich darf alles, ich kann alles. Wenn dann jedoch ein blutleerer Gospel wie „Connected By Love“ oder eine anbiedernde Mischung aus Hip Hop und Funk wie „Ice Station Zebra“ herauskommt, ist für niemanden richtig was gewonnen. Der Umstand, dass es dieser Platte merklich an Substanz mangelt, wird recht halbherzig durch das Aneinanderpappen von tausenden produktionstechnischen Gimmicks zu kaschieren versucht, doch kommt man schnell darauf, dass es sich hier um groß aufgezogene Augenwischerei handelt.

Über Erwartungshaltungen haben wir ja heute gesprochen, jetzt mal zu meinen Wünschen bezüglich George Ezra. Ich fände es unheimlich spannend, wenn dieser Typ mich mal in eine verqualmte Kneipe einladen würde, um mir dort mit seiner Räucherstimme seine tragischen Liebesgeschichten zu erzählen. Doch der Mann hat andere Pläne: „Martin, heute ist Party bei Tamara, kommste?“ Na gut, hab heut eh nichts anderes vor. Ein bisschen erschrocken bin ich dann doch, als sich der anscheinend tiefgründige Typ mit Freund fürs Leben-Potential als feierwütige Rampensau mit geringen Ansprüchen entpuppt. Da schmachtet und jubiliert er, feiert das Leben mit simplen Hauruck-Refrains, angeschickerte Bläser rufen den Non Stop Party Express aus, sonnige Gitarren spielen sich in ein aufsässig menschelndes Taumeln hinein, und der sehr dick auftragende Gospel-Chor scheint zu sagen: „Ich kenn dich nicht und du bist mir eigentlich auch scheißegal aber komm, heute sind wir Brüder“ Das ist mir dann einfach ein bisschen viel, da such ich mitr ein ruhiges Fleckchen. Von dort registriere ich, dass die Party ein bisschen nachdenklicher wird, jetzt ist Zeit für den Engtanz, doch die Pärchen finden nur zu oberflächlichen Tete a Tetes zusammen, sorgsam einstudierte Zuneigungsbekundungen werden ausgetauscht, wir lieben uns für immer und wenn schon nicht das, ist man zumindest für immer best friends. Na gut, ich glaub, ich geh jetzt mal nach Hause, „Staying At Tamara´s“ ist für mich keine Option, schon gar nicht für öfter oder länger.