Martins Poptagebuch: 07.04.2018

mit Krakow Loves Adana, Broken Records und Tom Misch

Es ist immer aufregend, wenn man Zeuge wird, wie eine Band ihren ganz eigenen Sound entdeckt. Bei Krakow Loves Adana hätte man bei Deniz Ciceks Stimme von unterkühltem Geblüt eigentlich von selbst drauf kommen können: minimalistischer Synth-Pop ist genau das Richtige. Den beeindruckenden Beweis treten Krakow Loves Adana auf „Songs After The Blue“ meisterhaft an. Zu vernachlässigen sind die Songs, die sich auf das Piano stützen, „Bloom“ teilt sich leider sogar die ersten Akkorde mit „Left Outside Alone“ von Anastasia und ist damit als Stück unheilbar kontaminiert. Doch welch einen frostigen Zauber verbreiten Stücke wie „American Boy“ und „Hamburg“. Ersteres schickt seine Synthies als stoische Alarmsignale in den Äther, die schockgefrostete Stimme von Cicek trifft auf nervöses Zucken aus der Steckdose und es entsteht reine Magie. Auch „Hamburg“ setzt auf schlichte, sich wiederholende Töne, die der bestechenden Gesangsmelodie, diesmal auch emotional ein wenig aufgeladen, das freie Geleit geben. Und wenn wir über den Einsatz des Klaviers ein wenig abfällig geredet haben: das abschließende „Naked World“ mit seinem pulsenden Anschlag ist eine jenseitige Meditation, die ein unsentimentales Leiden fest in der geschlossenen Faust hält, wie gesagt, Magie!

Eine eigene Handschrift wäre auch etwas, dass The Broken Records gut zu Gesicht stehen würde. Zu sagen, dieses Album sei vom Schaffen Bruce Springsteens geprägt, greift da noch zu kurz. Vielmehr bedient sich „What We Might Know“ an dem, was Bands erschaffen haben, die bereits ausgiebig dem Boss gehuldigt haben. Die Feuerorgel und das Barpiano von „Let The Right One In“? Ganz klar, The Hold Steady! Der forsche Galopp von „Inbetween“? Kennen wir so schon ausgiebig von The Gaslight Anthem. Bei „Perfect Hollow Love“ gesellen sich zu gleichen Teilen Arcade Fire und U2 hinzu, ihr fragt nach eigenen Ideen? Tja, auf diesem Gebiet sind The Broken Records nicht so breit aufgestellt. Das heißt ja nicht, dass wir hier nicht ordentliches Songmaterial vor uns hätten, doch aus zweiter Hand schmeckts halt mitunter etwas fad.

Tom Misch macht es einem nicht einfach, ihn zu mögen. Da bringt er ein astreines Funkalbum raus, gerne mit lateinamerikanischem Anstrich oder mit Blick auf die Disco( die Studio 54-Streicher in „South Of The River“ künden selbstbewusst von diesem Umstand). Doch dann schießt er ein paar Böcke: zu Beginn zum Beispiel die gesampelte und verdammt aufgesetzt daherkommende Ermahnung, doch bitte Musik nicht des Geldes wegen zu betreiben, mmphh. Auch der Tatbestand, dass er ins Zentrum des Albums eine relativ uninspirierte Kurzversion von dem alten Schinken „Isn´t She Lovely“ stellt, macht keinen guten Eindruck, wie war das mit der kommerziellen Motivation? Und wenn im Anschluss Poppy Ajudha ein abgeschmacktes „the grass is greener on the other side“ ausdünstet, will man fast nicht mehr mitmachen. Doch irgendwie bekommt uns Misch dann doch, vor allem dann, wenn er abseits vom Funk Erstaunliches leistet. „Movie“ verschmilzt aufs Feinste Soul, Blues und Jazz, als wäre es eine leichte Fingerübung. Und „Man Like You“ rührt mit seinen folkigen Gitarrenschmeicheleien ganz ernsthaft und uneitel gewaltig an. Da verzeiht man Tom Misch die ungelenken Fehltritte, die ein ansonsten vollkommenes Album ein wenig ramponieren.

 

 

bis bald

 

euer Martin Makolies