Martins Poptagebuch: 12.04.2018

mit Christina Vantzou, Goat Girl und Mien

Ihr kennt ja vielleicht den Filmtitel, „Im Weltall hört dich niemand schreien“. Wenn man dort dennoch Klänge wahrnehmen könnte, sie hörten sich vielleicht an wie die Musik von Christina Vantzou. Ob es vereinsamte Streicher, hallende Stimmechos oder zart angeschlagene Klaviertöne sind, die Sounds der Belgierin sind immer von einem unermesslichen Nichts umgeben, welches die minimale Musik zu verschlucken droht. Die bis auf das Nötigste reduzierten Stücke müssen sich scheinbar immer gegen ihre Marginalisierung wehren, das sanfte Tröpfeln oder ahnungsvolle Raunen der Stücke steht immer mit einem Fuß bereits in seiner Auslöschung. Dies macht „No. 4“ trotz seiner Reduktion zu einem gewaltigen Erlebnis, da die vordergründige Ruhe einen unsichtbaren Kampf mit sich trägt, so dass einem um diese Musik Angst und Bange wird.

Solch gesteigerte Gefühlsaufwallungen würden die vier Londoner Damen von Goat Girl sich und ihrer Musik gar nicht erst zugestehen. Das Höchste, was sie ihren Mitmenschen an Gefühlen entgegenbringen, ist, dass sie gelangweilt von ihnen sind. Wut und Ärger, bitte nicht. Goat Girl ziehen ihr Dreieck zwischen The Velvet Underground, Hole und, ja, Country Musik auf. Und uns als Publikum bereitet es ein großes Vergnügen, den Mädels bei ihrem desinteressierten Streifzug durch die Südlondoner-Hippsterwelt zu folgen. Es ist ja bekanntlich so, dass diejenigen, die am wenigsten zugänglich erscheinen, am meisten hofiert werden. Und so ist das auch bei Goat Girl: wenn sie ihre bluesigen Gitarrenläufe in einer fahrigen Coolness versumpfen lassen und damit scheinbar unauffällig ein paar Hits mit Rändern unter den Fingernägeln kreieren, kocht der Underground über. Dabei lassen die Damen ihre Songs ohne gesteigerte Euphorie, ohne aufgekratzten Furor einfach durch irgendwelche runtergekommenen Vororte schlendern, der gerade Gang ist durch einen gewissen Medikamentenmissbrauch beeinträchtigt, und man denkt als Zuhörer fast, dass man die Band um Erlaubnis fragen müsse, diese Musik zu hören, Denn Goat Girl empfinden scheinbar von vornherein das ganze Affentheater als Ballast, Publikum, Musikvideos, Konzerte, ach, wenn es denn sein muss…

Einen durchaus faszinierenden Weg von These, Antithese und Synthese geht das selbstbetitelte Album der Band Mien. Da liefert im Auftakt „Earth Moon“ die Sitar einen wundervollen Sonnenaufgang, die Flöten recken schüchtern ihre Köpfe zum Firmament und der Groove setzt den Takt für eine morgendliche Wanderung durch den Himalaya. Doch mit den folgenden Songs wird die naturnahe Psychedelik in eine urbane Psychose getrieben. Der Platz an der Sonne wird mit einem stickigen Kellerloch getauscht, welches von Gestalten bewohnt wird, die selbst in der Dunkelheit mit aufgesetzten Sonnenbrillen hausen. Die kalten Maschinenbeats von „You Dreamt“ oder der bedrohliche Drone „Other“ bekunden eine Hinwendung zu kalten Oberflächen und rationaler Mechanik. Zum Abschluss hin versucht dieses Album jedoch, die beiden Erlebniswelten zu versöhnen, die Sitar taucht als äußeres Zeichen dafür wieder auf, nur diesemal in dunklerer Umgebung. „Odyssey“ erlaubt sich sogar einen ausgelassenen Dadachor, nachdem „Echolalia“ sich als natürlich/künstliches Zwitterwesen in eine undurchschaubare Trance hineingetanzt hat. Mien haben ein eindringliches Stück Psych-Rock geschaffen, das genauso nah an der Natur wie an künstlisch geschaffenen Realitäten steht und damit in seinen Widersprüchen einen großen Reiz beherbergt.

 

bis bald

 

euer Martin Makolies