Martins Poptagebuch: 06.05.2018

mit Half Waif, Jesper Munk und Lord Huron

Heute starten wir mit einer kleinen Entdeckung: Nandi Rose Plunkett ist Half Waif und darüber hinaus eine dieser Stimmen, denen man gerne seine Aufmerksamkeit schenkt. Dies liegt zuerst an diesem glockenhellen Gesang, der trotz seiner Klarheit auch in stimmungsmäßige Tiefen abgleiten kann. Zwischen zerbrechlicher Intimität und feierlicher Grandessa verläuft eine verschwommene Grenzlinie, die oftmals von Klavier und Synthies abgeschritten wird. Das Spannende auf „Lavender“ ist das Spiel mit den, gerade rhythmischen, Gegensätzen. Da kann ein Stück lange Zeit ohne Begleitung von Percussions darniederliegen, Plunkett verarztet das zarte Stück mit ihrer Stimme, doch dann setzen quer laufende Beats und voranschreitende Drums ein, die das bisherige Tableau auf den Kopf stellen. Die Nahtstellen werden aber aufs Feinste eingebettet, die Übergänge wirken fließend, harsche Brüche kommen vor, sind aber selten. So manches Mal ist ein Song schwer greifbar obwohl Plunkett mit ihrer verlässlichen Stimme Hilfestellung leistet und genau in diesen Moment steigert sich das Undurchschaubare noch durch eine unkonventionelle Percussionarbeit. Aber wir schweben nicht rettungslos durch dieses Album, Plunkett bietet Hilfe an: „if you want my love/ I will guide you“, danke sehr!

Beim nächsten Künstler stellt sich die Frage, ob man ihm seine künstlerische Neuausrichtung vorhalten soll. Fakt ist, das Schroffe und Rumpelige ist bei Jesper Munk zu den Akten gelegt. „Favourite Stranger“ ist ein souliges Album in seichtem Fahrwasser, galant und gediegen. Die Melodien sind wohlgeformt, Gitarrenspiel und Bläser sowie Streicher ergeben sich in eleganter Zurückhaltung. Wenn man dem Berliner jedoch Böses wollte, könnte man anführen, damit lande er im Unterhaltungsprogramm einer Senioren-Kreuzfrahrt. Aufregend ist nämlich wenig auf diesem wohlerzogenen Album. Da weiß noch der eröffnende, bluesige Americana von „Easier“ gefangen zu nehmen, gerade wenn sich die Gitarren heftig an der schleppenden Grundstruktur reiben. Auch der verletzliche Gospel „Solitary“ kann mit seinen fragilen Chören für gedämpfte Begeisterung sorgen, der Rest jedoch plätschert wohlgefällig dahin, ein Seerosenteich der guten Manieren, künstlerisch dabei jedoch eher weniger spannend.

Ein schönes Spiel mit der eigenen Fassbarkeit treiben Lord Huron auf „Vide Noir“. Da muss es am Anfang mit „Lost In Time And Space“ direkt Weltraum-Folk sein, die Band hat ihre Köpfe weit im Kosmos und wir als Hörer sehen nur einen entfernten Silberschweif. Doch unter anderem durch ein wunderbar erdiges Bassspiel bekommen die folgenden drei Stücke eine gute Portion kernige Körperlichkeit ab, hier zeigen Lord Huron, dass sie auch konkret in Rock machen können. Aber immer, wenn man denkt, man hat die Band zum Greifen nah, entzieht sie sich wieder, „if I can´t touch your body/ can I touch the sky?“. Weitflächig Entschweiftes folgt auf Handfestes aber selbst in einem einzelnen Song können sich diese Gegensätze manifestieren: „Back From The Edge“ besitzt belastbares Gitarrengeschrammel aber eben auch diese flüchtigen Flötentöne, die das Bild niemals allzu klar werden lassen. Lord Huron werden niemals ganz sichtbar, nach Stücken, die man förmlich anfassen kann, entschwinden die Amerikaner wieder in weit entfernte Sphären, ein schönes hin und her.

 

bis bald

 

euer Martin Makolies