Martins Poptagebuch: 08.05.2018

mit Iceage, DJ Koze und Yonatan Gat

Herrlich, das neue Album der dänischen Band Iceage denkt gar nicht daran, sich festzulegen und steuert gewisse Paradoxien an. Da gibt sich der Gesang von Elias Ronnenfelt in Songs wie „Hurrah“ betont abgefucked, hat aber dennoch ein alarmierendes, aufrüttelndes Wesen. Matter Verdruss paart sich auf „Beyondless“ mir rockistischem Hedonismus und erzeugt ein ambivalentes Gefühl, wie es sonst nur The Icarus Line hinbekommen. Eigentlich sollte solche Musik ja spröde und runtergeranzt sein, doch sehen Iceage gar nicht ein, warum man sich nicht auch ein paar Gala-Bläser oder gar ein Duett mit der edelblütigen Sky Ferreira gönnen sollte. Besagter Titel hört auf den Namen „Pain Killer“ und lässt an ein druckvolles Update auf die Mark Lanegan Band denken. Auch das wild mit Barpiano und Bläsern aufstampfende „The Day The Music Dies“ trumpft selbstbewusst auf, eine bescheidene Nische, die man leicht übersehen könnte, ist viel zu klein für diese Band. Und so orientieren sich manche Stücke, gerade in den hinteren Reihen des Albums, an den ganz Großen: „Take It All“ könnte von den frühen U2 inspiriert sein und der abschließende Titelsong weiß sehr genau, wie The Cure mit ihren Gitarren umgehen. Aber all die Querverweise sollen nicht verdecken, dass Iceage inzwischen einen eigenen Sound gefunden haben, irgendwo zwischen Stadion und Kellerloch.

Gibt es eigentlich in der zeitgenössischen Popszene einen größeren Menschenfreund als Stefan Kozalla? Wo andere Electronic-Producer eine düstere Klangfläche über die andere legen und einen sadistischen Spaß daran haben, ihr Beatwerk zu dekonstruieren, feiert DJ Koze die Verlässlichkeit und die Zutraulichkeit. Seine Stücke strahlen eine tiefe Wärme aus, die sich weder über rauschhafte Feierwut noch über rosarote Brillen erschließt. Sein neues Album „Knock Knock“ kennt durchaus die traurigen Momente, „Muddy Funster“ mit Kurt Wagner ist ein Beispiel dafür, doch kommt DJ Koze immer da an, wo zwei Menschen in Kontakt miteinander treten. Da unterstützen liebliche Flötentöne, herzige Bläser oder auch mal eine Funkgitarre das zwischenmenschliche Treiben aufs Feinste und Gaststars wie Roisin Murphy geben den zuversichtlichen Stücken eine warme Stimme. Denn diese elektronische Musik kennt den Soul, den Gospel und den R´n´B und weiß damit umzugehen. Dabei kommt etwas heraus, das sich übers Herz und nicht den Kopf erschließt und das, obwohl die Songs allesamt sehr schlau arrangiert sind. Doch „Knock Knock“ setzt seine Cleverness ein, um ein beruhigendes Gefühl der Zugehörigkeit zu erzeugen. Und daran kann jeder teilhaben, der seinen Mitmenschen mit Respekt begegnet.

Angenehm furchtlos geht der Gitarrist Yonatan Gat mit dem weltmusikalischen Erbe um. Er wirft seiner kontaktfreudigen Gitarre so ziemlich alles vor die Füße, was brauchbar erscheint und kuratiert das Ganze dann sehr geschmackvoll. Sakrales aus dem mönchischen Mittelalter, maurischer Minnesang oder auch afrikanische Stammestänze: Gats´Gitarre dialogisiert auf vielfältige Weise mit den verschiedenen Strömungen, mal plingert sie gedankenverloren, mal trilliert sie jubelnd, hat aber auch ein 70 er mäßiges Psych-Rock Fauchen drauf. Und so kommt man recht flott einmal um die Welt, wird manches mal erschlagen von so viel kompositorischer Fülle, es bleibt ein rauschhafter Triumph der Vielseitigkeit, die Gitarre von Yonatan Gat dient dabei als kundiger Fremdenführer.

 

bis bald

euer Martin Makolies