BOYSETSFIRE: „These were the dark times“

BOYSETSFIRE sind wieder zurück: Nachdem die Gruppe an persönlichen Schicksalsschlägen und Streitigkeiten mit ihrem alten Label beinahe zerbrochen wäre, haben sie mit ihrem neuen Album „The Misery Index: Notes From The Plague Years“ ein dickes Ausrufezeihen gesetzt. Auf ihrer Tour durch Deutschland, trafen wir uns mit Sänger Nathan, um mit ihm über den neuen Sound, die Hardcore-Szene und die Situation der Band zu sprechen.

Hey Nathan! Am Ende waren alle froh, dass BOYSETSFIRE wieder ein Album aufnehmen und wieder live spielen würden. Dennoch gibt es auch einige kritische Stimmen die meinen: Es ist zwar schön und gut, dass die Band neue Einflüsse und sogar Musikinstrumenten in ihre Stücke einbaut, dass das Resultat aber nicht wirklich zu dem Sound der Band passt. Was entgegnest du solchen Aussagen?

Nathan: Ich frage dich: Wie klingt der Sound von BOYSETSFIRE? Wir haben uns mit jedem Album verändert und ich kann es gar nicht nachvollziehen, wie Leute auf darauf kommen, dass wir einen spezifischen Sound hätten. (wird aufgeregt) Wir hören so was bei jeder neuen Platte: „What´s this? Why your´re doing something new“? Ich sage, weil wir immer etwas Neues machen! Niemand kann mir erzählen, dass “The Day The Sun Went Out” genau so klingt wie „After The Eulogy“. Und überhaupt, „Tomorrow Come Today“ ist mit nichts zu vergleichen, was wir bisher aufgenommen haben. Zu sagen, dass es einen bestimmten BSF-Sound gibt ist absoluter Bullshit ! Wir machen immer das, was uns verdammt noch mal gefällt.

Würdest du also nicht sagen, dass ihr ein gewisses Risiko eingegangen seid, wenn ihr auf eurem neuen Album auf einmal Trompeten verwendet?

Nathan: Klar gibt es ein Risiko, aber fuck ´em. Es gibt keinen Grund es allen recht zu machen. Wir versuchen nur Musik zu machen, die wir lieben und die uns Spaß macht. Wenn wir immer alles so machen würden, wie es die Kritiker gerne hätten, würden wir uns zu Tode langweilen. Wir sind keine Band, die eine Sache immer gleich macht und angeht. Die Leute sollten das eigentlich langsam wissen – schließlich gibt es uns schon seit über elf Jahren. Wir haben vier Alben veröffentlicht und ne Menge anderen Scheiß herausgebracht und nichts davon klingt wirklich gleich.

Ihr seid mit der Band durch eine sehr harte Zeit gegangen und ich denke, dass man das auch auf dem Album hören kann. Auf der anderen Seite sind BSF niemals eine „Happy Hardcore“-Band gewesen.

Nathan: Right!

Ist es nicht langsam an der Zeit, mit den ganzen schlechten Dingen der Vergangenheit abzuschließen und mal wieder in eine positivere Zukunft zu blicken? Es muss doch auch ziemlich nervig sein, in Interviews immer nur über negative Sachen zu reden…

Nathan: Oh, absolut! Ich stimme dir absolut zu und darum geht es auch bei diesem Album: Es ist ein Weg der Vergangenheit zu entfliehen. Wir waren dachten uns, dass, wenn man die Dinge einfach ignoriert, sie noch schlimmer werden. Es ist besser ein Album zu nehmen und diese dunkle und schlechte Periode darauf zu bündeln, um im Anschluss davon zu lernen und als Band weiter zu kommen. Jetzt ist es erst einmal vorbei und es geht uns allen gerade wirklich richtig gut! Wir sind froh, dass sich die Dinge verändert haben und wir auf diese Songs zurückblicken können und dabei denken: These were the dark times! Das Album ist ein Katalysator, um uns wieder noch vorne zu bringen.

Das klingt sehr interessant – also können wir davon ausgehen auf eurem nächsten Album einen ganz anderen, positiveren Sound zu hören?

Nathan: Auf jeden Fall!

Daran schließt sich auch meine nächste Frage an: Nach all den schlechten Dingen in der letzten Zeit wollte ich dich fragen, was denn für dich die schönsten Momente in den letzten Monaten gewesen sind?

Nathan: Für mich persönlich ist es die wichtigste Sache, dass wir gelernt haben mehr Spaß zu haben und nicht mehr nur noch politisch zu denken und zu reden. Es ist einfach schön live zu spielen, sich mit den Menschen zu unterhalten oder mit den Jungs herumzuhängen. Das Positivste ist es jedoch, wenn jemand nach dem Konzert zu mir kommt und mehr sagt als: „Hey, your band rocks“! Es kam vor, dass mir gesagt wurde: „Euer Album hat mein Leben verändert“, oder „deine Texte haben mir geholfen“. Es ist unbeschreiblich wenn sich zum Beispiel jemand vor mich stellt, der gerade jemanden in der Familie verloren hat, oder das Opfer einer Vergewaltigung gewesen ist und mir sagt: „Ohne eure Musik würde ich nicht mehr leben“. Das ist die die größte positive Sache, die du als Musiker erreichen kannst.

Kommen wir nun zu einer total anderen Frage: Auf der Tour zu eurem letzten Album ward ihr mit einer Band namens ATREYU bei uns unterwegs, die jetzt zu der Speerspitze des aktuellen Metalcore-Booms gehört. Was hältst du von dieser Entwicklung im Hardcore und interessiert es dich überhaupt noch, was in der Szene passiert?

Nathan: Ich kümmere mich ehrlich gesagt nicht so um dieses Metalcore-Ding. Es ist nicht meine musikalische Richtung, also regt es mich nicht besonders auf, aber (seufzt) dieses ständige Schminken finde ich ganz schön albern. Die engen Jeans, das Make-up und diese ganze Fashion-Geschichte, die mit der Szene heranwächst, ist überhaupt nicht mein Ding. Außerdem kann ich es nicht ab, ein Album zu hören, dass die ganze Zeit (brüllkreischt) „braghagdigatd“ geht. Ich mag den Style mal ganz gerne, mixe ihn aber lieber ein wenig, so wie wir es mit unserer Musik machen. Aber auch in meinem Cd-Player oder i-POD wirst du nur gemixte Songs finden: Erst kommt ein Schrei-Song und dann wieder Folk- oder vielleicht Reggaemusik.

Nichtsdestotrotz sind BSF über Jahre hinweg eine der führenden Bands in der Hardcore-Szene gewesen. Ich wollte dich deswegen fragen, was für eine Bedeutung die Hardcore-Musik in der heutigen Zeit noch haben kann, wenn sich die Szene gerade so stark verändert?

Nathan: Es gibt schon große Unterschiede zwischen dem Hardcore von früher und heute: Jetzt gibt es viel mehr Menschen, die diese Musik spielen und hören, weil es einen starken Ausschlag auf dem kommerziellen Markt und dem Musikfernsehen gegeben hat. Außerdem gibt es jetzt viel mehr Richtungen, wie dieses ganze Fashioncore-Ding, das mich zwar langweilt, aber für irgendjemanden sicher wichtig ist. Aber wenn man nur noch auf Äußerlichkeiten und Mode achtet, schaufelt man der Szene ihr eigenes Grab und…

(ein laut brüllender Josh kommt in dem Bandbus, flucht auf alle Journalisten und legt sich schlafen)

…es gab schon immer Probleme in der Szene. Ich denke deswegen wollten wir an einem bestimmten Punkt auch „Tomorrow Come Today“ machen, um uns ein wenig von der Hardcore-Szene weg zu entwickeln. Es ist genau wie jetzt: Ich habe kein Problem mit der Fashion-, oder Marketing-Sache; was mich nur wirklich aufregt sind die Leute, die einfach nicht ihre Fresse halten können!  Das einigste was die können, ist scheiße über mich zu labern und vor ihren kleinen Computern zu hocken. Sie würden nie auf die Idee kommen, mich auf einer Show anzusprechen und mir gewisse Dinge ins Gesicht zu sagen. Und das ist das größte Problem in jeder Bewegung oder Szene… (regt sich noch eine Weile auf)

Langweilt es dich nicht manchmal über „die Szene“ zu sprechen? Gab es schon mal  einen Punkt an dem du dachtest, „scheiße, ich brauche euch nicht – lasst mich in Ruhe“?

Nathan: Ich bin schon oft in der Situation gewesen, in der ich gedacht habe: „Fuck this, fuck Hardcore“, aber zur gleichen Zeit musste ich auch immer an die positiven Seiten denken. Für uns als Band heißt es zum Beispiel, dass wir heute vielleicht nicht hier spielen würden, wenn es keine Szene geben würde. Viele Leute sind sehr offen und verständnisvoll.
Wir haben uns ursprünglich nie als Hardcore-Band angesehen und wollten nur unsere Musik spielen. Aber plötzlich kam die Szene und nahm uns auf. (lacht) Es gibt viel Bullshit aus  dieser Richtung, aber auch so viel gutes, was mich an die Szene bindet. Außerdem glaube ich an die Idee, Dinge von innen heraus zu verändern und nicht einfach wegzulaufen.

(Der Tourmanager bittet um etwas Ruhe, weswegen wir uns in den hinteren Teil des Busses zu Chad und einem Tourbegleiter verziehen)

Welches war die dümmste Frage, die euch je gestellt wurde?

Nathan: Ey Jungs, helft mir mal!

Chad: Warum sind eure harten Songs nicht zu gut wie die ruhigeren Lieder – sind sie euch egal?

Nathan lacht: Ja, die war gut!

Roadie: Findet ihr nicht auch, dass ihr euch anhört wie System Of A Down? Und das war kein Kompliment…

Hier kommt eine weitere dumme Frage: Welches war die Frage, die ihr noch nie gefragt wurdet, die ihr aber gerne mal gestellt bekommen hättet?

Alle: Wooooh!

(alle blödeln die nächsten 5 Minuten herum)

Gibt Ziele für die nahe Zukunft, die ihr zusammen erreichen wollt?

Nathan: Unser größtes Ziel ist es, heute Abend eine gute Show zu spielen und viel Spaß zu haben. Morgen noch einmal dasselbe und dann ist es unser Ziel drei lockere Urlaubs-Tage in Berlin zu verbringen. Wir halten nichts davon uns hohe Ziele zu stecken. Wenn man so weit denkt kann man nur enttäuscht werden. Wir versuchen lieber unser bestes zu geben, wenn wir es geben können.

Vielen Dank für das Interview!