AMPERSAND: „Kopfmusik die in den Arsch wandert“

„The Can-Can Variety Show“ ist veröffentlicht und es ist ein wahres Monster von Album geworden was AMPERSAND da aufgenommen haben. Sänger Barz verließ die Band kurz nach der letzten Tour, Produzent und Gitarrist Hannsu Lakkien übernahm die Position in der Mitte. Der ehemalige SENS SECURE-Sänger passt. „The Can-Can Variety Show“ ist der Beweis.

Vorab erstmal „Herzlichen Glückwunsch“ zum neuen Album „The Can-Can Variety Show“. Allen Anschein nach war der Ausstieg eures Sängers Barz ein Neuanfang für die Band… Wie seht ihr das?

SARGENTO: Ja, so hat sich für uns auch angefühlt. Das hat sich ja nicht von jetzt auf gleich so ergeben, sondern deutete sich irgendwie schon ein paar Monate an. Außerdem ändert sich der Sound einer Band doch ganz erheblich, wenn Gesang und Gitarre anders besetzt werden.
SHMELLACK: Wenn man sich die vergangenen Veröffentlichungen anhört, muss man jedoch ergänzen, dass es zwischen den Alben immer recht große Sprünge gab. Für mich war die „Macro“ immer so ein „angry young man“-Ding und die „Boredom“  experimentierfreudiger. Letztlich ist „…variety show“ auch eine logische Konsequenz der Erfahrungen aller aktuellen Bandmitglieder …

Gab es Überlegungen die Band komplett aufzulösen?

SARGENTO: Hannsu war ja schon seit ein paar Monaten fester Bestandteil der Band als Barz ausgestiegen ist – es hat sich daher – glaube ich – keiner auch nur eine Sekunde die Frage gestellt aufzuhören. Hätten wir in dieser Situation ohne Gitarre und Gesang dagestanden, dann wäre das vermutlich anders gewesen!
SHMELLACK: Den Gedanken die Band aufzulösen gibt es immer noch quasi täglich – aber solange wir weiterhin so dicke Kohle damit verdienen, schlachten wir die Sau noch nicht….

Wolltet ihr den Namen AMPERSAND von Anfang an behalten – oder gab es Pläne einer Neugründung?

SARGENTO: Es gab zunächst die Idee, der Band einen anderen Namen zu geben. Nach einigen Monaten haben wir dann aber gemerkt, dass sich das für alle Beteiligten einfach nach Ampersand angefühlt hat, was wir da machen. Außerdem wäre der Aufwand eines Neuanfangs unter anderem Namen sehr hoch gewesen… man darf nicht vergessen, dass es nach wie vor sehr schwierig ist, als Band gebucht, besprochen bzw. gesignt zu werden – von daher machte es für uns auch rein pragmatisch gesehen einfach Sinn, die Welt nicht mit einem neu zu erlernenden Namen zu belasten.
SHMELLACK: Es gab eigentlich nur eine Alternative für einen neuen Namen: SANS SECOURS – fanden wir aber dann doch zu abgegriffen, da es erst dann Sinn macht, den Namen neu zu beleben, wenn entsprechend Geld dafür gezahlt wird.

Hannsu, der die älteren AMPERSAND-Platten produziert hat, ist mittlerweile Sänger und Gitarrist der Band.Wessen Idee war es, Hannsu singen zu lassen? – eine gute Idee übrigens… hat sich Hannsu vom Produzenten zum Bandleader entwickelt?

SARGENTO: Hannsu war ja sehr schnell mehr als nur ein reiner Produzent für uns. Er stand schon zu den allerersten gemeinsamen Aufnahmen mit im Proberaum und beteiligte sich an den Songarrangements. Bei der zweiten gemeinsamen Platte spielte er dann schon Gitarren mit ein und war aktiv am Songwirting bei einigen Songs beteiligt. Das war also alles ein sehr natürlicher Prozess und nicht als Blitzidee im Raum. Es hat sich einfach so ergeben und dann war nach dem Ausstieg vom Barz einfach klar, dass Hannsu singen würde. Abgesehen davon waren wir alle auch große Sans Secours Fans, er hatte also was das anging einfach schon einen dicken Stein im Brett bei uns…
HANNSU: Naja, für mich war das alles nicht ganz so einfach. Da das Ende von Sans Secours schon nicht so einfach für mich war, hab ich mir eigentlich damals geschworen nie mehr wieder live zu spielen. Was daraus geworden ist, sieht man ja…

Auf „The Can-Can Variety Show“ klingt ihr wesentlich greifbarer als auf den alten Platten. Schnauze voll von großen Expriementen?

SHMELLACK: „SCHNAUZE VOLL“ klingt nach Ende der Entwicklung – und eine Evolution gleich welchen Coloeur sollte weiterhin erkennbar bleiben. Fakt ist, dass wir aus unseren Erfahrungen Rückschlüsse ziehen konnten, die den Weg für die „…variety Show“ ebneten. Letztlich sollte das Ergebnis auch bewusst unbekümmert und frei klingen – ich denke das ist uns ganz gut gelungen. Außerdem gefällt mit die Metapher „Kopfmusik die in den Arsch wandert“ sehr gut – Könnt ihr vom SMASH MAG auch gerne als Überschrift für diesen Artikel wählen – bei Zahlung einer kleinen Schutzgebühr.
SARGENTO: Das war das eigentliche Experiment für uns. Es ist doch wesentlich einfacher, sich in Soundscapes und Improvisationen zu verlieren, als einen Song wirklich auf den Punkt zu bringen. Für uns war dieses Soundding für den Moment einfach durch. Zu langweilig auf die Dauer und von zu vielen Bands in den letzten 10 Jahren ausufernd zelebriert. Abgesehen davon war die Stimmung plötzlich auch viel extrovertierter. Es geht heute mehr um Entertainment und weniger darum, den Leuten eine Projektionsfläche für ihren Weltschmerz zu bieten. Unserer Meinung nach könnte das noch greifbarer und griffiger werden. Wir müssen niemandem mehr Intellektualität oder Tiefgründigkeit demonstrieren – wir sind jetzt im dem Alter in dem ohne schlechtes Gewissen gefeiert werden darf.
HANNSU: Sowohl Ampersand als auch Sans Secours haben sich in den Indie-Sound-Noise Gefilden lange bewegt und auf irgendeine Art und Weise einen toten Punkt erreicht. Es wäre für uns viel einfacher gewesen, mit dieser Ästhetik weiterzumachen, aber wir hätten uns und unsere Fans damit einfach nur belogen. Deswegen wollten wir etwas Neues und Frisches erschaffen – ohne irgendein Füll- oder Beiwerk – einfach die reine Idee von uns gespielt. Wir wollten das Risiko eingehen und die Platte bzw. die Songs so produzieren, dass man nur das hört, was wir spielen und so wie wir es spielen. Wir haben keine großen Overdubs, keine Zilliarde an Spuren und Sounds – nur Gitarre, Bass und Schlagzeug und man soll jede noch so kleine Unwichtigkeit hören. Wenn das dann am Ende duenn und schlecht klingt, hören wir auf – wenn´s aber fett und nach uns klingt, dann bringen wir die Platte raus und gehen auf Tour – und das machen wir gerade!

Ab nächsten Freitag geht ihr auf Tour. Werden die Zuschauer auch noch in den Genuss alter AMPERSAND-Songs kommen?

SARGENTO: Ja, ein paar alte Ampersand und auch Sans Secours Songs haben es ins Tracklisting geschafft. Dadurch, dass heute aber schon vieles anders klingt, gibt es nur noch wenige Songs die im jetzigen Kontext gut passen und realisierbar sind.
SHMELLACK: Ja definitiv – es wird einen Querschnitt aus nahezu allen Schaffensperioden der Band geben, wobei das Schwergewicht eindeutig auf dem neuen Album „Hackepeters Revenge“ liegen wird.

Glaubt ihr, dass ihr mit der neuen Platte alte Fans verprellt?

SARGENTO: Ach, es gibt immer Leute die was zu motzen haben. Auch zur zweiten Platte hatten wir angeblich Fans verprellt. Die klang vielen auch schon zu eingängig und zu anders. Es gibt doch nichts langweiligeres, als eine sich nicht verändernde Band und ehrlich gesagt machen wir die Musik an diesem Punkt dann doch eher für uns. Wir sind ja auch anders geworden, haben uns weiterentwickelt – jeder für sich und als Band schon allein aufgrund der personellen Veränderung. Wie hat Herbert Grönemeier so schön gesungen: Stillstand ist der Tod? Und der Mann muss es wissen… 😉 Ich glaube allerdings, dass die neue Platte weit aus mehr Leute interessieren wird als die Vorgängeralben. Es ist einfach zugänglicher geworden, nicht mehr so schroff und kantig.
HANNSU: Wir hatten noch nie so ein tolles Team um die Band herum – unser Label steht widerspruchslos hinter uns und unterstützt uns mehr denn je. Unser Booking arbeitet so engagiert und gut wie noch nie zuvor. Es kommen zu jeder Tour mehr Leute in unsere Konzerte. Wir haben noch nie so nette Fanmails bekommen wie jetzt. Was heißt verprellt? Wir versuchen neues zu machen und uns weiterzuentwickeln – nur in den seltensten Fällen machen viele Leute die exakt gleiche Entwicklung in der exakt gleichen Zeit durch, daher trennen sich manchmal Wege und andere wiederum nähern einander an. Das ist doch ganz gut so, oder?

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