NO FUN AT ALL: Den Hives in den Arsch treten!

Das neue Album “Low Rider” von No Fun At All bringt alle alten Fans in Verzückung und lässt die Wünsche nach einer Deutschlandtour der Punkrockhelden lauter werden. Daher sollte auch ein stressiges Wochenende kein Hindernis darstellen, um den Weg nach Berlin für ihr Einzelkonzert auf sich zu nehmen. Auch wenn die Schweden auf der seelenlosen und sterilen „T-Mobile-Street Session“ etwas fehl am Platze waren, sollten die alten Fans ihr Kommen nicht bereut haben: Mit vielen neuen Stücken im Gepäck, feuerten die Schweden den MTV Kiddies ihre Old School Punkkracher vor die Mütze, dass der letzte Emoscheitel durchgebürstet wurde. Im Vorfeld gaben Sänger Ingemar Jansson und Gitarrist Christer Mähl ein ausgedehntes Interview, welches ihr hier in Auszügen nachlesen könnt.

Ich möchte euch beglückwünschen: “Low Rider” ist ein tolles Album geworden, das bei den alten Fans prima anzukommen scheint. Wie seht ihr das neue Album?

Ingemar: In seiner Entstehung und der Herangehensweise stellt das Album sicherlich einen Schritt zurück dar, weil es viel schneller und härter ist. Während den Aufnahmen zu „State Of Flow“ hat sich die Band in einem chaotischen Zustand befunden und wir hatten keinen Spaß mehr bei der Sache. Wir waren ermüdet von der ganzen Punkrock Geschichte und wollten in eine andere Richtung, um viel mehr… viel mehr (gerät ins Grübeln)… ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung mehr. Aber das war „State Of Flow“ und wir waren wirklich unglücklich mit dem Album. Daher mussten wir uns bei dem neuen völlig umorientieren. Und als Micke uns ein paar „Old School Songs“ vorgespielt hatte, waren wir gleich begeistert und davon überzeugt, ein paar wirklich schnelle Stücke aufzunehmen. Denn eigentlich können wir das ja auch am besten.

Viele Fans vergleichen „Low Rider“ sofort mir „No Straight Angels“. Ist die Ähnlichkeit kalkuliert oder eher zufällig zu Stande gekommen?

Christer: Eigentlich sind die Stücke „einfach so“ entstanden. Wir kennen einfach unsere eigenen Stärken und daher haben sich die Aufnahmen auch sehr gut angefühlt.

Ingemar: Bei unseren älteren Alben mussten wir uns immer sehr zurücknehmen, um nicht nach anderen Bands zu klingen. „Vielleicht sollten wir dies lieber doch nicht aufnehmen, oder vielleicht lassen wir jenen Teil lieber weg.“ Wir haben uns viel zu viele Gedanken gemacht. Bei der Entstehung von „Low Rider“ war es uns aber irgendwie egal und wir haben einfach aufgenommen, was sich gut anhört hat. Wenn jemand sagt, „das habt ihr aber schon früher mal auf einem Album gemacht“, ist es uns ziemlich schnuppe. Es gibt ganz offensichtlich ein paar Parts, die sich ziemlich nach Bad Religion anhören… aber warum denn nicht? Wir alle mochten schon immer Bad Religion, also warum sollen wir ihnen keinen Tribut zollen?

Christer: Wir hatten einfach keine Angst mehr, wie jemand anderes zu klingen.

Auf eurem letzten Album „State Of Flow“ seid ihr aber noch in eine ganz andere musikalische Richtung gegangen, indem ihr bewusst ruhiger und melancholischer geworden seid. Wer von euch Musikern musste bei „Low Rider“ die Zähne zusammenbeißen und Zugeständnisse machen?

(beide fangen grummelnd an zu überlegen)

Christer: Nun gut, man muss immer einen Kompromiss aushandeln.

Ingemar: Micke schreibt alle Songs alleine und dann arrangieren wir sie gemeinsam im Proberaum. Bei dieser Arbeitsweise kommen wir schnell zu einer Verständigung, in welche Richtung die Stücke gehen sollen.

Christer: Micke war dieses Mal sehr offen für neue Ideen und hat unsere Anregungen auch berücksichtigt. Vielleicht lag es einfach daran, dass wir uns seit Jahren nicht mehr im Studio begegnet sind und nun viele neue und frische Ideen im Kopf hatten. Unsere Vorstellungen gingen alle in die selbe Richtung.

Die Fans vermissen eigentlich nur das obligatorische „Burning Heart“ Logo auf dem Album. Schließlich haben Micke und Ingemar sogar kurzzeitig für das Label gearbeitet und es schien beinahe wie eine „Familie“ für No Fun At All zu bilden. Warum habt ihr das Album bei eurem eigenen Label „Beat Em Down Records“ herausgebracht?

Ingemar: Die Zeiten ändern sich und Burning Heart Records ist nicht mehr das Selbe. Es gibt keinen Office mehr für Burning Heart und es arbeiten keine Leute von früher mehr bei dem Label: Heute ist es ein pures Sublabel von Epitaph. Wir hatten anfangs natürlich versucht, das Album über Burning, also über Epitaph zu vertreiben. Aber sie haben uns einen solch miesen Deal angeboten, dass wir schnell abgewunken haben. Also haben wir in einer Kooperation mit einem Bekannten von Micke, unserem jetzigen Tourmanager, einfach unser eigenes Label gegründet. Wir behalten die volle Kontrolle und er kümmert sich mit Deaf And Dumb Music um die Promotion und das Marketing. Anders könnten wir die Band nicht am Leben erhalten, weil wir alle berufstätig sind und nur wenig Zeit haben. Wir haben auch keine Ahnung von dem Marketingzeug, weil früher Burning Heart alles für uns erledigt hat.

Christer: Es fühlt sich irgendwie frisch und gut an, wieder von vorne anzufangen und dabei trotzdem die Kontrolle zu behalten.

Wir sind hier ja auf den „T-Mobile-Playgrounds“, einem Funsportfestival, bei dem es aber eigentlich um Handywerbung geht. Wie um alles in der Welt seid ihr denn bitte an diesen Auftritt gekommen?

Ingemar: Es gab da eine Anfrage von unserer alten Booking Agentur: „Hey Jungs, wollt ihr in Berlin mit The Offspring spielen?“ Und mit denen haben wir 2000 schon ein paar tolle Shows gehabt. Aber auf der anderen Seite, wie soll ich das sagen, also eigentlich hasse ich solche Werbeshows total. (alle lachen) Ich kann wirklich nicht mehr sagen, warum wir uns für diesen Auftritt entschieden haben. Hauptsächlich wohl deswegen, weil Noodles von The Offspring einmal ein NFAA-Shirt bei den MTV Video Music Awards getragen hat. Das fanden wir damals ziemlich cool.

Kommen wir nun auf euer neues Album zu sprechen. Zunächst würde mich einmal interessieren, warum ihr ein Bike auf euer Cover gesetzt habt?

(beide lachen)

Ingemar: Das ist ein Low Rider Bike und wir fanden die Idee ganz witzig. Vielleicht wollten wir einfach ein Statement gegen diese ganze Actionsport Szene bringen, weil man auf den Low Rider Bikes mal überhaupt keine Tricks machen kann und sie überhaupt ziemlich unbequem sind. (Beide fangen an etwas herumzualbern.)

Christer: Und natürlich sieht es einfach ziemlich cool aus.

…wie der Cowboyhut.

Ingemar: Ich bin nun mal ein Countryboy und höre fast nur alternative Country Musik. Deswegen trage ich zu Hause tatsächlich oft einen Cowboyhut.

Außerdem scheint ihr gerade auf Death Metal zu stehen, wie man an eurem In Flames Cover hören kann. Welches sind denn eure Lieblingsalben?

(beide lachen)

Christer: Definitiv „Slaughter Of The Soul“ von At The Gates, meiner Meinung nach das beste Death Metal Album aller Zeiten.

Aber mal ernsthaft, wer hatte denn die Idee mit dem „Episode 666“ Cover.

Ingemar: Es war Mickes Idee, nachdem wir uns schon lange bei In Flames revanchieren wollten. Und mit dem Ergebnis waren sind wir sehr zufrieden.

Christer: Trotzdem wollten wir „Episode 666“ eigentlich nur als B-Seite für die Single oder als Bonustrack benutzen. Aber dann gefiel es uns doch zu gut.

Ich mag euren Opener „Mine My Mind“ sehr, bei dem es um Roky Erikson gehen soll. Allerdings bin ich aus dem Text nicht recht schlau geworden…

Ingemar: Nun ja, er hatte halt ein hartes Leben (überlegt). Der Song ist vielleicht so etwas wie ein Gedicht über sein Leben: es war sehr tragisch, aber am Ende ist doch noch alles gut geworden. Wenigstens kann er jetzt über sein Leben bestimmen. Sein Bruder ist über 30 Jahre lang sein Vormund gewesen und hat alle rechtlichen Belange in der Hand gehabt, weil Roky offiziell als „verrückt“ erklärt wurde.

Bei einem früheren Gespräch hattest du erwähnt, dass du wohl keine politischen Songs mehr schreiben willst. Nun ist 2006 die Sozialdemokratie in Schweden abgesetzt worden und die „Allians för Sverige“ an die Macht gekommen. Außerdem haben die rechten „Sverigedemokraterna“ immer mehr Stimmen bekommen. „There Must Be A Better Way“ scheint sich wieder gegen das Establishment zu wenden. Hat es etwas mit der Wahl zu tun?

Ingemar: Die Situation in Schweden hat sich einfach massiv verschlechtert und das hat genau mit dieser Wahl zu tun: Jetzt hat die konservative Partei die Regierung übernommen und mir gefällt es gar nicht, wie sie über das Land entscheiden und regieren. Die ganze Situation auf dem Arbeitsmarkt hat sich verschärft und es ist ein sehr hartes Leben, wenn man arbeitslos werden sollte. Alle Sozialleistungen werden allmählich gekürzt und man kann das auch in kleinen Gemeinden wie Fagersta richtig sehen, wie sich die Dinge verändern. Natürlich haben wir schon immer in einer kapitalistischen Gesellschaft gelebt, aber zur Zeit wird es immer schlimmer: Man muss immer mehr auf sich selbst aufpassen, weil der Staat dabei ist, manche Aufgaben und Leistungen einzustellen. Leider haben sich die Sozialdemokraten selbst zerstört…

…was wir in Deutschland zurzeit auch erleben. Aber da ist noch etwas anderes an dem Song, weil sein Ausklang sehr stark an „Bro Hymn“ von Pennywise erinnert.

Ingemar: Da hast du uns ertappt, denn es ist tatsächlich eine kleine Hommage an Pennywise. Sie haben uns immer beeinflusst und sind sehr nette Typen.

Ihr habt im Frühjahr einen sehr guten Auftritt beim Groezrock in Belgien hingelegt, den viele Besucher als Highlight wahrgenommen haben. War der Auftritt auch für euch etwas Besonderes?

Christer: Ja, es war eine wirklich gute Show. Es ist ziemlich beeindruckend, wie sehr das Festival über die letzten Jahre hinweg gewachsen ist. Als wir zuletzt dort gespielt hatten, waren es noch 4000 Leute und heute sind es ja fünfmal so viele. Und die Veranstalter und die ganze Crew sind wirklich sehr nette Leute, bei denen man gleich das Gefühl bekommt, dass sie mit ihrem Herzen bei der Sache sind und sich eng mit der Punkrockszene verbunden fühlen.

Welchen Auftritt seit eurer Reunion habt ihr denn als besonders gut in Erinnerung?

Ingemar: Ich denke oft an das Konzert in Peer (Belgien) zurück, das du ja auch miterlebt hast. Die ganze Crowd war unglaublich und hat mitgesungen wie verrückt. Ich habe mich noch lange an diesen Abend zurückerinnert und hatte viel Spaß bei dem Auftritt. Am besten ist für mich als Sänger auf der Bühne, wenn das Publikum richtig laut mitsingt.

Christer: Das erste Konzert in Sandviken und unser Konzert im Kölner Underground waren aber auch etwas ganz Besonderes.

Ingemar: Und unser erstes Konzert in Fagersta, wo wir den Hives in den Arsch getreten haben! Die Hives hatten vor Jahren einmal in diesem kleinen Club gespielt und hinterher sagten sie alle, dass es die beste Show aller Zeiten in Fagersta gewesen wäre. Die Stadt ist nämlich wirklich klein und man würde eher denken, dass die Kids dort Konzerte nur zum Discodancen und zum Saufen besuchen. Überraschenderweise wurde unser Auftritt aber zu einer wirklich guten Rockshow, womit wir gar nicht gerechnet hatten. Und wir haben – nach Ansicht der Leute – die Hives „als beste Band in Fagersta“ geschlagen.

Nach den Einzelkonzerten und dem neuen Album: Können wir nun auch mit einer richtigen Tour von No Fun At All rechnen?

Ingemar: Wir werden wohl keine ganze Tour mehr spielen können; aber wir haben uns überlegt, vier Konzerte an vier hintereinander liegenden Tagen zu spielen und das in drei, vier Blöcken zu wiederholen. Dabei werden wir uns wohl auf Deutschland konzentrieren und – wenn alles klappt – im Januar/Februar 2009 zurückkommen. Im April werden wir für 3 Konzerte nach Spanien gehen und eines in Portugal spielen. Außerdem werden wir unser erstes Konzert der Bandgeschichte in Griechenland spielen.

Zurzeit wird auf seriösen Kartenvorverkaufsseiten ein Konzert im Januar in Münster angekündigt, gemeinsam mit No Use For A Name… ist da was dran?

Ingemar: Nein, dieses Konzert wird nicht stattfinden und sollte auch seit einigen Monaten nicht mehr im Internet stehen. Da gab es so einen Typen, der uns ganz schön die Tour vermasselt hat und uns noch 1000 Euro schuldet. Er wollte uns nämlich eine Europatour organisieren, wobei wir aber nach kurzer Zeit abgelehnt hatten. Nur leider hat dieser Typ schon angefangen Tickets für die Konzerte zu verkaufen, wie zum Beispiel in Saarbrücken, obwohl es von unserer Seite noch kein „ja“ gegeben hatte. Es ist wirklich seltsam… und jetzt versuche ich ihn ständig über Emails zu erreichen, weil er uns noch Geld schuldet. Am besten informiert ihr euch über unsere Myspace-Seite über die offiziellen Konzerte.

Also wird es definitiv im Frühjahr diese „Konzertblöcke“ in Deutschland geben?

Ingemar: Wir haben es noch nicht zu 100% abgeklärt, aber ja, ich denke schon.

Wenn ich euch heute hier in Berlin so wieder sehe, macht ihr für mich einen ziemlich entspannten Eindruck und scheint recht zufrieden zu sein, wie die Dinge für die Band gerade laufen. Was für Erwartungen habt ihr an die Zukunft von No Fun At All?

Ingemar: Es gibt keinen Masterplan oder Ähnliches; wir gehen einfach ruhig an die Sachen ran und lassen die Dinge auf uns zukommen. Was passiert, passiert eben und wir haben keine Vorstellungen von der Zukunft. Zurzeit sind wir einfach nur relaxt und froh, dass wir mit No Fun At All wieder live spielen können.

Info: www.nofunatall.com

(Jan Laging)