TIGER LOU: Alles inspiriert mich!

Tiger Lou – Das sind Rasmus Kellermann und seine Live-Band. Schwedischer Musikimport vom Allerfeinsten, der vor allem mit beeindruckenden Texten und melancholisch-schönen Klängen überzeugt. Nach der Veröffentlichung seines dritten Albums “A Partial Print” ist der heutige Gig der erste in Deutschland nach Anbruch des Jahres 2009. Wir haben den Wahlberliner, der gerade seinen 29. Geburtstag feierte, nach seinem Konzert im KIOTO Lagerhaus in Bremen getroffen. Barfuss und mit einem freundlichen Lächeln begrüßt er uns und nimmt auf der Tribüne Platz.

Rasmus, dein letzter Auftritt in Stockholm ist nun zwei Wochen her, was hast du in der Zwischenzeit gemacht?

RASMUS: Hmm…Ich habe viel rumgehangen und relaxt. Habe Zeit mit meiner Frau in Berlin verbracht. Wir haben das schöne Wetter genossen und sind zusammen durch die Stadt gefahren – mit unseren Fahrrädern.

Warum hast du Berlin gewählt; um in Deutschland zu leben?

RASMUS: Das erste Mal zogen wir nur für eine kurze Zeit nach Berlin, für drei Monate. Das ergab sich, weil meine Frau und ich zeitgleich aufhörten zu touren und wir mal etwas Neues tun wollten. Halt mal etwas anderes ausprobieren. Wir hatten hier damals schon viele Freunde, spielten zuvor ein paar Shows in Berlin und wussten ein Wenig über die Stadt. Also zogen wir um, sie nahm den restlichen Teil ihres damaligen Albums mit einem Freund auf und wir waren vorerst beide hier, um Abstand von Zuhause zu gewinnen und um uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Dann gefiel es uns. Sehr sogar!

Was denkst du über Berlin?

RASMUS: Im Vergleich zu Stockholm ist Berlin eine sehr entspannte Stadt. Es ist zwar immer irgendwo etwas los und überall sind Menschen, aber irgendwie wirkt es nie stressig. Das ist in Stockholm zum Beispiel ganz anders. Dort ist alles so klein, zusammengepfercht, wirklich überfüllt und alles läuft so schnell ab. Das hast du in Berlin nicht. Für mich hat Berlin auch kein richtiges Zentrum. Das Zentrum Stockholms ist allerdings sehr zentral, verstehst du?

Aber das ist auch, weil Stockholm durch das Wasser ziemlich verstreut wird.

RASMUS: Ja, aber in Berlin ist das auch nicht anders! Du hast die Flüsse und Seen, die durch die Stadt fließen und die verschiedenen Grenzen. Das gibt einem das Gefühl, als würden sich fünf, sechs kleine Städte zu einer Großstadt zusammenschließen.

Fühlt es sich denn anders an, Auftritte in Deutschland zu spielen, seitdem du hier lebst?

RASMUS: Das kann ich so nicht sagen. Ich denke, wenn du es mit Schweden vergleichst, dann haben die Deutschen eine stärker ausgeprägte Kultur Livebands zu sehen. In meiner Heimat ist das nicht so. Da spielst du meistens freitags oder samstags, denn es ist wirklich schwer, unter der Woche auftreten zu können. An den Wochenenden kommen zwar auch viele Leute, aber die sind eher darauf bedacht zu trinken – für meinen Geschmack ein wenig zu viel -, zu feiern und die Woche ausklingen zu lassen. Es fühlt sich aber nicht danach an, dass die Leute da sind, um deine Musik zu hören. In Deutschland hat man eher das Gefühl, die Menschen machen sich den Aufwand rauszugehen, an jedem Tag in der Woche. Egal wo du spielst – sie möchten deine Songs hören. Sie nehmen richtig teil; das ist mir sehr wichtig, wenn ich vor ihnen spiele. So war das auch heute Abend.

Und wie fandest du deine erste Show 2009 in Deutschland?

RASMUS: Ähm…es war komisch, das liegt vor allem daran, dass wir eine Band sind, die nicht in derselben Stadt leben. Das bedeutet, wir proben zwischendurch nicht, sondern immer, bevor wir spielen. Also lag die letzte Probe schon zwei Monate zurück. Danach ist der erste Auftritt immer irgendwie komisch.

Aber es lief gut…

RASMUS: Ja, wir hatten viel Spaß dabei. Es ist auch immer wieder interessant zu sehen, wie man mit der Zeit wächst, verstehst du? Du spielst und machst vielleicht keine Fehler und wenn du einen machst, dann lachst du darüber. Eine gute Zeit auf der Bühne zu haben ist mir auch am wichtigsten.

Wie lange hat es gedauert, deine neuste Platte “A Partial Print” zu produzieren?

RASMUS: Das hängt davon ab, wie du rechnest! Vom Anfang bis zum Ende dauerte es fast zwei Jahre. Ich begann die Texte Ende 2006 zu schreiben, die Aufnahmen begannen im Herbst 2007 und im Juni letzten Jahres mischten wir dann die Songs ab. Wenn du aufnimmst, arbeitest du zwei Tage in der Woche von 9 bis 17 Uhr, dann fährst du nach Hause. Das ist immer so. Aber genau darum dauert es auch soge. (lacht)

“A Partial Print“ wurde als ein gefeatures Album veröffentlicht. Mikael Jonasson und Bodycase sind nur zwei Künstler, mit denen du zusammengearbeitet hast. Wie kam es dazu?

RASMUS: Alles fing mit der Idee an, ein paar Remixes zu machen, da ich selber gerne elektronische Musik höre. Daraufhin fragte ich einfach ein paar Musiker, die ich wirklich bewundere. Dann sagten plötzlich alle zu. Ich musste mit meiner Plattenfirma verhandeln, dass ich noch mehr Geld für die Produktion zur Verfügung gestellt bekomme, um das ganze Album remixen zu können. Die Idee entstand also erst mit der Arbeit.

Musstest du viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Künstler dafür zu begeistern?

RASMUS: Es war nicht schwer, sie von meiner Idee zu überzeugen. Ich denke, dass jeder Musiker dazu tendiert, die Musik zu hören, die er selbst nicht macht. So, wie ich halt gerne Techno höre, hören andere Rock. Ich glaube, dass dieses Projekt für die Musiker demnach in erster Linie spannend und sehr interessant gewesen ist. Es ist ja vor allem eine Herausforderung, Musik zu machen, die nicht im Geringsten danach klingt, was du sonst machst.

Eine Pressemitteilung des zweiten Albums “The Loyal” besagt, du hattest die Idee ein Album zu produzieren und nicht nur eine Sammlung von Songs zu machen. Was meintest du damit?

RASMUS: Es ist so, dass mein erstes Album definitiv eine Sammlung meiner Lieder war, die ich über zwei, drei Jahre geschrieben habe. Sie hatten also keine richtige Verbindung zueinander. Du sagst quasi: “Hey, wir haben hier zehn Songs, lass uns daraus ein Album machen!” Aber bei den letzten beiden Alben wusste ich von Anfang an, was für ein Album ich machen wollte. Speziell für “A Partial Print” schrieb ich die Tracks fast chronologisch. Als wir sie im Studio aufnahmen, wussten wir immer, welcher Song der nächste sein wird, denn es war wie eine Fortsetzung.

Ist das der Grund, warum deine neueren Alben sich ein Wenig düsterer anhören?

RASMUS: Hmm…Das weiß ich nicht. Ich denke das liegt daran, dass ich generell viel Musik höre, die nicht so fröhlich ist. (lacht)

(ironisch) Du bist aber nicht depressiv?

RASMUS: Nein, das auf jeden Fall nicht! Das ist einer der Gründe, warum ich es nicht bin. Gerade weil so viele depressive Songs schreibe. Das ist wie…wenn man Kickboxen geht, weil man sauer ist. Du kannst so viel Frust und Ärger abbauen, dass du dich danach großartig fühlst. Das ist wie bei den Grindcore oder Metalbands. Wenn du sie triffst, sind die ungefähr so: “Hey, möchtest du auch eine Banane?” Und danach gehen sie auf die Bühne und lassen beim Shouten alles raus.

Also düstere Songs schreiben ist dein Kickboxing?

RASMUS: Yeah, so ungefähr!

Was inspiriert dich?

RASMUS: Ich nehme an, alles inspiriert mich. Das können Bücher sein, die ich lese;  Filme, die sehe; Musik, die ich höre oder Kunstshows die man besucht. Man hört und sieht hier und da immer wieder Sachen, die einem im Gedächtnis bleiben und die man eine Zeit mit sich herumträgt. Das ist das, was meine Musik inspiriert.

Deine Songs wirken oft wie Geschichten, sind es deine eigenen?

RASMUS: Manchmal schon, klar!

Kannst du uns ein Beispiel geben?

RASMUS: Ahh…der erste Tiger Lou Song, den ich schrieb. Er heißt “Second Time Around”. Der handelt von mir, als ich gerade von Stockholm nach London ging und alles zurückließ, um zu einer Frau zu ziehen. Und ich schrieb über mehrere solcher Momente. Aber irgendwann gibt es keine Geschichten mehr. Dann denkst du sie dir halt aus.

Wie war das bei “Oh Horatio”? Existiert Horatio wirklich?

RASMUS: Nein, es gibt ihn nicht direkt. Wenn du beginnst zu touren, gibt es etwas, das dir gefällt, aber auch etwas gruselig ist. Wenn du alleine reist, triffst du jeden Tag eine Menge Leute. Jedes Gesicht ist ein neues Gesicht, das du vermutlich auch nie wieder sehen wirst. Du unterhältst dich jeden Abend mit einem anderen und man erzählt sich ein bisschen über einander. Ich habe auf diesem Wege viele Menschen getroffen. Darum geht es in dem Song.

In diesem Sinne: Schön, dich getroffen zu haben und Dankeschön für das Interview!

Info: www.tigerlou.net

(Catharina Lutze)