GROSSSTADTGEFLÜSTER: Uneingeschränkt und zu 100 % Kompromisslos

Seit 2003 bereichern Sängerin Jen Bender, Bassist Raphael Schalz und Schlagzeuger Chriz Falk die deutschsprachige Musiklandschaft mit ihrem rotzfrechen, urbanen Elektropop. Nach ihrem Debüt „…muss laut sein!“ mit dem Hit „Ich muss gar nichts“ und unzähligen Live-Auftritten legen Grossstadtgeflüster mit ihrem neuen Album „Bis einer heult“ jetzt nach. Frecher, mutier und konsequenter als beim Vorgänger bringt „Bis einer heult“ das Lebensgefühl selbstbewusster, nicht-stromlinienförmiger Querdenker immer wieder auf den Punkt.

Gratulation zum neuen Album „Bis einer heult“. Wie oft habt ihr während den Arbeiten zum neuen Album vor Verzweiflung geheult?

JEN: Vielen Dank. Oh ja, einige Male…sowohl aus Verzweiflung, als auch vor Freude, als sich die Verzweiflung aufgelöst und sich der Weg abgezeichnet hat.

Was steckt hinter diesem Titel?

JEN: Eine Spielplatz-Redewendung. die entspannte Eltern gerne mal vor sich hin murmeln wenn ihre Kidz abdrehen und sich in ihrer Energie solange hochschaukeln bis einer heult!

Euer erstes Album erschien über Sony, das jetzige über euer eigenes kleines Indie Label. Was hat euch dazu bewegt, ein eigenes Label zu gründen und nicht erst mal nach einem anderen Label -sei es Major oder Indie- zu suchen?

JEN: Es war eine Entscheidung, die wir während der damaligen Bemusterung gefällt haben. Wir waren allerdings schon im Laufe der Produktion soweit, dass wir überlegt haben, dass wir uns erst einmal selbst erfahren müssen. Uneingeschränkt und zu 100 % Kompromisslos. Da wir alles selber machen, also von der ersten Note über die komplette Produktion bis hin zum Artwork, lag es nah den Schritt zu gehen und es auszuprobieren ob man die letzte Stufe, also die Vermarktung auch alleine nimmt! Natürlich stößt man gerade aus finanzieller Hinsicht immer wieder an seine Grenzen, aber das Experiment ist geglückt und wir schlafen fabelhaft!

Ihr sagt selbst, dass ihr schlechte Erfahrungen mit Sony gemacht habt. Aber richtig konkret warum, wieso, weshalb und sowieso. Dabei interessiert es doch, was wirklich die Gründe waren.

JEN: Wir waren einfach noch nicht an dem Punkt wo man sein muss um das Rückrad zu haben Entscheidungen zu übergehen und ansichten mit Schmackes und Kampfgeist durchzusetzen. Was zur Folge hatte, dass unser Album in einer Schublade verstaubte, um auf den richtigen Moment zu warten, die in unseren Augen falsche Single mit unpassenden und unverhältnismäßigen Mitteln raus zu schießen. Was wiederum zur Folge hatte, dass keine Kapazitäten mehr für das Album da waren. Eine übliche Geschichte, die man sich mit entsprechend breiten Schultern ersparen kann. Die bekommt man am besten durch Erfahrungen.

Ein Album übers eigene neu gegründete Label zu veröffentlichen – mit allem was dazu gehört – ist bestimmt keine leichte Sache. Wie waren eure damaligen Vorstellungen gewesen?

JEN: Natürlich einfacher und unkomplizierter als es war, allerdings wurden unsere Erwartung hinsichtlich des, na ja, sagen wir mal Erfolges oder so, übertroffen. Wir sind mehr als zufrieden allerdings wäre Urlaub jetzt mal ganz geil.

Electro-Trash ist momentan schwer in kommen. Wie viel ist dabei Innovation und wie viel ist nur Retro?

JEN: Mhm, kommt auf die Band drauf an. Es gibt gerade hinsichtlich der Art der Produktionen wahnsinnig innovative Leute. Aber ich glaube, im Endeffekt geht es ja, wie in anderen Genres ebenso, in erster Linie darum eine Stimmung zu erzeugen. Wenn dies gelingt, ist es nicht so wichtig, ob es Retro oder funkel-nigel-nagel neu ist. Eine Hommage an etwas kann ja auch innovativ gestaltet sein.

Wie viel Punk und Anarchie steckt in Grossstadtgeflüster?

JEN: Genau soviel, wie in uns als Personen steckt. Wenn wir uns durch äußere Einflüsse in unserer Persönlichkeit beschnitten fühlen und wir das nicht nachvollziehen können, weil man das was man fühlt und leben möchte und es niemandem schadet, gehen wir eben auf die Barrikaden. Vor allem wenn man das Gefühl hat durch ein auferlegtes System in seiner persönlichen Entwicklung klein gehalten zu werden und in seiner Zufriedenheit behindert wird. Es geht uns gar nicht primär darum einfach nur dagegen zu sein, eher darum erst einmal etwas in Frage zu stellen bevor man sich (nicht bedingungslos, wenn überhaupt) fügt.

Glaubt ihr, dass ihr mit eurer Musik und Texten eigentlich mehr beim Publikum erreichen könnt, als nur eine gute Party-Combo für den immer wiederkehrenden Disco Besuch? Oder seit ihr damit völlig zufrieden?

JEN: Keine Ahnung, aber ich glaube, dass wir doch noch etwas mehr als Feierhymnen zu bieten haben. Wir sind sehr zufrieden, haben immer ein tolles Publikum auf unseren Konzerten, kriegen super Feedback von den Leuten die unsere Musik hören, und das ist nicht nur auf Feiern beschränkt. Wir haben kontinuierlichen Output und die Zeit wird zeigen wohin die Reise geht. Wenn Morgen alles zu Ende ist hatten wir ne wahnsinnig gute Zeit miteinander und ich würde nichts anders machen als ich es getan habe. Ich liebe die Jungs und das was wir tun.

Ihr polarisiert mit eurer Musik, noch viel stärker durch eure Texte. Warum dieser direkte Weg der Provokation?

JEN: Es ist einfach eine direkte Sprache, die wir im Alltag verwenden. Ich habe mir bestimmt durch mein extrovertierten Charakter und meine Schnodder-Schnauze schon einige Feinde im Leben geschaffen, andererseits weiß man auch sofort woran man ist im Guten und im Schlechten. Ich behaupte an dieser Stelle mal, dass wir mit der gleichen Leidenschaft, mit der wir manchmal provozieren, Leuten das Gefühl geben können, dass sie mit ihren Gedanken nicht allein auf der Welt sind.

Was ist für euch typisches Grossstadtgeflüster?

JEN: Alles was aus Mücken Elefanten machen kann, was bunt und schrill oder auch theatralisch schmerzhaft ist. Ein wilder ehrlicher Mix aus lauten und leisen Emotionen, der immer wieder Grenzen einreist und neue Möglichkeiten schafft. Themen die bewegen, egal wie schwer oder leicht sie sind und egal wo sie herkommen oder hin wollen.

„Du meckerst immer“. Wie kommt ihr auf solch einen Song? Wer ist denn bei euch der größte Meckerer?

JEN: Ich! Ich leide allerdings auch ganz furchtbar unter Gemecker und wenn ich angemeckert werde gibt’s ganz schnell Pipi inne Augen.

Welcher Song ist der wichtigste Song des Albums und präsentiert dies auch entsprechend?

JEN: Jeder Song hat für uns hat seine Daseinsberechtigung in gleicher Gewichtung, wenn auch an unterschiedlichen Orten. Wir haben alle unsere Lieblingssongs, die wechseln aber auch gerne mal mit der aktuellen Stimmung. Wir sind auch keine A&Rs, deshalb gibt es den wichtigsten Song für uns nicht.

Haufenweise Scheiße. Denke ich an Berlin, dann denkt man an Haufeweise Hundescheisse. Woran denkt ihr bei „Haufenweise Scheiße“?

JEN: Du hast vollkommen Recht, das war auch eine Art Inspiration, also Hundescheiße als Muse sozusagen. Aber vor allem geht es darum, das es Momente im Leben gibt und geben darf, wo einfach alles so richtig Kacke is und man, egal wie belesen man ist, einfach keinen Bock mehr hat irgendwo drüber zu stehen.

The Ting Tings ziehen für ihr neues Album nach Berlin, um sich da inspirieren zu lassen. Könnt ihr das nachvollziehen oder findet ihr eure Heimat, was Inspiration für Musik angeht, überbewertet?

JEN: Es ist erst einmal unsere Heimat aber auf jeden fall ein toller Pool für Menschen die Inspirationsquellen brauchen und/oder nicht die Kohle haben, um sich in anderen Metropolen nieder zu lassen. Es ist aber nicht mehr und nicht weniger speziell als andere Orte dieser Welt. Ich denke, dass man seine Inspiration auch auf einer Hütte auf nem Berg neben einer Wiese finden kann. Und das es Städte auf dieser Welt gibt die größer und wilder als Berlin sind, steht außer Frage.

Info: www.gsgf.de

(Markus Tils)