MONOCHROME: Ein Kollektiv auf Reisen

Zu den spannendsten Vertreterinnen im Indiebereich zählt seit Jahren die Formation Monochrome, die im vergangenen Jahr mit ihrem „Cache“ Album für Verzückung sorgen konnte. Im Rahmen einer kurzen Deutschlandkonzertreise nahm sich Sänger Marc Calmbach viel Zeit, um wenige Stunden vor ihrem Konzert in Göttingen einen umfassenden Einblick in das Eigenleben der Formation zu geben.

Hallo Marc, bei euch deutet gerade viel auf „Wochenendtouren“ hin. Wie schafft ihr es dennoch, immer wieder in Frankreich oder Spanien aufzutreten?

Marc: Also erst mal waren Monochrome schon immer eine Hobbyband, alleine mal, weil mir Amateure schon immer sympathischer waren als Profis. Es gab eigentlich noch nie den Punkt, an dem wir gesagt hätten, „jetzt lassen wir mal alles andere beiseite und machen nur noch Musik“. Es war schon immer klar, dass die Band ein Ding ist, was nebenher läuft… mehr recht als schlecht. Und das wir jetzt häufiger im Ausland spielen, ist einfach der Tatsache geschuldet, dass der Erlebniswert höher ist. Wenn wir uns schon mal Urlaub nehmen, dann fahren wir gerne in Europa herum, gerade weil ja – Deutschland, Frankreich, Benelux – alles an einem Tag erreichbar ist. Dann fahren wir nach Prag oder Paris und während der Urlaubszeit auch nach Madrid oder Barcelona. Wenn wir dann hier in Deutschland unterwegs sind, konzentrieren wir uns eher auf die Wochenenden. Einige von uns wohnen ja auch in der Schweiz, so dass sich richtige Reisgruppen bilden. Wir treffen uns dann auf Konzerten, hängen ab und sehen uns ansonsten aber tatsächlich kaum.

Monochrome waren und sind wie ein Kollektiv aufgebaut. Wie schafft ihr es eigentlich die Termine mit den einzelnen Musikern zu koordinieren?

Marc: Du musst es schon wollen – auch wenn da so etwas Künstlerisches mitschwingt – z.B. nach einem Konzert an einem Samstag von Bilbao in die Schweiz zu fahren und dann am Montag wieder unterrichten zu können. Außerdem hast du nur 20-30 Tage Urlaub im Jahr, wovon für Aufnahmen und Touren schon mal schnell die Hälfte der Tage weg sind. Drei von uns machen das jetzt seit 15 Jahren, einer seit 13 Jahren, und dann klappt es auch irgendwann mit der Organisation. Monochrome haben zwar einen relativ großen Namen, mit dem man aber gar kein Geld verdienen kann, sondern für den du eher viel opfern musst. Und es ist nicht ganz einfach immer Leute zu finden, die dazu bereit sind und ihren Urlaub opfern wollen.

Und wie schreibt ihr unter solchen Umständen eure Musik?

Marc: Komischerweise sind an den Songs immer Menschen beteiligt, die schon seit 15 Jahren dabei sind: Entweder haben sie die Gestaltung gemacht, elektronische Beiträge geleistet oder sie haben etwas aufgenommen. Dieselben Namen wie vor 12, 13 Jahren tauchen immer noch auf unseren Platten auf. Aber wir machen viel mit Mailverkehr und MP3´s, also unsere „Hausaufgaben“. Ich mache dann zu Hause am Laptop irgendwelche Skizzen, schick sie rüber und dann gucken wir, wie es laut klingt. Eine sehr synthetische Herangehensweise, eigentlich.

Zwischen „Cache“ und „Eclat“ gibt es meiner Ansicht nach viele Unterschiede: Manche Stücke, wie z.B. „High Five“, stechen aus dem Gesamtbild deutlich hervor. Macht ihr euch nicht manchmal Gedanken: „Hmh, dass passt jetzt gar nicht zum Monochrome-Sound und das können wir jetzt eigentlich gar nicht bringen“?

Marc: Witzigerweise waren „Every Once A While“ von der alten und “High Five” von neuen Platten die Stücke, mit denen wir uns ganz schwer getan haben: Für die es ganz viele Vocals und Layouts gab, die sich dann aber doch so anhörten, als wären sie so ganz einfach aus uns rausgekommen. Ich benutze die Vokabel eigentlich nicht gerne, aber es sind jeweils die „poppigsten“ Stücke auf den Alben, bei denen wir uns trotzdem am unsichersten waren, ob wir sie überhaupt auf dem Album drauf lassen. Alleine der Titel „High Five“ ist fast schon eine Chiffre für dieses ganze Pop-Ding, welches wir in Zitate und Phrasen gepackt haben. Teilweise schon fast banal, aber es passt eben in den Kontext.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kate auch zukünftig bei Monochrome aktiv bleibt?

Marc: Sehr groß! Die Ahlie (Schaubel, ursprüngliche Sängerin von Monochrome – Anm.d.Verf.) ist damals in die USA gegangen, hat geheiratet und ist jetzt Professorin. Solche Entscheidungen muss man akzeptieren. Wir waren ja teilweise auch ohne Sängerin aktiv und hatten dann „Übergangssängerinnen“; die aber lieber ihre eigenen Bands vorantreiben wollten oder so nicht mehr mit uns weitermachen wollten: Den einen Tag besetztes Haus, dann wieder ne tolle Galerie, dann wieder ein schicker Club und dann wieder auf dem Boden pennen. Ich denke schon, dass man da hineinsozialisiert werden muss, weil einem doch einiges abverlangt wird. Für Außenstehende ist „Indie“ wohl doch eher ein Sortierfach aus dem Schallplattenladen und weniger eine strukturelle Haltung. Ich selbst bin immer weit davon entfernt die Dinge zu beschönigen: Ich habe es auch lieber, wenn ich auf einer Matratze schlafen kann, aber man kann sich eben nicht alles aussuchen. Und wenn dann noch Sachen dazukommen wie, „ich will jetzt lieber erst mal meine eigene Platte machen“, dann merkt man schon recht schnell, dass es eigentlich keine Zukunft hat. Aber anderseits war die Kenichi, auf die ich hier anspreche, trotzdem bei „Cache“ wieder dabei. Unser offenes Konzept kommt so zum tragen, so dass wir trotzdem sagen: „Hier hast du ein, zwei Lieder, mach doch mal“. Aber Kate ist jetzt mit Sicherheit ein bombenfestes Mitglied und völlig gleichberechtigt.

Ihr benutzt auf „Cache“ gerne deutsche Songtitel, hinter denen sich englische Texte verstecken. In eurem Pressetext meint ihr, „das stehe schon für sich“. Ich finde, dass es sich überhaupt nicht von selbst erklärt!

Marc: Der Roger Behrens, der das Input geschrieben hat, war stark beteiligt an diesem Samplerbuch „I Can´t Relax In Deutschland“, in dem sich Künstler gegen diese dämliche Positivbezugnahme von Musik als deutsches Kulturgut ausgesprochen haben. Gegen diese Deutschquote im Radio und solches Zeug. Wir hatten damals einen Beitrag auf dem Sampler und daher war es für ihn ein common sense, dass wir nichts damit zu tun haben wollen, auch wenn wir teilweise deutsch singen: Auf der letzten Platte gab es einen Satz auf Deutsch und jetzt gibt es diese deutschen Titel mit englischen Texten. Und das war auch ganz bewusst von uns gewählt.

Ich habe neulich ein Review gelesen, in dem der Sound von Monochrome als „Studentenrock“ umschrieben wird. Was denkst du über eine solche Schubladisierungen?

Marc: Echt? Das hängt sicherlich mit der Uni und meiner Bücherschreiberei zusammen. Da bekommt man schnell diesen Intellektuellen-Stempel aufgedrückt. Aber unsere Musik ist manchen einfach zu abgehoben, fragmentarisch, nicht eindeutig genug (überlegt). Aber du kannst uns auch wenig vorwerfen: Du kannst viel schreiben und behaupten, dass wir ne blöde Band sind, aber du kannst nicht behaupten, dass wir keinen Standpunkt hätten und uns ausverkaufen würden. Ein ganz blöder Vorwurf bei der Art von Musikrichtung. Das eigentlich subversive ist doch, dass wir ja immer noch im AJZ Bielefeld oder im AZ Conni in Dresden spielen. Also auch in Orten und vor Leuten (z.B. Spike- und Crustpunks), die zunächst keinen unbedingten Draht zur Popmusik haben. Und mir als Linkem ist es natürlich auch politisch wichtig, dass wir ihn solchen Läden spielen, weil wir uns in einem solchen Rahmen am wohlsten fühlen. In der Hinsicht sind wir fast schon konservativ. Aber ich hab manchmal auch das Gefühl, alle warten immer nur drauf, dass wir einen großen Vertrag unterschreiben, um zu sagen: „Ja, jetzt wollen sie endlich mal nach fünfzehn Jahren Geld verdienen.“

Anderseits muss das „Linkssein“ nicht ausschließen, dass man eher ein intellektuelleres Publikum anspricht.

Marc: Es gibt eine ganz klare Demographie bei den Konzerten und es sind schon eher nicht die Zuschauer da, die von sozialer Ungleichheit betroffen wären. Aber es sind eher die Gebildeteren, mit einem gewissen Lebensstil und von einer Wertorientierung, die eher postmodern-fortschrittlich ist. Es gibt natürlich auch schlimmere Zuschreibungen als „intellektuell“, so dass ich es eigentlich nicht als beleidigend empfinde.

Immer noch besser, als wenn jemand sagt „High Five klingt ja wie Juli“ (lacht)

Marc (ernst): Ja, aber das wäre auch so ein Statement, dann wäre es überhaupt keine Frage drüber zu diskutieren. Wir haben einfach ein völlig anders dimensioniertes Musikverständnis.

Es wird ja im Zusammenhang mit der deutschen Massen-Medienkultur – zwischen „Deutschland sucht…“ und Reality Soaps – immer mal von einer gewissen „Kulturlosigkeit“ gesprochen. Welchen Blickwinkel habt ihr eigentlich auf die Popkultur? Monochrome singen schließlich: „Wir sind nicht Teil dieser Ordnung…“

Marc: Ich verstehe diese Kriterien in Plattenbesprechungen und Interviews teilweise nicht. Dann wird darauf abgehoben, dass wir „die coole Band“ sind, aber es wird nichts mehr über die Musik gesagt. Es wird immer über den Kontext und das Politische geschrieben. Mir wäre es am Liebsten, wenn sich die Leute viel mehr mit der Musik auseinandersetzen würden, anstatt eine merkwürdige Art von „Authentizität“ um die Band herum zu konstruieren, die letztlich nur auf Chiffren und Kriterien basiert, die mittlerweile völlig überholt sind. Ich will auch meine Musik auch nicht ständig mit anderen Bands vergleichen; deswegen finde ich auch alle diese Kategorien in den Musikzeitschriften so furchtbar, wo die Leute ihre 1-10 Bewertungen abgeben dürfen und es dann ein Ranking gibt. Dann kommt es gleich zu so einer Konkurrenzsituation. Und jeder sollte Musik eigentlich nur für sich selbst machen.

„Einmal im Leben die Schönheit des Monats“…

Marc: …waren wir ja schon oft, aber was bedeutet es letztendlich: Nichts! Aber es bedeutet dem Label natürlich viel, weil die Leute dann doch drauf gucken, „es wird ja schon was taugen“.

Als letztes würde ich noch gerne von dir wissen, wie schlimm Mittelmäßigkeit für dich ist?

Marc: Ach so… ja. Das ist so, als wenn du dich stundenlang hinsetzt um ein Mixtape aufzunehmen und denkst, das ist jetzt DAS Mixtape. Und zurück kommt dann nur „ist ja ganz nett“ oder „ganz gut“. Und das willst du dann einfach nicht haben. Dann doch lieber so, „ich finde es total furchtbar“. Mittelmäßigkeit ist irgendwie auch etwas unglaublich Deutsches. Und anscheinend ist Pop auch mit einer Mittelmäßigkeit konnotiert: Mit Mainstream, mit Gleichschaltung und mit Homogenisierung. Und dann kommt eine Band wie wir, die eher einen Blick von außen auf den Pop wirft. Wir sind ja nicht vom Pop gekommen und dann härter geworden, sondern bedienen und mehr fragmentarisch an seinen Versatzstücken. Aber eigentlich sind wir eine Punkband!

Info: www.monochromepopgroup.com

(Jan Laging)