SET YOUR GOALS: „Wir haben uns nie um eine andere Zukunft gekümmert.“

Stell dir vor du bist Mitte 20, spielst in einer Band und hast mehr erreicht, als du in deinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt hast. Du bereist ferne Länder, stehst jeden Abend in einer anderen Stadt auf der Bühne, wo dir hunderte von Menschen zujubeln und jede Silbe deiner Songs mitsingen. Deine Platten verstauben nicht in den Regalen, sondern machen reißenden Absatz.

Die Rede ist nicht von einer erfolgreichen Pop-Kapelle, sondern von einer californischen (Surf-)Punkband: SET YOUR GOALS. Was für viele Musiker jenseits des Mainstream immer unerreichbar bleiben wird, ist für die sechs Jungs nach fünf Jahren Bandgeschichte Wirklichkeit geworden. Nur eine Woche nach Erscheinen der neuen Langspielplatte This Will Be the Death of Us landete diese auf Platz 65 der offiziellen US-Verkaufscharts für Musikalben. Weitere zwei Wochen danach fanden sich die Sechs auf Platz 10 der Independent-Alben wieder. Eine stramme Leistung – vor allem wenn man bedenkt, dass die Band volle drei Jahre auf ihr zweites Album warten ließ. Doch was unterscheidet diese Band von all den anderen? Wagen wir einen kurzen Rückblick:

Im Mai 2004 nehmen SET YOUR GOALS (damals noch ohne Joe Saucedo am Bass und Audelio Flores an der Gitarre) in Eigenregie ihre Demo-EP auf und veröffentlichen sie unter Straight on Records. Danach geht es zwei Jahre auf Tour quer durch Amerika. Die Jungs spielen wo sie nur können. Anfang 2006 sacken die Jungs ihren ersten Plattenvertrag (bei Eulogy) ein und veröffentlichen besagte Demo unter dem Namen Reset noch einmal in größerem Rahmen. Kurz darauf – im Juli des gleichen Jahres – kommt das überaus erfolgreiche Debütalbum Mutiny! auf den Markt. Auf einen Nachfolger wartet das Fanherz danach aber erstmal vergeblich. Eine Akustikversion von Echoes für die Punk Goes Accoustic2 und ein Cover von Put Yo Hood Up (im Original von Lil John) für Punk Goes Crunk bis zum Sommer 2009 die einzigen musikalischen Werke. Es wird viel getourt, aber es gibt nichts Neues auf die Ohren. Grund dafür sind schwere Auseinandersetzungen mit dem Label, das den Jungs mehr in die Musik reinreden will, als sie es zulassen wollen. Im Laufe des Jahres 2008 zeichnet sich immer stärker ab, dass die Chemie zwischen der Band und Eulogy Recordings überhaupt nicht mehr stimmt und dass es zu keiner Einigung kommen wird. Schließlich kaufen sich die Sechs im August 2008 aus dem Plattenvertrag heraus. Gerüchteweise soll das um die $150.000 gekostet haben. Über genaue Summen wird geschwiegen.

Wie aber schafft man es, ohne Geld und ohne Label in kaum 12 Monaten das Pop-Punk-Album des Sommers herauszubringen? Ich nutze die Deutschlandtour der Jungs, um ein paar klärende Fragen zu stellen. Schauplatz des Interviews ist die kleine Küche im Backstagebereich des Kölner Underground an einem verregneten Tag Anfang Dezember. Wie ein kleiner verschüchterter Schuljunge steht Matt Wilson mir gegenüber und lächelt vor sich hin, während ich mein Aufnahmegerät checke. Der Songwriter und Sänger – einer von zweien bei SET YOUR GOALS – hat seit der letzten Deutschlandtour ganz schön abgenommen. Er wirkt beinahe zerbrechlich wie er so dasteht und den linken Ärmel seines schwarzen Hoodies lang zieht. Wir warten auf Joe Saucedo, der sich vor Beginn des Interviews eben noch ein Bier besorgen wollte. „Das Bier ist gut in Deutschland!“, grinst er als er nach ein paar Minuten mit einem Beck’s hereinspaziert kommt. Mein Aufnahmegerät ist bereit und ich stelle die Frage, die mir unter den Nägeln brennt: was ist in den letzten drei Jahren passiert?

„Wir waren viel auf Tour, haben so viel gespielt wie nur ging und hatten dabei eine Menge Spaß!“, erklärt Joe. „Wir haben einen Song darüber geschrieben, der gut ausdrückt, wie wir uns fühlen, wenn wir auf Tour sind. Summer Jam auf unserem neuen Album ist quasi ein Tour-Tagebuch.“, fügt Matt hinzu.
In diesem Song gibt es ein Wort, das ich mir gern erklären lassen möchte –  ‚Snacksidents‘. Beide lachen als ich danach frage, schauen sich gegenseitig an und Matt erklärt: „Snacksidents – also ‚Snack Accidents‘ – passieren dir, wenn du an einer Tankstelle anhältst und dir einfach einen Snack schnappst. Du weißt nicht wirklich, was es ist, weil du die Zutatenliste nicht lesen kannst, aber naja…wenn man Hunger hat…“

„…dann isst man einfach alles, was einem so in die Hände fällt.“, fügt Joe hinzu und verzieht dann das Gesicht als er sich erinnert: „Das Absonderlichste, was ich jemals gegessen hab war in Japan: vergorene Sojabohnen – Natto heißt das Zeug.“ Er schüttelt sich. „Es sah aus wie Rotze, hat unerträglich gestunken und hat geschmeckt wie Käsefüße. In Japan ist das eine Delikatesse, deswegen wollte ich es probieren. Der erste Bissen ist auch ganz okay. Aber dann setzt sich das Zeug in deinem Mund fest und es gibt keinen Weg, diesen Geschmack wieder loszuwerden.“

„Am ungefährlichsten sind Snacks, die es überall gibt. Sowas wie Gummibärchen, oder Trolly Gummi-Burger. Die isst Joe in rauen Mengen, wenn er welche bekommt. Ich mag am liebsten diese Gummi-Colafläschchen.“, fügt Matt hinzu. Nach diesem kurzen Ausflug in kulinarische Genüsse und Widerlichkeiten kehrt Joe zurück zur ursprünglichen Frage:

„Die drei Jahre zwischen dem neuen Album und Mutiny! haben uns eine Menge Zeit gegeben, um über verschiedene Dinge nachzudenken: über unseren Beruf als Musiker; über Verluste, die wir dadurch bewusst in Kauf nehmen und darüber, was wir alles machen könnten, wenn wir nicht in einer Band spielen würden.“, erklärt Joe. Er nimmt einem Schluck von seinem Bier und Matt klinkt sich ein:

„Als wir dann im Studio waren und das neue Album aufgenommen haben, wurde uns klar, dass es jetzt um eine Entscheidung geht: nämlich entweder der Band den Tod zu erklären oder unter vollem Einsatz weiter zu machen. Wir haben viel geredet und uns allen wurde klar, dass Musik das einzige ist, was wir wirklich machen wollen. Wir haben auch erkannt wie sehr die Band ein Teil von jedem geworden ist und das hat uns noch einmal enorm gestärkt. Das ist es ja auch, worum es beim Albumtitel geht. Es geht darum, dass die Band dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen ist. Als wir die Aufnahmen für das neue Album machten, hatten wir kein Label und auch kein Geld mehr. Unser Produzent – Mike Green – war da echt cool, geradezu nobel. Er meinte: ‚Ich will dieses Album mit euch unbedingt machen. Kümmert euch erstmal nicht um die Kosten. Das machen wir alles später, wenn ihr ein Label gefunden habt‘. Er steckte also sieben Wochen Arbeit in das neue Album rein und dann war es fertig. Erst danach kam das Angebot von Epitaph Records. Diese Zeit ist im Nachhinein total unwirklich. Wir haben dem Album dann bewusst einen Titel gegeben, der unser Gefühl und den ganzen Prozess drumherum widerspiegelt. Es geht hier weniger um den Tod an sich, sondern mehr um den ‚Sensemann‘ als Symbol für Vergänglichkeit. Das dazu passende Coverartwork machte Drew Millward, der schon für viele große Independent-Bands die Konzertplakate und Cover gestaltet hat. Ich mag diese stilisierte Todessymbolik. Da ist gleichzeitig Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit. Wir ließen außerdem von Rob Dobi (bekannt von yourscenesucks.com, Anm. des Autors) Porträts von uns anfertigen. Im Hintergrund jedes dieser Bilder befinden sich individuelle Todessymbole, jeder uns von sich unserer Herkunft und unserem kulturellen Background entsprechend aussuchte.“, erzählt Matt und fügt nach einer kleinen Pause hinzu:

„Das Thema Vergänglichkeit findet man auch thematisch in den Songs des Albums wieder. Ein gutes Beispiel dafür sind die Songs The Fallen und The Few that Remain. Zusammen ergeben sie einen Albumtitel von MORNING AGAIN. Das war eine Straight-Edge Band von John Wylie, der Gründer und Eigentümer von Eulogy Records. Diese beiden Songs handeln von den Erfahrungen die wir mit unserem alten Label machten. Unsere Zusammenarbeit fing sehr gut an und irgendwann auf dem Weg verlor er das Interesse an uns. Er trat auch immer mehr wie jemand auf, der die Ideale von Punk und Hardcore zugunsten anderer Ideen vergessen hatte. Beide Songs klingen ein bisschen wie eine Anklage, weil es für uns eine sehr harte Zeit war und natürlich auch, weil wir uns von so einem Verhalten distanzieren. Wir wollen niemals so werden! Insgesamt handeln alle Songs auf dem Album von Erfahrungen, die wir als Band gemacht haben. Nehmen wir zum Beispiel Equals. Darin geht es darum, wie seltsam es ist, auf ein Podest gestellt und als Held und Vorbild gesehen zu werden. Ich hab den Songtext geschrieben, um den Kids da draußen zu sagen: ‚Hey! Wir sind auch nur ganz normale Menschen, die Musik machen und wir sind weit davon entfernt perfekt zu sein.‘ Es fühlt sich immer wieder seltsam an, Autogramme zu geben. Jedes Mal jagt es mir einen Schauer über den Rücken. Wir haben angefangen Musik zu machen, weil wir es lieben Songs zu schreiben und unterwegs zu sein. Wir hatten einfach das Glück, mit immer größeren Bands vor immer mehr Menschen spielen zu dürfen. Wir haben niemals erwartet oder darauf hin gearbeitet, dass die ganze Sache so groß werden würde. Ich weiß auch nie, ob ich mich freuen oder mich befremdet fühlen soll, wenn ich nach einem Autogramm gefragt werde.“, erklärt Matt und auf seinem schmalen Gesicht ist ein Ausdruck des ehrlichen Erstaunens zu lesen.

„Wenn ich zurück blicke, dann frage ich mich manchmal selbst, wie alles so gekommen ist. Wir haben die Band 2004 gegründet, Songs geschrieben und eine kleine EP aufgenommen. In den zwei Jahren bis zum ersten Plattenvertrag waren wir viel auf Tour, haben überall gespielt, uns nicht viel um eine ‚Zukunft‘ jenseits der Band gekümmert. Tief in unserem Herzen haben wir wohl immer gewusst, dass es so was wie unser Schicksal ist. Egal wie anstrengend und schwierig es manchmal war. Darum geht es auch bei Work in Progress auf Mutiny! und im übertragenen Sinne auch in Summer Jam auf unserem neuen Album. Es geht darum, auf sein Gefühl zu vertrauen, Dinge auszuprobieren und das zu tun, was gut für einen ist. Man sollte sich nicht von dem Gedanken abhalten lassen, dass es vielleicht schief geht. Wenn wir normale Bürojobs hätten, dann würden wir unser Leben wahrscheinlich hassen.“, sagt Matt. Die letzten Worte kommen vermutlich bitterer heraus als es beabsichtigt war. Aber hinter dem kleinen Satz scheint ein großes Thema zu stecken. Als ich danach frage erklärt Joe:

„Wenn du erstmal angefangen hast, dein Leben darauf auszurichten, in einer Band zu spielen und zu touren, hast du Angst, das eines Tages wieder zu verlieren. Du stellst dir vor, als jemand zu enden, der früh aufsteht und neun Stunden auf der Arbeit verbringt. So anstrengend das Leben als Musiker manchmal auch sein mag: es ist so viel besser als ein normaler Job. Es erfüllt dich einfach mehr. Was auch immer du machst, tust du für dich und du kannst ganz du selbst sein. Wenn du aber einen Job hast – meinetwegen bei McDonalds – dann arbeitest du nicht mehr für dich, sondern du erledigst deine Aufgaben, um anderen zu gefallen und um deinen Job zu behalten. In gewisser Hinsicht ist das als Musiker einer Band auch der Fall, aber was auch immer du tust – Songs schreiben, Shows spielen – du machst es zu einem sehr großen Teil auch für dich und unabhängig davon, ob es anderen gefällt…“ Nach einer kleinen stillen Pause fügt Matt mit glänzenden Augen hinzu:  „Wir waren schon mit Leuten auf Tour, die knapp 40 Jahre alt waren und sich wie Fünfjährige benommen haben. Wir hatten einfach Spaß zusammen wie kleine Kinder. Es gibt wenige Jobs, wo du so was einfach bringen kannst. Ich denke, diese Lebendigkeit würde ich sehr vermissen. Außerdem gibt es auch kaum einen anderen Job, in dem du andere Menschen so gut erreichen kannst. Es geht nicht nur um die Musik. Es ist immer eine Message dahinter. Wir haben etwas zu sagen. Darum geht es im Song Mutiny!: darum, dass man auch die Texte lesen soll, wenn man eine Platte hört. Das ist uns wichtig und in gewisser Hinsicht sehen wir das als unsere Pflicht an. Als Sänger einer Punk-Band kann ich die Kids von heute mit meinen Texten erreichen. Das gibt mir die Möglichkeit, die größeren Zusammenhänge darzustellen, wie ich sie sehe. Klar zu machen, dass ich als kritisch denkender Mensch so vieles von dem mittrage, was ich kritisiere und dass mich das auffrisst. Ich will Menschen dazu bewegen, sich darüber ein paar Gedanken zu machen, zu prüfen, ob das auch für sie stimmt und vielleicht etwas daran zu ändern Das ist zwar kein leicht verdaulicher Stoff, aber es gibt einfach so viel größere und wichtigere Themen als das andere Geschlecht und ein gebrochenes Herz.“, erklärt Matt und fügt dann grinsend hinzu: „Einen Song haben wir zu dem Thema ja immerhin doch auf unserem neuen Album.“

Joe schwenkt seine leere Bierflasche, als hätte er nicht zugehört und würde gerade aus einem Tagtraum erwachen. „Ich musste gerade noch einmal darüber nachdenken, was Matt vorhin gesagt hat. Dass er nicht genau weiß, wie wir zu diesem Punkt gelangt sind, wie es dazu kam, dass SET YOUR GOALS so erfolgreich geworden ist. Wir werden in letzter Zeit häufig gefragt, was unser nächstes großes Ziel ist. Es mag vielleicht etwas enttäuschend sein zu hören, dass wir gar keine höheren Ziele haben, sondern einfach weitermachen und so viel von der Welt sehen wollen wie möglich.Wir wollen weiterhin Shows spielen, Songs schreiben und Alben raus bringen. Mir persönlich – und ich denke ich spreche da auch für die anderen Jungs – ist es egal, ob ich damit keinen einzigen Cent oder ein Vermögen verdiene. Es spielt einfach keine Rolle.“ Matt legt freundschaftlich die Hand auf Joes Arm, der bei seinen letzten Sätzen heftig gestikuliert hat und fügt mit sanfter, verträumter Stimme und einem Lächeln hinzu: „Wir haben bereits so viele Menschen kennen gelernt und so viele Orte gesehen, von denen wir vielleicht sonst nur in Büchern gelesen hätten. Dadurch dass wir unseren eigenen Tourbus haben sind wir unabhängiger als Bands, die in Nightlinern reisen und wir sehen ganz schön viel, wenn wir unterwegs sind. Aber es gibt noch so viele Orte, die wir gern noch sehen würden – zum Beispiel waren wir noch nie in Süd-Ost Asien oder Südamerika. Und es gibt noch so viele Themen, über die wir Songs schreiben wollen und so viele fantastische Bands, mit denen wir gerne touren würden. Weiterhin zu tun was wir lieben ist der eigentliche Erfolg, den wir uns für die Zukunft wünschen.“

Vielleicht ist diese Definition von Erfolg auch das Geheimnis dieser Band. SET YOUR GOALS – der Name ist Programm. Frei nach dem Motto: „Setz dir Ziele und zieh dein Ding durch! Egal was daraus wird!“ Ist nicht der wahre Erfolg im Leben zu wissen, dass du dir die richtigen Ziele gesetzt hast, weil sie deinem Leben einen Sinn geben? Erfolgreich kannst du nur sein, wenn du nach den Sternen greifst. Wenn du daran glaubst, dass es funktionieren wird. Wenn du dich von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. Dann bist du vielleicht irgendwann am Ziel deiner Träume angelangt. Oder du genießt einfach den Augenblick.

Info: www.myspace.com/setyourgoals

( Lyra Nanerendij)