SET YOUR GOALS: „Wir sind Wikinger. Wir sind Piraten“

Set Your Goals über den Touralltag, die Heimatlosigkeit und das Erwachsenwerden.

Es ist ein regnerischer Spätnachmittag in Köln kurz vor dem ersten Deutschlandkonzert der diesjährigen Set Your Goals-Frühlingstour. Die Fans haben sich bereits vor dem Underground versammelt und scharren mit den Füßen, um eingelassen zu werden. Derweil befinde ich mich mit Matt und Daniel in der hintersten Ecke des Backstageraums, in dem kasernenartige Metallbetten stehen. Die Begrüßung ist sehr herzlich.

Matt: Komm rein und mach es dir gemütlich!

Ihr seht ganz schön müde aus!

Daniel: Wir haben eine lange Fahrt hinter uns. Sind erst vor ein paar Stunden hier angekommen und den ganzen Tag von Wien aus hierher gefahren. Vorher waren wir in Italien und davor sind wir 20 Stunden von London nach Italien gefahren.

Aber ihr habt doch gar keine Show in Großbritannien gespielt, oder?

Matt: Wir sind von Los Angeles nach London geflogen. Die Flüge waren einfach günstiger und unser Fahrer hatte gerade eine Tour in London beendet. Wir sind es gewohnt, immer auf Achse zu sein, aber es schlaucht natürlich auch.

Immer auf Achse und zwischendurch im Studio. Steigen wir doch gleich mit eurem neuen Album ein. Der Titel lautet „Burning at Both Ends“. Was bedeutet das?

Matt: Es geht um genau das Thema, was wir gerade schon angeschnitten haben. „Burning at Both Ends“ ist ein Amerikanischer Slang-Ausdruck. Es bedeutet „doppelt so viel Arbeit in der halben Zeit erledigen“. Es ist eine Metapher für den Lebensstil, den man als Band lebt. Wir sind immer beschäftigt. Zum Beispiel sind wir unmittelbar vor dem Flug nach London von Kalifornien nach Los Angeles gefahren – das sind sieben Stunden Fahrt, haben drei Stunden geschlafen, hatten ein Fotoshooting, im Anschluss eine kleine Bandprobe, dann ein Videoshooting und sind direkt im Anschluss nach Europa geflogen.

Klingt nach einer Menge Zeit, die ihr einfach unterwegs seid.

Daniel: Wir sind fahrendes Volk so wie die Menschen auf den Jahrmärkten.

Matt: Nein wir sind Wikinger. Wir sind Piraten!

Daniel: Ja stimmt! Das trifft es besser, weil Wikinger immer wieder heimgekehrt sind. Wir kommen in eine Stadt, machen unser Ding, hinterlassen unsere Spuren und irgendwann kommen wir wieder nach Hause. Da ruhen wir dann aus, um nach ein paar Wochen wieder loszuziehen.

Wo liegt dieses Zuhause?

Daniel: Nord-Kalifornien. Bay Side Area.

Wie viel Zeit verbring ihr dort?

Matt: Insgesamt etwa zwei oder drei Monate im Jahr.

Habt ihr dann überhaupt eigene Wohnungen, oder kommt ihr in der Zeit irgendwo unter?

Daniel: Ich hab eine gemeinsame Wohnung mit meiner Freundin. Bei Matt ist es ein bisschen…

Matt: …ein bisschen dramatischer. Ich bin aus einer gemeinsamen Wohnung ausgezogen kurz bevor wir auf Tour gefahren sind. Wenn wir wieder kommen werde ich mir vielleicht erst einmal etwas für den Übergang suchen, oder eine Weile bei meinem Dad in Süd-Kalifornien verbringen. Irgendwie sowas…

Fühlt ihr euch manchmal heimatlos, wenn ihr so viel unterwegs seid?

Matt: Auf jeden Fall und manchmal nervt das unheimlich! Aber diese Art von Leben bietet dafür einen guten Ausgleich. Ich liebe das, was ich tue und ich möchte es um nichts in der Welt gegen einen ganz normalen Job eintauschen.

Wenn du für einen Tag mit irgend einem Menschen auf der Welt tauschen könntest. Wen würdest du wählen?

Matt: Ich wäre gerne für einen Tag Richard Branson – der Besitzer von Virgin. Der hat ein ganz schön cooles Leben und so viel Geld, dass er alles machen kann, worauf er gerade Lust hat. Und er macht alle möglichen verrückten Sachen. In seiner Freizeit überlegt er sich Möglichkeiten, sein Unternehmen zu vergrößern wie zum Beispiel „Hey! Ich könnte ein Hotel im Weltraum bauen oder eine Maschine bauen lassen, mit der man tiefer tauchen kann, als mit einem U-Boot und es dann vermieten“. Er ist ein Unternehmer in jedem Sinne des Wortes und er erschafft und unternimmt jede Menge tolle und wahnwitzige Dinge. Der Mann führt definitv ein beneidenswertes Leben!

Bevor die Band zu euren Leben wurde – was wolltet ihr werden?

Matt: Ich war im College und hab nicht so recht eine Richtung gefunden. Um ein Vollzeit-Student zu bleiben, hab ich gerade so viele Kurse belegt wie nötig und nebenbei gearbeitet. Wir haben damals nicht geplant, dass die Band mal unser Job wird. Unsere Freunde von damals sind alles mögliche geworden. Manche haben Verkäufer-Jobs oder sowas, manche sind weggezogen. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht die Gelegenheit bekommen hätte, von der Musik zu leben. In den letzten Monaten habe ich dieses Leben auch ziemlich hinterfragt und hab mein Hadern in den Lyrics von „Exit Summer“ verarbeitet. In dem Song geht es um die Frage, ob dieser Weg, den ich eingeschlagen habe, der richtige ist. Es ist existenzielles Hinterfragen meines Lebens: Ist Set Your Goals das, was ich wirklich machen will? Werde ich Reue empfinden, diesen Weg gewählt zu haben, wenn es einmal vorbei ist? Sollte ich dieses Leben als selbstvertändlich betrachten? Wie fragil ist es? Insgesamt geht es darum, unseren gesamten Lebensstil zu hinterfragen.Vielleicht kommt so eine Phase mit dem Erwachsenwerden.

Bist du zu einer Einsicht gekommen?

Matt: Nein. Es ist ein Song mit offenem Ende.

Wenn man die Lyriks auf dem neuen Album betrachtet, dann fällt sofort auf, dass ihr keine gesellschaftlichen Themen behandelt, sondern es wirkt sehr persönlich.

Matt: Das liegt daran, dass sie persönlich sind. 2010 war das schlimmste Jahr meines Lebens und ich hatte eine Menge Themen zu verarbeiten. Dabei habe das Songwriting als eine Art Therapie genutzt, um das Erlebte zu verarbeiten.In der Zeit hatte ich keinen Blick für die äußere Welt und habe deshalb auch nicht über Umwelt, Religion oder die Todesstrafe geschrieben. Alle Themen sind aus meinem Inneren heraus auf das Papier geflossen.

Mal abgesehen von dem inhaltlichen Aspekt hat sich auch euer Stil etwas geändert.

Matt: Ich habe eher das Gefühl, dass wir mit unseren drei Alben eine Art Boomerang-Reise unternommen haben. Das erste Album – „Mutiny“ – war sehr simpel gehalten. Beim zweiten Album – This Will Be the Death of Us“ klang kein Song wie der andere und wir klangen sehr poppig. Viele Leute haben gesagt, dass das nicht mehr nach uns klang. „Burning at Both Ends“ ist eine gute Kombination aus den Stilen der beiden Werke. Wir haben einen Großteil der Zeit mit Brian McTernan zusammengearbeitet, der in der Hardcore-Szene großgeworden ist – so wie wir – und vor uns viele namhafte Hardcore-Bands produziert hat. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Produktion so einen konsistenten Sound hat. Wir haben für das neue Album alte Demos aus der Mutiny-Zeit von 2004/2005 herausgekramt und damit gearbeitet. Das musikalisch Grundgerüst für „Exit Summer“ und „Start the Reaktor“stammt aus dieser Zeit. Im Anschluss an die Produktion mit Brian sind wir nochmal vier Wochen mit Mike Green ins Studio gegangen, haben den Sound poliert, Harmonien entwickelt und Gitarren-Riffs verfeinert. Das sorgte dafür, dass das Album auch eine poppige Komponente hat. In gewisser Hinsicht sind wir mit dem neuen Album also zur Mutiny-Ära zurückgekehrt aber mit einem erwachsenerem, besseren Sound. Wir sind seitdem auch einfach etwas älter geworden.

Daniel: Ich glaube, wir haben noch nie so viel Zeit im Studio verbracht wie bei diesem Album – etwa zehn Wochen. Ich denke, dass ist dem Album echt zugute gekommen. Wir nahmen uns Zeit, die Songs zu schreiben, anzuhören und dann umzuschreiben, darüber zu reflektieren, nochmal umzuschreiben und daran zu feilen, bis wir zufrieden waren. Das macht für mich die besondere Qualität des Albums aus. Es war ein bisschen so wie mit einer Skulptur, die langsam ihre Gestalt bekam. Wir haben im Studio gelebt, in zwei bis drei Schichten am Tag gearbeitet und wenn ein paar von uns zwischendurch zuhause waren, haben wir hin und her gemailt. Ein sehr demokratischer Prozess.

Könnt ihr euch vorstellen, das für immer zu machen?

Matt: Es ist wohl unrealistisch, dass wir unser Leben lang in dieser Band spielen werden. Aber ich kann mich nicht in irgend einem Job sehen, der nichts mit Musik zutun hat.

Info: www.facebook.com/setyourgoals

(Lyra Nanerendij)