SIXXXTEN: „Oliver Geißen – der sympathische Prototyp“

Zwei Jahre nach dem famosen Debüt „Jugend Violencia“ meldet sich das Hamburger Quartett mit „Automat Supérieur“ eindrucksvoll zurück. Eine Platte ohne Netz und doppelten Boden. Zwischen Sofas und Gitarrenamps und in Bad und Küche steckt die Liebe im Detail. Sixxxten suchen nicht nach der perfekten Hookline, weder für die Disco, noch für die Straße. Textlich düster. Apathisch und doch genau das Gegenteil. Kein Geschrei. Punkrock? Wen Interessiert´s? Die Band scheinbar nicht. Keine guten Frisuren, keine Indie-Diskos, wenig jugendlicher Konsens. Im Interview Sänger Hanno Klänhardt:

Seit dem letzten Studioalbum bis hin zur neuen Platte habt Ihr Euch gut zwei Jahre Zeit gelassen. Wie habt Ihr die kreative Schaffenspause genutzt?

Tatsächlich haben wir sehr schnell wieder angefangen neue Sachen zu machen, aber sowas braucht tatsächlich dann auch immer etwas. Die Aufnahmen für AUTOMAT SUPÈRIEUR sind ja auch schon einige Monate alt. Hat nur alles etwas gedauert bis man Studiotermin, Releasedate und all den Kram zusammen hat. Musste sich ja auch erst mal klären wie die Platte wo veröffentlicht wird. All so Dinge die das Musik machen etwas langweilig machen. Zu viel Kopf zu wenig Herz. Glücklicherweise hat uns unser Produzent im Studio den Kopf weggenommen.

Was können wir von Eurem neuen Album „Automat Supérieur“ und den zwölf neuen Songs erwarten? Und was unterscheidet „Automat Supérieur“ gegenüber dem Vorgängeralbum „Jugend Violencia“?

Jugend Violencia war sehr fett produziert. Bewusst überladen und eigentlich immer „an“ und laut. Viel soundspielerein und Selbstverliebtheit. Ich mochte und mag das, jedoch ist das neue Album wesentlich gewagter. Es gibt kein Netz und doppelten Boden. Im wahrsten Sinne des Wortes. Alles was du hörst kommt so von der Band, es gibt keine gedoppelten Gitarren und 100 Vocal Spuren und  übertrieben gecuttete Takes. Alles ist sehr rustikal und „live“. Das steht den Songs sehr gut. Schon der Prozess sie zu schreiben war komplett anderes als beim ersten Album. Sie waren etwa 24 Stunden vor Studio-Antritt „einigermaßen“ fertig. Die Songs zum ersten Album waren teilweise mehrere Jahre alt. Ich mag den spontanen Charakter von AUTOMAT SUPÈRIEUR.

„Automat Supérieur“ habt ihr teils live und  analog eingespielt? Warum habt ihr das gemacht?

Es entsprach dem Inhalt und ästhetischem Ansatz der  Songs. Es passte einfach. Sich wenige Möglichkeiten zum Um-Entscheiden einräumen. Die Songs sind ja auch alles andere als „fett“ produziert,. Es wurde nichts gedoppelt oder so. Die Bandmaschine limitiert dich da aufgrund der Anzahl der verfügbaren Spuren von allein.

Welche Erwartungen habt ihr an „Automat Supérieur“?

Das sie als das verstanden wird was sie ist: eine verdammt gute Platte. Haha. Nein, keine Erwartungen soweit. Da die Band weder auf die Reaktion der Presse noch auf die der restlichen Leute angewiesen ist, besteht wenig Druck. Es ist ja nicht so, als würde einer von uns damit Geld verdienen. Umso mehr freue ich mich, dass das Feedback so positiv ist. Es steckt viel Mühe in der Platte und dennoch ist es das entspannteste was ich je produziert habe. Zumindest für mich gesprochen, war es sehr angenehm keinen übertrieben Ehrgeiz was die Perfektion betrifft zu entwickeln. Wir haben versucht mit wenigen, bewusst limitierten Möglichkeiten (analoge / Live Produktion) eine Platte mit einem guten Vibe aufzunehmen. Das ist soweit geglückt wie ich finde. Ich würde mich freuen, wenn die Leute sich etwas Zeit für die Platte nehmen und ihre nicht ganz so offensichtlichen Raffinessen entdecken und die Liebe fürs Detail verstehen. Aber welcher Künstler wünscht sich das nicht. Ansonsten kann man sie aber auch wunderbar unter wackelnde Tische legen. Ergo: Diese Platte löst entweder eure persönlichen Probleme oder macht, dass euer Tisch nicht mehr wackelt. Das sollte vielen einiges an Geld wert sein.

Du hast mal in einem Interview gesagt, dass die Lycris von ganz von alleine kommen, du einen großen Fernsehen besitzt, der wie ein großes Fenster in die Schwachsinnigkeit der Menschen ist. Ist das immer noch eine große Inspirationsquelle?

Sicher. Die Dummheit der Menschen ist schier unerschöpflich. Erschreckend. Das Fernsehen ist ihre persönliche Bühne. Ein Dinner für Spinner. Es kommen Täter und Opfer an einen Tisch. Insgesamt versuche ich aber nicht zu viel dabei zu sein, wenn andere Menschen sich in Tiere verwandeln.

Welche Trash-TV Sendung schaust du/ihr denn am liebsten?

Was die anderen Jungs gucken weiß ich nicht. Aber unter uns: Ich traue ihnen alles zu. Ich versuche solche TV Formate zu vermeiden, einfach weil die Fremdscham teilweise so groß ist, dass es mir körperlich weh tut. Das geht mir aber auch mir Radio hören so. Am Ende besitze ich aber auch ein TV-Gerät und das macht mich zum Mittäter. Geiles Gefühl.

Woher kommt der Hang zum Zynismus in euren Liedern? Ist es anders nicht mehr zu ertragen?

Mir fällt er nicht so sehr auf. Diese Bemerkung an sich ist allerdings wohl auch wieder zynisch. Zynismus ist gefährlich. Er wirkt wie ein sehr einfach zu bedienendes Schutzschild. Eigentlich scheiße. Und oft nicht fair.  Andererseits hilft es einen sich vom Rest (welchem auch immer) zu entkoppeln. Das macht es leicht in eine Beobachterrolle zu treten um verbal um sich zu schlagen. Ein großes Stilmittel im Rock ´n Roll. Leider auch recht feige. Im Ernst: Das Leben ist schön. Es gibt vieles was ich sehr mag. Aber ich singe nun mal eher Lieder über das was macht, dass ich mich nicht gut fühle. Da gibt es in der Tat einiges. Du hörst es auf vielen Liedern. Eigentlich ist der Hauptaufhänger der Platte das „Aussteigen“ in jeglichem Sinne. Raus aus der Szene, Raus aus der Band, Raus aus der Stadt. Raus aus Dir selbst.

Welche Gesellschaftskritik steckt hinter dem Titel „Automat Supérieur“ und was hat euch dazu bewegt?

Der Automat Supérieur ist die Maschine Gottes. Ein Produkt des Zufalls. Sehr gefährlich, da ihm alles egal ist. Eben weil er IST und nicht SEIN WILL. Genau das Gegenteil von mir und dem Durchschnittsmenschen. Wir kümmern uns immer um alles und alles ist uns wichtig. alles muss stimmen, passieren, funktionieren. Der Automat Supérieur. ist ein Geisteszustand auf den ich sehr neidisch bin. Ich bin zu kopflastig. Der Automat ist einfach gar nichts, er interessiert sich für nichts. Das macht ihn unzerstörbar. Unabhängig. Wir normalen (?) Leute streben tagtäglich nach Funktion. Das macht uns leicht verwundbar. Wir werden ständig enttäuscht. alles ist immer irgendwie tragisch. Sieh dir das Artwork an. ein Pferd mit flügeln. Was bitte ist denn das für’n Quatsch?? Aber es funktioniert. Seit unfassbar langer Zeit gilt Pegasus als der allem überlegene „IST“-Zustand.(wie nahezu jeder Gott) Der Mensch möchte ihm gleichkommen und verreckt elendig auf seiner Reise in den Himmel mit seinen primitiven Methoden. (siehe die toten Bänker erhängt an den Luftballons fliegend am Horizont (Artwork Innenseite). Der Mensch ist das Gegenteil vom Automat Supérieur. Er ist ein Mensch. Nicht weniger, aber eben keinesfalls mehr.

Man hört über „Automat Supérieur“, dass es eine Hip-Hop Affinität besitzen würde? Könnt ihr dem zustimmen?

Auf jeden Fall. Ich für meinen Teil als Sänger dieser Band komme aus einem sehr Hip Hop lastigen Umfeld und habe das immer sehr genossen und als sehr inspirierend empfunden. Alles sollte immer so unrein wie möglich sein. Wenn man privat ebenfalls viel Rap hört und Sänger ist, bleibt, sofern nicht völlig talentfrei, ein gewisser Flow und Extravaganz nicht aus. Ich finde es klasse, wenn nicht jeder „Rocksong“ gleich vorgetragen wird. Viel zu groß die Möglichkeiten.

Welcher Geschichten stecken hinter „Der sympathische Prototyp“ und „Der goldene Roboter“?

Der sympathische Prototyp ist ein gefährlicher Bewohner unserer Erde. Er ist der, der super bei deinen Eltern, Lehrern und Arbeitskollegen ankommt. Die Ausgeburt der Reinheit. Unheilbar gesund. Somit, wie gesagt, sehr gefährlich für uns Normal-Sterbliche. Oliver Geißen ist in Deutschland der sympathische Prototyp.

Der goldene Roboter ist ein Trend (und fremd-) gesteuertes Wesen aus dem Hamburger Schanzenviertel. Gefährlich, weil es über unsere übliche Währung –  Geld , verfügt. Alle die keines haben, so wie ich, müssen diesen Roboter ausschalten. Oder sich eben feige in Interviews via Internet wichtig machen. So wie ich ebenfalls.

Nach jeder Platte heißt es: „Touren, touren, touren“. Wie sieht es aus?

Wer sagt das denn? Hahaha. Mal sehen, ich denke schon, dass da einiges zusammenkommt. Wir freuen uns auf die Shows. Wir waren noch längst nicht überall. Sagt bescheid, wir kommen gern. Auch so, zum abhängen und Bier trinken.
Muss ja nicht immer alles Arbeit sein.

Letzte Frage: Werden wir je von Sixxxten ein Falco Cover hören?

Nein. Zu groß meine Liebe und Respekt gegenüber Johann Hölzel aka F.a.l.c.o

Danke für das Interview

Bitte sehr. Und danke für deine Fragen.

Info: www.sixxxten.com

(Markus A. Tils)