ENNO BUNGER: „Man kann mit Musik nur dann wirklich berühren, wenn man sich ganz bewusst angreifbar macht“

Zwei Jahre nach dem Debüt, erscheint mit „Wir Sind Vorbei“ das zweite Album von Enno Bunger, dass er und seine Band in Berlin zusammen mit Tobias Siebert (Kettcar, Klez.e, Juli, Phillip Boa und Sport) aufgenommen hat. Zehn ausgeklügelte Pop-Songs treffen auf autobiografische Texte, die überwiegend vom Ende einer langjährigen Beziehung handeln und die Gefühls- und Gedankenwelt dieser durchlebten Situation intensiv widergibt.

Im letzten Interview hast du ironischerweise gesagt, dass ein Auftritt im ZDF Fernsehgarten für dich ein Ziel sei, um anschließend aufzuhören, weil man schließlich alles erreicht hätte als Band. Nun, in der Zwischenzeit warst du schon Gast bei Ina Müller und mit dem neuen Material  bist du bei  TV Noir/ ZDF Kultur  aufgetreten.  Der Lerchenberg ist somit in Sichtweite!

Das kann man ja nun nicht vergleichen, Inas Nacht und TV Noir sind in der deutschen Medienlandschaft rare Formate, die gern mal unbekanntere Künstlern eine größere Plattform bieten. Der ZDF Fernsehgarten ist dagegen so ein Format, wo es sich hervorragend anbietet, den allseits beliebten Instrumentetausch oder den Poolsprung live im Fernsehen zu bringen, wobei man davon vermutlich kaum etwas mitbekommt als Zuschauer, vor lauter Blumenwiesenüberblendungen.

Wie würdest du rückblickend die letzten zwei Jahre beschreiben?

Eine sehr intensive Phase ist mit dem ersten Album zu Ende gegangen, wir waren viel unterwegs und haben schöne Dinge erlebt. Interessant war vor allem die Zeit nach dem ersten Album, als sich der Trubel legte und ich mich kurz gefragt habe, „und jetzt?“, bevor dann eh genug in meinem Leben passierte, woraus dann ganz nebenbei viel Material für neue Lieder entstand. Allerdings finanziell keine einfache Situation, wenn man ganz intensiv ein Jahr lang an einem Album schreibt und dann ins Studio geht, und dafür bezahlt, um sich wochenlang den Allerwertesten aufzureißen.

Das neue Album handelt überwiegend von deiner ehemaligen Beziehung. Wie findet deine Ex-Freundin die neue Platte und macht dich solch ein Seelentrip nicht angreifbar?

Ja, es geht um die Verarbeitung einer langen Beziehung mit einem Menschen, der mich sehr geprägt hat. Festzuhalten, wie das, was man sich lange mühsam aufgebaut hat, wieder langsam in sich zusammenfällt, wie man einen Menschen gehen lassen muss, der ein Teil von einem ist. Das fiel mir nicht leicht, war aber dennoch ein sehr spannender Prozess. Sie war neulich bei einem Konzert und hat zum ersten Mal die Stücke gehört, kam anschließend freudestrahlend auf mich zu, sagte: „ich bin so stolz, ich habe nicht geweint!“, und fing dann an, zu weinen. Ich glaube, man kann mit Musik nur dann wirklich berühren, wenn man sich ganz bewusst angreifbar macht. Fast jeder wird mal etwas Ähnliches empfunden haben, es gibt viele Stücke über Trennungen, aber wenige (deutschsprachige) Alben, die sich 45 Minuten damit auseinandersetzen. Neulich hat mich Oliver Uschmann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, einen Roman zu schreiben. Ich verneinte, woraufhin er sagte, das hätte ich doch mit diesem Album bereits getan.

( Das Interview mit Oliver Uschmann gibt es HIER bei unseren Freunden von getaddicted.org)

Dennoch habe ich das Gefühl, dass trotz der Melancholie, das Album am Ende dennoch optimistisch nach vorne schaut. Wenn ich das richtig interpretiere, wie wichtig war es für dich, so am Ende die Kurve zu kriegen?

Bevor die Trennung im Einzelnen beschrieben wird, beginnt das Album mit dem Ende dieser Verarbeitung. „Blockaden“ und „Euphorie“ sind zwei Stücke mit dem Wunsch und Streben danach, nicht in der Vergangenheit zu graben, sondern sich davon zu befreien, und sich auf Neues einzulassen. Es sind Monologe, in und mit denen ich versucht habe, mich selbst dazu zu motivieren, obwohl ich vielleicht zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wirklich bereit dazu war – was man vielleicht zwischen den Zeilen auch hören kann, weshalb die eigentlich optimistischen Stücke trotzdem etwas Melancholisches beinhalten.

Welcher Song ist der wichtigste für dich auf „Wir sind vorbei“?

„Regen“ ist wohl der persönlichste und berührendste, die wichtigste Erkenntnis aber kam beim Schreiben von „Abspann“ – die Erkenntnis, dass man vier Jahre Beziehung nicht einfach verdrängen und auslöschen kann oder sollte, sondern dass diese Zeit und dieser Mensch ein Teil von mir ist und bleiben wird.

Nenne 5 Platten, die Dir für „Wir sind vorbei“ geholfen haben, um auf Ideen zu kommen.

Franz Schubert – Winterreise

Bon Iver – For Emma, Forever Ago

Archive – Lights

Arcade Fire – Funeral

Element Of Crime – Romantik

Ich hab gelesen, dass deine erste CD „Hyper Hyper“ von Scooter war. Waren es musikalische Gründe oder hat man sich mit HP Baxxter verbunden gefühlt, da er ebenfalls aus Leer stammt? 🙂

Das weiß ich auch nicht so genau, ich fand das damals scheinbar wirklich gut, mit sechs Jahren, und hab ständig alle Stücke von Scooter auf dem Klavier nachgespielt. Die Basedrum schön mit der linken Hand als Vierteloktavbass, schön durchkloppen. Ich glaub, dass Hans-Peter Leeraner ist, hab ich erst später herausgefunden.

Enno Bunger verbinde ich momentan immer mit ostfriesischen Tee.  In deinem Video kommt Tee vor, deine letzte Tour hieß sogar „Ein Mann, ein Tee, ein Klavier“.  Was steckt dahinter?

Och, ich mag gern Tee!

In dem Video „Euphorie“ trinkst du den Tee mit Milch. Magst du den Tee so am liebsten?

Mit Sahne und Kluntje! Der schmeckt wirklich stark! Von oben nach unten. Rahmig, bitter und dann süß – wie unser Album. Diesen Satz nun bitte nicht als Überschrift für den Artikel benutzen. Macht ihr aber sicher sowieso. Man muss aufpassen, was man sagt, sonst steht in einem Artikel dann plötzlich „Ich will einmal im Fernsehgarten auftreten“ als Überschrift.

Ihr habt von eurem Debüt „Ein bisschen mehr Herz“ das erste Video“ Herzschlag“ mit Dennis Dirksen gemacht.  Auch von „Wir sind vorbei“ ist das erste Video „Euphorie“ von Dennis Dirksen? Ist das Zufall? Warum vertraut Ihr ihm immer das erste Video an?

Ich glaub, das Herzschlag-Video war eines der ersten Musikvideos von Dennis, wir fanden das damals sehr gelungen und wollten unsere Euphorie-Idee mit dem Brautkleid unbedingt mit ihm umsetzen, weil er sehr fotografisch filmt, was auch in diesem Video wieder wirklich gut gelungen ist.

Wie peinlich war es eigentlich für dich als Organist, auf einer Beerdigung den Anfang eines Hochzeitsmarschs gespielt zu haben?

Ich hab vor lauter Aufregung ganz rote Haare bekommen!

Vor kurzem bist du zusammen mit Autor Oliver Uschmann aufgetreten, der sei neues Buch „Überleben auf Festivals“ vorgestellt hat. Welche sind deinen prägendsten Erinnerungen an Festivals, egal ob Besucher oder selbst als Act.

Oh, da macht man als Band schon sehr eigenartige Erfahrungen. 2007 bei einem kleinen Festival hatte jemand der PA-Firma das Auto seiner Freundin als Sicherheit angegeben. Wirklich toll organisiert, er hatte da Olli Schulz und Klez.e als Headliner eingeladen, nur leider hat es den ganzen Tag geregnet, es kamen viel zu wenige Menschen. Das Auto war dann weg, die Freundin angeblich auch.

Info: www.ennobunger.de

(Markus A. Tils)

SMASH-MAG.com Interview aus dem Jahr 2010