ANTI-FLAG: „Menschen verändern die Welt“

Anti-Flag blicken auf das prägendste Jahr ihrer Bandgeschichte zurück, in dem die sozial und politisch engagierten Musiker weltweit neue Hoffnung schöpfen konnten. Ihr aktuelles Album „The General Strike“ ist geprägt von den Ereignissen des vergangenen Jahres, wie dem arabischen Frühling und die vom New Yorker Broadway ausgehenden Occupy-Bewegung. Auf ihrer Clubtour sprachen wir in Hamburg mit Chris#2 nicht nur über Punkrock und Politik, sondern wollten auch mal erfahren, was er neben der Musik so treibt.

Hey Chris! Wie geht es dir und wie ist eure Tour bisher? Und vor allem habt ihr nur in kleinen Clubs gespielt, warum?

Chris#2: Die Shows waren der Hammer. „The General Strike“ ist seit März draußen und als wir das Album produzierten, konzentrierten wir uns auf das, was Anti-Flag ausmacht und was uns bewegt in dieser Band zu spielen. Uns gibt es nun 15 Jahre und wir fragten uns wohin die Reise mit „The General Strike“ hingehen soll. Dabei wollten wir zu den Dingen zurück, die uns wichtig sind. Dazu zählt es, dass wir hier in Deutschland diese Clubtour spielen. Wir haben in Deutschland überall gespielt und wollten unseren Fans die Gelegenheit geben mit uns eine Punkrock Konzert zufeiern, dass im kleineren Rahmen stattfindet. Wenn man mit den Leuten auf Augenhöhe steht, ist es gut für die Seele und für uns als Band. Man spürt förmlich die Energie und die Bestätigung weiter zu machen.

Alle Konzerte auf dieser Tour waren ziemlich schnell ausverkauft. Ihr hattet bereits viel Erfolg in den ganzen letzten Jahren und ihr seid immer noch erfolgreich. Habt ihr ein spezielles Rezept dafür?

Chris#2: Punkrock als Ganzes hat in den letzten Jahren deutlich an Popularität abgenommen. Das war mal definitiv anders. Es sieht so aus als gäbe es immer weniger Punkrock Bands und Leute, die sich mit der Grundidee des Punks befassen. Wenn man, wie ich, seit Jahren in einer Punkrock Band spielt, hat man so seine Erfahrungen gesammelt. Es gibt wirklich Phasen, wo die Beteiligung an der Szene mal mehr oder weniger ist. Es ist ein großer Kreislauf in dem man sich befindet und irgendwann kommt alles mal wieder. Wir haben uns mit Anti-Flag etwas aufgebaut das wir selbst kontrollieren. Somit tragen wir auch die Verantwortung, dass wir nicht alles kaputt machen, was wir uns über die Jahre aufgebaut haben. Ich glaube nicht, dass es eine spezielle Formel oder ein Rezept für unseren Erfolg gibt. Wenn man von dem überzeugt ist, von dem was man macht und daran glaubt, dann kannst du die Leute damit begeistern. Das ist der Grund, warum wir es geschafft haben so lange zu überleben. Wir können uns auf unsere Fans verlassen und sie auf uns.

Wie kommt es, dass ihr euer eigenes Festival “ANTIFest” in England veranstaltet?

Chris#2: Wir hatten die Idee und wir haben es einfach gemacht. Es gibt Ende April immer das Monster Bash in Berlin und das Groezrock Festival in Belgien. Dort spielen immer ein paar gute Bands, die wir seit Jahren kennen und lieben gelernt haben. Da es zu dieser Zeit kein Festival in Englang gibt, dachten wir uns, dass wir auf dem drauffolgenden Wochenende halt unser eigenes Festival in England auf die Beine stellen. Schon lustig, dass uns jetzt alle Fragen warum wir das gemacht haben. Selbst in Pittsburgh und in Australien fragt man uns darüber aus.

Zwischen „The General Strike“ und „The People or the Gun” liegen drei Jahre. Wann wusstet ihr, es ist Zeit ein neues Album zu produzieren? Waren eure Nebenprojekte Gründe für das lange Warten?

Chris#2: Nein, Justin war auf Solo Tour, Chris und ich hatten eine Platte mit “White Wives”, aber das war nicht der Verzug. Wenn es ein Grund für das Warten gab, dann war es eher das Schreiben von Songs. Wenn wir die Songs zu schnell schreiben, dann hören sie sich sehr ähnlich an. Deshalb haben wir einen Song geschrieben, eine Pause eingelegt, um unseren Kopf wieder frei zubekommen. Erst dann haben wir den nächsten Song geschrieben. Das ging so lange, bis wir die besten 11 oder 12 Songs hatten. Erst da hat sich das Gefühl eingestellt, dass wir endlich fertig sind mit dem Songwriting. Ein Freund von uns, der bereits bei „White Wives“ mit wirkte, mischte dann unser Album. Das Ergebnis ist, The General Strike ist auf jeden Fall eines der besten Alben die wir je produziert haben.

“The General Strike” ist euer zweites Album auf Side One Dummy nach eurer Rückkehr vom Major Label. Wie war die Arbeit mit Side One Dummy bisher?

Chris#2: Wir haben es schon wieder getan. (lacht)

Also ist es ein gutes Zeichen?

Chris#2: Ja aber es ist auch irgendwie ein Fluch von Anti-Flag. Wir haben noch nie mehr als zwei Alben auf einem Label veröffentlicht.

Warten wir bis zum nächsten Album?

Chris#2: Genau, fragt mich das noch mal beim dritten Album, wahrscheinlich kann ich dir dann mehr sagen. Nein Quatsch, wir mögen Side One Dummy wirklich gerne und respektieren uns gegenseitig. Sie diktieren uns nicht, wann wir ein Album zu veröffentlichen haben. Als wir fertig waren, haben wir ihnen unser Material geschickt und ein Datum für den Release. Mit Side One Dummy gibt es keine Streits um irgendwelche Verträge. Handschlag – fertig aus. Bei einem Major Label braucht alles einen viel größeren Anlaufplan.6 Monate für das und 3 Monate für jenes und eh alles geklärt ist, liegt ein Jahr zwischen Fertigstellung und Release. Das ist schon irgendwie komisch. Nicht alles ist so schlecht bei einem Major Label. Wir hatten unglaublich viel Geld zur Verfügung gehabt, was wir auch ausgegeben haben. Wenn du das Geld von Fat Mike von Fat Wreck Chords oder von Joel Billy von Side One Dummy ausgibst, fühlst du dich anders und spürst eine gewisse Verantwortung. Aber wenn du das Geld von Sony Music verprasst, dann ist es dir echt scheiß egal. Du willst einfach soviel wie möglich ausgeben, weil du nicht das Gefühl hast jemanden was weg zunehmen. Kelly Clarkson zum Beispiel.

Ja, das ist nicht so schlimm! Worüber sprecht ihr in euren Songs auf “The General Strike”?

Chris#2: Wenn man die Occupy Wall Street Bewegung, die Studentenproteste in Quebec oder die Situation in Griechenland verfolgt, sieht man, dass es immer mehr Menschen gibt die „Nein“ sagen und durch ihren Protest versuchen für etwas Besseres in ihrem Leben zu kämpfen. Wie können wir davon nicht beeinflusst werden? Das ist auch die Hauptaussage von „The General Strike“. Eine Band, ein Album oder ein Song wird die Welt nicht verändern können. Menschen verändern die Welt. Ein Song kann aber Menschen inspirieren. Wenn man den Menschen zum Beispiel dazu bewegt darüber nachzudenken, was er isst oder wie er sein Geld ausgibt, dann ist es schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Wie hat sich deine politische Haltung über die Jahre geändert, seid du in der Band bist?

Chris#2: Man wird erwachsen und sieht Dinge ganz anders, als wenn man jung ist. Es ist nicht mehr diese typische „schwarz-weiß“ Sicht, sondern es vermischt sich zu einem grau in meinem Leben. Trotzdem ist die Band immer noch gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und Nationalismus. Wir haben begriffen, dass wir mit unseren Songs was erreichen können als nur einfaches „Fuck The Police“. Bevor wir das erste Mal nach Europa gekommen sind, gab es Anti-Flag bereits 7 Jahre. Du kommst nach Deutschland, triffst die Menschen und merkst, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind, wie es unsere Regierung gerne erzählt. Wenn man durch die Welt reist, dann merkt man, wie falsch Nationalismus ist. Als wir in Malaysia gespielt haben, dass primär ein muslimisches Land ist, wussten wir anfangs nicht, wie wir reagieren sollten. Aber die Kids dort unterscheiden sich nicht mit denen, die man auf einer Show in Pittsburgh trifft. Da ist einfach kein Unterscheid. Punkrock ist ein Ort, an dem wir alle, wie selbst sein können.

So jetzt mal genug von diesen ernsten Themen, ist Anti-Flag eigentlich ein Fulltime Job? Und was machst du in deiner Freizeit?

Chris#2: Ich verdiene mein Geld komplett mit Anti-Flag. Wir leben in Pittsburgh, Pennsylvania was nicht gerade teuer ist und somit können wir auch schon so lang unser Leben finanzieren. Würden wir in New York oder L.A. leben,  müssten wir wahrscheinlich auch Jobs haben. Was aber auch heißt, dass wir nicht so viel touren könnten. Ich denke unsere Umgebung hat uns dabei geholfen jetzt da zu sein, wo wir nun sind. Außerdem spiele ich noch Eishockey, spiele noch in der Band „White Wives“ und versuche mich zu entspannen wenn ich zu Hause bin und die Zeit dazu habe.

Hast du irgendwelche Macken?

Chris#2: Ich sammle Spielzeuge, vielmehr Star Wars Figuren. Das ist ganz schön langweilig, oder? Außerdem liebe ich Eishockey. Ich werde echt wütend wenn mein Team verliert.

Was ist dein Team?

Chris#2: Die Pittsburgh Penguins. Und noch eine Macke von mir ist, dass ich mir vor jeder Show, also unmittelbar davor meine Zähne putze. Das ist wirklich seltsam. Ich hab das bisher immer gemacht. Ich hab echt keine Ahnung, sorry.

Vielleicht weil du so nah an deinen Fans bist, dass du einen gutem Atem haben willst?

Chris#2: Ja genau, im Falle ich lern jemanden kennen und will dann bereit sein. (lacht)

Was ist das lustigste oder peinlichste was dir jemals auf Tour oder auf der Bühne passiert ist?

Chris#2: Wir haben in New York City auf einem wirklich riesigen Konzert gespielt. Ich weiß nicht mehr was das war, aber es war direkt neben an wo die „David Letter Man Show“ produziert wird. Mit uns haben The Teen Idols, New Found Glory und Less Than Jake als Headliner gespielt. Und alles war super und dann bin ich hingefallen. Aber ich bin so gefallen, dass ich fast von der Bühne fiel. Mein Kopf hing von der Bühne runter und ich lag auf dem Rücken, um meine Gitarre zu schützen. Das war mir richtig peinlich. Ungefähr 5.000 Leute waren da. Danach hat mein Rücken aber auch ganz schön weh getan.

Okay das war es schon fast, habt ihr noch irgendwelche Pläne für die Zukunft?

Chris#2: Nicht wirklich, nach dem Groezrock geht es für uns erst mal nach England wo wir ANTIFest spielen und dann nach Frankreich. Von dort geht es direkt nach Australien und dann spielen wir auch schon  die Vans Warped Tour in den USA. Dann geht es wieder zurück nach Europa für die Festival Saison. Am Ende des Jahres spielen wir dann The Fest in Florida. Des Weiteren sprechen wir aktuell auch über eine Tour in Südamerika. Mal sehen, was noch passiert. Auf jeden Fall sind wir bis Ende des Jahres total beschäftigt.

Info: www.anti-flag.com

(Marina Micic)