JOHNNY MAUSER: Auf der Flucht

JohnnyMauser-Foto-Till-Glaeser_1
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(Greifswald, IKUWO, 10.05.2013) Am 26. April 2013 erschien mit „Der Katze Entkommen“ das mittlerweile dritte Soloalbum des Hamburger Zecken-Rappers Johnny Mauser. Wir hatten die Gelegenheit mit Johnny vor seinem Gig im Greifswalder IKUWO (Internationales Kunst- und Wohnprojekt) ein kurzes Gespräch über die neue Platte und andere Kleinigkeiten zu führen.

Hallo Johnny.  Schön, dass du dir hier in Greifswald die Zeit für ein kleines Gespräch nimmst.

Zur neuen Platte:

Am 26. April erschien „Der Katze Entkommen“.  Welcher „Katze“ bist du entkommen – bzw. wer ist für dich diese „Katze“?

Die „Katze“ steht sinnbildlich für alle Obrigkeiten und Autoritäten, welche einem vielleicht vorschreiben wie man zu leben hat. Sie steht aber auch für Zwänge die man spürt; wie man sein Leben in dieser Gesellschaft durchzuziehen hat. Ich habe mich versucht davon zu emanzipieren – eher ein Künstlerleben zu führen. Das war und ist manchmal gar nicht so leicht! Es war wie eine Flucht vor der „Katze“ bzw. der Gesellschaft. Auch wenn es zurzeit mit dem Künstlerleben recht gut läuft sehe ich das ganze als einen Prozess und will nicht behaupten, dass ich die Flucht völlig überstanden habe.

Knapp zwei Wochen ist dein Album nun in den Plattenläden – Wie zufrieden bist du mit dem ersten Feedback? Gab es besonders schöne oder aber auch sehr ernüchternde Rückmeldungen?

Zu 95% war das alles total positiv. Auch viele befreundete Musiker meinten, dass es mein bisher bestes Album ist – sowas höre ich natürlich gerne. Meine größte Angst wäre es wenn man hört, dass es eine nette Platte ist, die davor waren aber besser. Es würde mich ziemlich stressen wenn die Leute keinen Fort-, sondern eher einen Rückschritt sehen würden. Natürlich hat das auch immer etwas mit Geschmackssache zu tun. Das Album ist ruhiger und nachdenklicher. Aus diesem Grund meinten einige, dass sie es erwachsener finden. Mit „erwachsener“ ist hier durchdachter und reflektierter gemeint. Daher habe ich manche Sachen nicht so schnell daher gesagt.  Ich will aber auch nicht unbedingt erwachsen werden und nur ernste Musik machen – etwas kindliche Euphorie sollte immer dabei sein.

Jetzt kommt keine Frage und auch wenn du jetzt sicherlich unendlich viel sagen könntest – Fasse doch bitte einmal kurz den Inhalt deiner neuen Platte zusammen!

Zum einen gibt es die nachdenklichen, „erwachsenen“ Tracks. Man hört vielleicht, dass ich mir zu einigen Sachen viele Gedanken gemacht habe. Aber auch, dass es im letzten Jahr Phasen gab die nicht immer nur locker und easy waren. Außerdem gibt es politische Tracks, da ich Rap als Medium sehe um eine politische Message rüber zu bringen. Dann ist auch wieder ein wenig „Augenzwinkern“ dabei. Es ist klar, dass der Song „Mauser Macht Krach“ – in dem ich einen Polizeiwagen klaue und damit durch die Stadt fahre – nicht ernst gemeint ist. Es ist inhaltlich gemischt und durch den Sound und die Stimmung ist roter Faden zu erkennen.

Du hast es selber schon erwähnt: Anders als deine bisherigen Alben wirkt die neue Platte teilweise nachdenklicher, ja sogar reifer als die Vorgänger. Wie kam es dazu? Wer hat dir möglicherweise einen Denkanstoß gegeben?

Wenn ich mich mit den Themen Antifaschismus und Nazis auseinandergesetzt habe, habe ich häufig einfache Texte wie „Nazi-Scheiße aufs Maul!“ herausgehauen. Dafür gab es auch von Leuten auf deren Meinung ich zähle oder aber aus der Linken heraus Kritik. Es geht nicht darum genauso hart zu sein wie die Nazis. Nein. Eher wollen wir uns unsere Gesellschaft auf eine andere Art und Weise erträumen. Aus diesem Grund habe ich darüber nachgedacht, dass es nicht so geil ist nur Tracks zu machen in denen es darum geht wie „Wir sind Mega hart und hauen  alle um!“. Diese „coolen“ Sprüche gehören zwar zum Rap, aber ich habe mir hier einige Gedanken gemacht.

Außerdem können wir uns glücklich schätzen überhaupt Entscheidungen in unserem Leben treffen zu können. In anderen Teilen der Erde haben Menschen diese Möglichkeit nicht – wie sie Leben wollen, wie sie ihr Geld verdienen – da geht es häufig ums reine Überleben. Aus diesem Grund stellt man sich dann auch die Frage, was man mit seinem Leben anfangen möchte. Wie will ich leben? Mit wem will ich leben? Ich denke dieses Nachdenkliche und auch das „teilweise damit überfordert zu sein“ spiegelt sich in der Platte wider.

Der Austausch mit anderen Menschen, insbesondere denen, die ihr Leben nicht ganz so führen wie alle anderen Bürger in der Gesellschaft, regt einen natürlich auch zum Nachdenken an. Ohne diesen Austausch geht nicht viel.

Jetzt wird ein wenig geschleimt: Alle Tracks sind spitze, aber hast du einen Lieblingssong von „Der Katze Entkommen“  und wenn ja, warum ist es gerade dieser Song? 

Als erste Single habe ich den Song „Klein“ gewählt. Auch wenn er singleuntypisch ist, da er kein Partypotenzial hat. Ich war einfach damit zufrieden, dass der Track so rund ist und diese Nachdenklichkeit gut rüberbringt.

Die nächste Single wird, gerade auch weil es mit mein Lieblingstrack ist, „Die Mauer“ sein. Auch wenn das Thema Nationalismus in Deutschland nichts Neues ist, war es mir wichtig das Thema nochmals anzusprechen. Gerade wenn zu einer Fußball-WM oder EM wieder die ganzen Deutschlandfahnen herausgeholt werden kommt in mir das Gefühl auf, dass man dagegen etwas schreiben müsste. Ich bin aber auch mit der Power und dem Beat zufrieden. Nach den letzten Konzerten glaube ich außerdem, dass sich dieser Song durchsetzen wird und wirklich gut beim Publikum ankommt.

Letze Frage zum Album: „Politisch Motivierte Sprachgewalt“ erschien 2009, „Die Sendung Mit Dem Mauser“ 2011 – Wie zufrieden bist du selber mit „Der Katze Entkommen“ im Vergleich zu deinen anderen Alben und worin liegt der gravierendste Unterschied zu seinen Vorgängern?

Mittlerweile plane ich am Tag mehr Zeit als vorher für Musik. In den letzten Monaten ist eine Menge drum herum passiert. Ich bin jetzt ja auch bei Audiolith – dadurch bekommt das Ganze eine ganz andere Herangehensweise. Es gibt Zeiten an die ich mich halten muss, es gibt Erwartungen, es gibt Dinge die ich erfüllen muss – deswegen habe ich auf jeden Fall mehr Energie in das neue Album investiert. Bei meiner ersten Platte sah das noch ganz anders aus. Ich hatte überhaupt keine Erwartungen und dachte, dass das maximal 50 Leute hören. Aus diesem Grund habe ich mir überhaupt keine Gedanken ums Schreiben gemacht – das hört eh keiner, das schreibe ich mal so runter! Dann war ich natürlich vom Erfolg überrascht. Jetzt wusste ich, dass es da Leute gibt die mich beurteilen, die das Bewerten was ich mache. Ich habe zwar nichts so geschrieben um den Leuten zu gefallen, aber natürlich denkt man darüber nach wie das wohl ankommt. Es ist schon ganz klar ein anderer Druck zu spüren gewesen.

Dieses, Jenes, Welches: 

Ich nenne dir jetzt mal ein paar Worte und bitte dich jeweils so kurz wie möglich darauf zu antworten!

Lieblingsschnaps: Cuba Libre, Mexikaner!

Audiolith: Ein sehr lockeres Umfeld für ein Plattenlabel!

Ticktickboom: Großfamilie und “Zukunftsding” überhaupt!

Hobbies: Meine Hobbies waren immer Rapmusik, DJing, Produzieren, Sprayen – all das mache ich jetzt professionell. Meine Miete zahle ich eher durch Graffitiauftragsarbeiten als durch die Musik. Ansonsten spiele ich gerne Basketball.

Hamburg: Fast mein ganzes Umfeld befindet sich in Hamburg. Es fällt mir im Moment nichts ein, was mich dort wegziehen könnte.

Du hast zu Zeit viel um die Ohren: Audiolith, Neonschwarz, Ticktickboom, deine Soloarbeit, Solikonzerte – wie bekommst du all das unter einen Hut? Wenn ich richtig liege studierst du doch auch noch nebenbei!?

Auch wenn ich mit dem Studium fast fertig bin läuft da im Moment gar nichts. Ich bekomme es einfach nicht hin meine Hausarbeiten zuschreiben. Einer Lohnarbeit muss ich dank der Graffitis und der Musik glücklicherweise nicht nachgehen. Es ist irgendwo schon ein Traumleben, da ich selber entscheiden kann wann ich morgens aufstehe – wann ich wo hin fahre, aber dennoch ist es sehr stressig. Wenn ich alles zusammenzähle habe auch ich eine 40-, wenn nicht gar 60-Stunden-Woche. Es gibt zwar wenige Aufgaben die mir keinen Spaß machen, aber es ist trotzdem anstrengend und ein gewisser Druck ist schon zu spüren.

Was motiviert dich besonders Konzerte für 5€ wie heute im Greifswalder IKUWO zu spielen? 

Zum einen ist da der politische Anspruch. Viele Konzerte haben Soli-Zweck oder weisen auf einen politischen Missstand hin. Hier unterstütze ich gerne mit meiner Musik. Auf der anderen Seite gehe ich glücklich nach Hause, wenn die Leute total durchdrehen oder einfach nur den Texten zuhören.

In einigen deiner Texte spielt der Spaß eine ganz wichtige Rolle! Hast du einen Lieblingswitz – bitte jugendfrei, kann aber auch total platt daherkommen!

Ach du Scheiße! Witziger Weise haben wir heute im Auto geplant, dass sich einer aus unserer Liveband, dem Trouble Orchestra, heute auf die Bühne stellt und die 100 besten Witze googelt und die einfach mal auf der Bühne bringt. Das war allerdings nicht ernst gemeint! Mein Lieblingswitz? Den finden die meisten zwar überhaupt nicht witzig, aber er kann ja auch platt daherkommen: Kommt ein Typ zum Doktor und sagt: „Herr Doktor, Herr Doktor, ich bin eine Motte!“ Daraufhin sagt der Doktor: „Ja, das ist ja schön und gut, aber gehen Sie mal lieber zum Psychologen!“ Erwidert der Patient: „Ich war ja auf dem Weg dorthin, aber bei Ihnen brannte gerade das Licht!“

Letze Frage!

Welches sind zurzeit deine drei Lieblingsplatten anderer Künstler/Musiker?

„Moment Of Truth“ von Gang Starr ist für mich die beste Hip-Hop-Platte aller Zeiten. Überhaupt höre ich am meisten englischsprachigen Rap. Aus meinem Umfeld hat Refpolk eine neue Platte mit dem Titel „Über Mich Hinaus“ herausgebracht – die finde ich ziemlich gut und er hat mich damit auf jeden Fall überzeugt! Auf der Fahrt heute haben wir außerdem das „Goldie“ Mixtape von A$AP Rocky gehört. Ich verstehe zwar nicht jedes Wort im Englischen – da ist bestimmt auch mal scheiße dazwischen, aber A$AP Rocky äußerte sich mal darüber, dass ihm die sexuelle Orientierung seiner Mitmenschen egal ist – er also nichts gegen Homosexuelle hat. Und dadurch als Ami-Rapper aufzufallen finde ich auf jeden Fall positiv! Aus diesem Grund kann ich die Platte auch mit reinem Gewissen hören.

Johnny, vielen Dank für das Gespräch!

Info: www.facebook.com/Johnnymausermusik

(Christoph Ahl)