KMPFSPRT: „Im Herzen jung“

KMPFSPRT (David Schumann/Jugend Mutiert)

Auch wenn die Schreibweise des Bandnamen ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, handelt es sich bei der Formation aus Köln um durchaus ernsthafte Zeitgenossen.  Seit dem Erscheinen ihrer 2012er EP „Das ist doch kein Name für ’ne Band“, hat sich das Quartett zum Geheimtipp im deutschsprachigen Punkrock gemausert. Auf ihrem Debütalbum „Jugend Mutiert“, das auf Uncle M erscheint, begeistert die Truppe mit elf rauen sozialkritischen Punkrockhymnen und zählen sogar Quicksand- und Rival Schools Frontmann Walter Schreifels zu ihren größten Fans. Wir wechselten einige Worte mit Gitarrist David Schumann.

Glückwunsch zum Debütalbum!  Ihr habt euer Debütalbum „Jugend Mutiert“ genannt, was man ja als Statement interpretieren kann! Was wollt ihr mit dem Titel ausdrücken?

David: Danke! Jeder, mit dem wir bisher gesprochen haben, hatte seine eigene Interpretation des Titel, was ich schon mal ziemlich cool finde. Auch bei uns in der Band bedeutet „Jugend mutiert“ unterschiedliche Dinge für die einzelnen Mitglieder. Für mich hat es weniger mit „der Jugend da draußen“ zu tun, als mit mir selbst, mit meiner eigenen Jugend: Das Leben ändert sich, man wird älter, Jugend mutiert zu etwas Neuem – aber die Gefühle, die Ansichten und die Attitüde bleiben.

Fühlt Ihr Euch noch „Jugendlich“, schließlich wächst bei dem ein oder anderen von Euch schon die Plauze und schließlich „All My Friends Are Dads“?!?

David: Die Plauze wächst eigentlich bei keinem von uns so richtig, aber danke für diese Vermutung. 😉

Ja, genau darum geht es bei dem Song: Um einen herum werden alle älter, viele verlieren dabei ihren Enthusiasmus, hören auf sich für Dinge zu interessieren, werden angepasst und haben mit Punk nicht mehr viel zu tun. Das ist bei uns eben anders. Wir sind auch alle Ü30, spielen aber nach wie vor in dieser Band und bleiben dadurch im Herzen jung. Und ja, irgendwie auch jugendlich. Wie sagten Minor Threat so schön? „It’s not how old I am, it’s how old I feel“.

In der Vita stehen Bands wie Fire In The Attic, Days In Grief und Go As In Gorgeous. Inwieweit seit ihr eigentlich die letzte Dekade musikalisch mutiert bzw. gereift?

David: Immer wenn man spielt, entwickelt man sich weiter. Und dadurch, dass wir jetzt in einer neuen Konstellation zusammen spielen, lernt man auch unglaublich viel voneinander. Gerade Richard und ich, die ja die Songs schreiben, pushen uns gegenseitig total. Seine Art Songs zu schreiben, Gitarre zu spielen, ist anders als meine, passt aber perfekt dazu. Man kann sich so auch immer neue Akkorde beim jeweils anderen abgucken und macht so teilweise in einer Probe musikalische Quantensprünge, was das eigene Spiel angeht. Eine ziemlich glückliche Konstellation, würde ich sagen.

Pressetexte sind ja immer so eine Sache. Nervt es eigentlich nicht,  dass David auch nach all den Jahren immer noch als das Ex-Supermodel betitelt wird? 😉

David: Ja, das nervt mich mega und hat auch nichts mit KMPFSPRT zu tun. Dasselbe gilt für die FITA/DIG-Referenzen. Aber als neue Band müssen sich die Leute wohl an irgendwas festhalten, und das ist eben meistens, was man vorher so gemacht hat. Ich denke aber, dass nach diesem Album das Thema irgendwann durch sein sollte.

Du hast einige Zeit in Japan gelebt und darüber ein Buch geschrieben.  Wann wird es mal einen Nachfolger von „The Tokyo Diaries“  geben?

David: Gar nicht. Also zumindest nicht thematisch. Zu dem Thema Japan hab ich alles gesagt, was es von mir aus zu sagen gibt. Wenn ich also noch mal ein Buch schreibe, dann über etwas ganz anderes als Japan. Wann genau das sein wird, kann ich allerdings nicht sagen, da ich das Schreiben nicht als Beruf verstehe, sondern als Hobby. Wenn ich Bock und was zu sagen hab, mach ich es, sonst nicht. Kann also noch ne Weile dauern. Oder geht ganz schnell. Wer weiß?

Euer Album habt ihr im letzten April/Mai aufgenommen. Warum hat es so lange gedauert, bis das das Album jetzt raus kommt?

David: Ja, das hat uns auch total wahnsinnig gemacht! Wir mussten fast ein Jahr bis zum Release warten. Verrückt eigentlich. Aber so ist das halt, wenn man das Label wechselt, dazwischen viel tourt und sich dazu noch Zeit mit der Produktion lässt, weil man das bestmögliche Ergebnis haben will. Es dauert dann einfach manchmal. Dafür sind wir jetzt aber auch umso zufriedener.

Auf „Jugend Mutiert“ gibt es elf Songs. Habt ihr exakt die elf Nummern aufgenommen oder habt ihr aus deutlich mehr Songs am Ende aussortiert? Wenn ja, nach welchen Kriterien?

David: Wir haben mit „Zetermordio“ einen weiteren Song aufgenommen, der es als einziger nicht aufs Album geschafft hat, dafür aber bei iTunes als Bonustrack runtergeladen werden kann. Eigentlich sollte der Song auch aufs Album, gut genug dafür wäre er mit Sicherheit gewesen. Wir fanden aber, dass er stilistisch nicht 100% zu den anderen passt, weswegen wir ihn dem Gesamtergebnis zuliebe wieder runtergenommen haben.

Stand eigentlich vor den Aufnahmen schon fest auf welchem Label ihr veröffentlicht? Schließlich erschien die EP damals auf Redfield Records, mit denen ihr schon immer ein enges freundschaftliches Verhältnis pflegt. Warum und wie kam es dazu, dass ihr „Jugend Mutiert“ auf Uncle M veröffentlicht?

David: Nein, das wussten wir in der Tat nicht, und der Labelwechsel ist auch ein Grund dafür, weshalb das mit der Platte so lange gedauert hat. Wir waren ja nie unzufrieden mit Redfield, die haben immer gute Arbeit für uns gemacht und sind in der Tat auch gute Freunde.  Aber wir haben uns neben Bands wie Eskimo Callboy und Konsorten einfach nicht wohlgefühlt. Das war eigentlich der Hauptgrund für den Wechsel: Wir passten nicht mehr in den derzeitigen Redfield-Labelsound. Und das ist bei Uncle M eben anders. Da sind Apologies I Have None, Nothington, Paper Arms und viele andere unserer eigenen Lieblingsbands, die auch einfach viel besser zu uns und unserem Sound passen. Deshalb der Wechsel.

Bei dem Song „Musikdienstverweigerer“ ist  Felix von Frau Potz zuhören und ihr seid (nicht nur) mit der Band Marathonmann befreundet. Wie wichtig ist es für eine Band Freundschaften zu anderen Bands zu pflegen und sich dadurch auch ein gewisses Netzwerk aufzubauen.

David: Ich weiß noch genau, als ich Frau Potz zum ersten Mal live gesehen habe. Das war in Oberhausen, im Druckluft. Felix war live so kraftvoll und großartig, dass ich wusste: Den will ich auf dem Album haben! Wir haben uns auch Backstage gut verstanden, und da er inzwischen in Bonn lebt, lag es nah, einfach mal zu fragen, ob er nicht Bock hat, einen Song für uns zu singen. Hatte er zum Glück! Denn sein Part wertet „Musikdienstverweigerer“ noch mal extrem auf. Ein gewisses „Netzwerk“ zu haben, kann natürlich auch nie schaden. Dabei geht es uns aber weniger um irgendwelche „Business“-Aspekte, sondern eher darum, in jeder Stadt Freunde zu haben, die nach der Show Bier mit uns trinken!

Ich denke, dass ihr schon ein sehr gutes Netzwerk habt, euer Booker ist kein Unbekannter und kennt wirklich Gott und die Welt. Ihr habt viele Shows gespielt und habt die Bühne mit „Helden Eurer Jugend“ geteilt. Was waren die Highlights der letzten Monate und was hat Euch überhaupt nicht gefallen?

David: Ja, mit Four Artists als Booker haben wir wirklich Glück gehabt! Dadurch konnten wir mit Bands wie Millencolin, Polar Bear Club, Gallows und so weiter spielen. Aber unvergesslich werden für mich immer die Shows mit Gorilla Biscuits bleiben. Ich bin seit über 20 Jahren Diehard-Fan dieser Band, liebe jedes einzelne Wort jedes einzelnen Songs, hatte aber damals, Anfang der 90er, nicht die Möglichkeit, zu einer der Shows zu gehen. Deswegen war es für mich natürlich absolut unglaublich, mir mit GB eine Bühne zu teilen – zumal Walter (Schreifels) sogar eines der Konzerte mit meinem Gitarrenkabel spielte, da er seines vergessen hatte, haha.

Negative Erlebnisse gab es natürlich auch hier und da. Du fährst 5 Stunden durch die Walachei, nur um vor 20 Leuten zu spielen, die deine Band scheiße finden, kein vegetarisches Essen, Asis im Publikum, etc. Aber da muss jede Band durch. Und am Ende des Tages gibt es dadurch immerhin eine lustige Geschichte, über die man sich noch Wochen kaputtlacht.

Neben alltäglichen Themen sind Rassismus und  Sexismus zwei weitere Themen, die ihr in euren Texten aufgreift.  Glaubt ihr, dass sich durch das Outing von Thomas Hitzlsperger sich irgendwas in den Stadien dieses Landes ändern wird? Kriegt man „Homophobie“ aus den Stadien raus?

David: Ich glaube nicht, dass sein Outing kurzfristig etwas verändert. Das hat der Tod von Robert Enke in Bezug auf den Umgang mit Depressionen, Leistungsdruck und psychischen Erkrankungen auch nicht getan. Aber es war ein Schritt in die richtige Richtung. Man muss den Leuten einfach immer wieder zeigen: Es ist vollkommen normal und cool, und es gibt keinen Grund, das irgendwie scheiße zu finden. Da aber auch Dinge wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus noch immer fest in der Gesellschaft – und damit eben auch in den Stadien – verankert sind, denke ich nicht, dass man diese innerhalb des herrschenden System los werden kann. Oder um es mit Malcolm X  zu sagen: „You can’t have capitalism without racism”.

Wenn Ihr jetzt ein paar Monate in die Zukunft schaut, wo wird die Reise mit KMPFSPRT hingehen?

David: Auf jeden Fall auf die Bühnen der Republik! Im Februar touren wir z.B. mit A Wilhelm Scream, und ich bin mir sicher, das wird nicht die letzte Tour dieses Jahr bleiben. Alles andere liegt nicht in unserer Hand und wird darauf ankommen, wie die Leute das Album annehmen. Ich hoffe einfach, dass wir viele Shows spielen und eine Menge Spaß haben werden. Alles darüber hinaus, also Verkäufe, Features oder was auch immer, ist mir nicht so wichtig und kann auch nicht erwartet oder kalkuliert werden.

Wie werdet ihr die Fussball WM erleben?

David: Weitestgehend betrunken im Stereo Wonderland. Ich habe bei der letzten WM kein einziges Spiel verpasst, das soll dieses Jahr nicht anders werden! Und wenn dann auch noch Draxler und Höwedes ein paar Spiele machen, bin ich vollkommen zufrieden.

Letzte Worte:

David: Hört mehr Lifetime!

Info: www.facebook.com/kmpfsprt

(Markus Tils)