BOYSETSFIRE: „Die Unabhängigkeit haben wir uns hart erkämpft“

Einen Tag vor dem großen Band eigenem Family First Festival im Kölner Palladium, spielten boysetsfire auf vielfachem Fan-Wunsch eine intime Warm-Up Show im Gebäude9. An diesem Wochenende drehte sich alles um das neue selbstbetitelte Album. Ein Befreiungsschlag und eine Wiedererweckung sämtlicher musikalischen Kräfte und ihres familiären Zusammenhalts. Für die einzelnen Mitglieder waren die beiden Tage vollgepackt mit Interviews und auch wir hatten einen Termin mit Bassist Robert Ehrenbrand.

boysetsfire Interview 03

Nach dem heutigen Interview-Marathon, hat man da noch Bock abends auf die Bühne zu gehen?

Ich hab immer Bock auf die Bühne zu gehen. Darum geht’s ja auch! Ich würde die Interviews auch nicht geben, wenn es mir überhaupt keinen Spaß macht. Eine Essenpause wäre zwar heute nicht schlecht gewesen, aber solche Tage sind auch die Ausnahme. Bei  solch einem Event, wie morgen, nutzen halt viele Leute auch die Gelegenheit um mit uns ein Interview zu führen. Aber nichtsdestotrotz, auf die Bühne zu gehen, da hab ich immer Bock drauf.

Vor allem seit dem wir unsere Aktivitäten mit der Band insgesamt ein wenig zurückgefahren haben und selektiver an die Sachen rangehen. Als ich 2003 bei boysetsfire einstieg, waren wir 9 von 12 Monaten auf Tour. Da kann es am Ende mal vorkommen, nicht allzu viel Bock zu haben, wie am Abend zuvor. Ich freu mich seit Monaten auf das Family Fest und dem Pre-Fest heute und jetzt schon auf die Tour im Oktober. Wir mussten für dieses Privileg kämpfen. Weniger ist für uns jetzt deutlich mehr.

Wie fit muss man als Musiker sein?

In meinem Fall hat dies schon eine physische Komponente! Ich bin jetzt 37 und habe überhaupt keine Lust alt zu wirken. Ich kenn 37jährige die sind sehr fit, andere dagegen extrem unfit. Ich habe das Gefühl, solange ich solche intensive Musik mache, möchte ich die so erleben dürfen, wie ich es mir vorstelle. Ich möchte nicht auf der Bühne stehen und sagen, dass ich mit 32 Jahren fitter unterwegs war.

Ich hab schon einige Bands in unserem Alter gesehen, wo man sich denkt „Ohje“. Da wächst der Bierbauch, hängt über den Instrumenten und die Konzerte werden kürzer, weil die Luft nicht reicht. Das wollen wir als boysetsfire nicht. Schließlich zahlen die Konzertbesucher ihr hart verdientes Geld und wollen keine abgewaschene Version. Obwohl keiner in der Band so viel Sport betreibt wie ich. Ich bin da schon der Sport-Freak, der dabei auch einen gewissen Anspruch an sich selbst hat.

Du machst Kampfsport…

Ja, seit ich sieben bin. Also 30 Jahre.

Du macht zusammen mit David Mayonga aka Roger Rekless eine Podcast mit dem Titel „Kampfgeist“ Wie seit ihr auf die Idee gekommen?

David spielt mit ein paar alten Freunden von mir in der Band GWLT, die sehr geil ist. Mein Trauzeuge Michael und mein alter Bandkollege aus My Hero Died Today Zeiten, Florian – über den habe ich überhaupt boysetsfire kennengelernt – spielt ebenfalls dort. Wir kennen uns über 20 Jahre und wollten GWLT letztes Jahr als Support unserer Anniversary Show für das After The Eulogy Album in Berlin haben. Den David kannte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Er wurde mir dann im Backstagebereich vorgestellt und nach 2 Minuten hatten wir die Welt um uns vergessen und uns über MMA und Kampfsport unterhalten. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam. Ob David jetzt ein T-Shirt an hatte mit einem entsprechenden Motiv oder ob es mir jemand gesagt hat, dass David auch Kampfsport betreibt. Auf jeden Fall war schnell klar, dass wir uns öfters treffen müssten. Wir hatten beide diese Passion für Kampfsport und nachdem wir uns dann einige Male getroffen haben, starteten wir den Podcast. Das Spannende daran ist, dass wir nicht über Jahre bestens befreundet sind, sondern dass wir unsere jetzt wachsende Freundschaft damit auch dokumentieren.

Ich bin jetzt jemand, der abends nicht ausgeht. Kein Nightlife, kein Alkohol, bin glücklich verheiratet und verbringe die Zeit lieber mit meiner Familie. Dieser Podcast, das ist mein digitaler Stammtisch – nur ohne Alkohol. Alle zwei Wochen treffen wir uns abends und treiben eine Menge Unsinn. In kürzester Zeit ist mir dieses Podcast Projekt und David so sehr an Herz gewachsen, dass ich es nicht mehr missen möchte. Das dabei solche Dinge rauskommen, dass wir dann von der UFC eingeladen werden, um bei Kämpfen direkt hinter den Ringgirls Platz nehmen zu dürfen, ist verrückt. Wir hatten ja niemals irgendwelche Gedanken gehabt, dass wir mit dem Podcast dies und das erreichen könnten oder würden. Es ist einfach ein Podcast von zwei Kampfsport Nerds und ein schöner Kontrast zum Bandgeschehen. Ich finde es halt auch spannend, die Musik mal wegzulassen, obwohl sie auch mal Thema sein darf.  Ein Podcast ist ja nichts anderes, als ein Gespräch. Dabei auf den anderen richtig einzugehen, seinen Faden aufzunehmen und dann weiter zu spinnen. Kommunikation ist eine wundervolle Sache.

boysetsfire Interview 01

Ihr seid ja in München auch ein eingeschworener Haufen…

Es ist schön zu sehen, dass wir als 16-17jährige nicht nur einen kurzen Lifestyle verfolgten, bei unseren Eltern wohnten und mal eben kurz crazy Hardcore und Punk waren. 20 Jahre später spielen wir alle weiterhin in Bands und machen Musik. Für uns war es immer mehr als nur so ein Teeanger-Ding. Zwar sind die Bands unterschiedlich „groß“, aber darum geht es ja nicht. Das habe ich schon damals gemerkt. Musik war immer schon mehr für diese Gruppe von Leuten. Darunter zähle ich Marco und Ivonne von Avocado Booking, die GWLT Jungs und meine Band dazu. Wir haben diese Hardcore Szene erlebt und mitgestaltet und es ist schön, dass man sich nach all den Jahren immer noch trifft und schätzt. Wir keine Yuppies geworden sind, die ihre früheren Werte gegen die fette Kohle eingetauscht haben. Es war uns damals ernst mit der Musik und ist es heute immer noch.

Die Single „Cutting Room Floor“ soll exemplarisch für das neue Album sein und du hast selbst gesagt, dass es die „Hoffnungsvollste“ Platte sei. Wie meinst du das?

Es bedeutet jetzt nicht, dass wir die Augen zu machen und nicht mehr sehen, was draußen in der Welt gerade passiert. Diese Platte betont Eigenverantwortung und Gemeinschaftssinn. „Cutting Room Floor“ ist deshalb das beste Beispiel. Man kann den Kopf hängen lassen oder man kann für sich oder seiner Familie da sein. Im richtigen Moment stark sein. Nicht jetzt Tough-Guy Stark, sondern als Partner, Vater und als Mitglied in einer Band für die anderen da zu sein. Das ist ein Wert, der bei uns sehr hochgeschrieben wird. Deshalb haben wir uns auch zu diesem Familiy First Festival entschieden, weil wir uns eher als Familie statt Band sehen. Der Begriff Band hat oftmals den Unterton, dass halt fünf Typen gern Musik machen und sich regelmäßig treffen. Bei uns ist das nicht der Fall. Drei von uns wohnen Tür an Tür. Wir hören uns jeden Tag und sind uns sehr nah, dass es eher einer Familie gleich kommt. Ich kenne sehr viele Bands – was ich auch nicht negativ meine – die sind halt eine musizierende Zweckgemeinschaft, was man von uns nicht behaupten kann.  Auch wenn wir das Wort „Family“ momentan etwas überstrapazieren, ist es der beste Begriff zu erklären wie wir als boysetsfire ticken. Es erklärt warum wir bestimmte Dinge machen und halt auch vieles absagen. Vor allem Dinge, die von der Musikindustrie vordiktiert werden. Du und ich kennen genügend Beispiele von Bands die Fremdgesteuert sind ständig zu allem „Ja“ sagen.

Liegt aber daran, dass ihr als boysetsfire mittlerweile unabhängig seid von vielen Mechanismen der Musikindustrie.  

Absolut. Diese Unabhängigkeit haben wir uns aber über die Jahre auch hart erkämpft und haben dieses Ziel auch nie aus den Augen verloren. Ein Ziel ist erst dann ein Ziel, wenn man es wirklich verfolgt. Sonst ist es halt nur ein Wunschdenken. Ein „es wäre schön Unabhängigkeit zu sein“ funktioniert nicht.  Jetzt sind wir wieder bei der Selbstverantwortung. Das bedeutet aber auch deutlich mehr Arbeit für eine Band. Du musst kontrollieren können, was mit deiner Band geschieht. Man darf sich da nicht auf schmierige Typen verlassen, die gut labern können. Du musst es selber machen. Deshalb bringen wir unsere Platte auf unserem eigenen Label raus, haben es selbst produziert und aufgenommen und buchen unsere eigene Tour. Nach 21 Jahren boysetsfire sind wir halt an einem autarken Punkt gelangt. Was ein langer Prozess war. Schließlich waren wir auf Labels, hatten Bookingagenturen und all diese Dinge. Jetzt ist der Beginn von etwas Neuem.

boysetsfire Interview 04

Wie waren eigentlich die Aufnahmen?

Ziemlich stressig. Unnötigerweise haben wir uns zeitlich ziemlich unter Druck gesetzt. Allein meine Bass-Session habe ich in 18 Stunden eingespielt, was mir körperlich und emotional alles abverlangt hat als Musiker und Mensch.

Wie probt ihr eigentlich immer?

Wir proben immer Blockweise – wenn man so will. Schließlich geht es nicht, dass wir uns zweimal die Woche treffen. Heute haben wir etwas geprobt, morgen proben wir auch noch mal. Ansonsten treffen wir uns vor einer Tour immer einige Tage und proben was das Zeug hält. 10-12 Stunden am Tag sind es dann schon. Wir machen halt alles etwas komprimierter. Wir sind nicht die Band, die mit Rotweinflasche und Kerzenlicht gemütlich im Proberaum jammt. Bei einem Projekt, wie der Tour im Oktober, einigen wir uns schon im Vorfeld auf die Setliste. Ich bin da sehr involviert und interessiert, wie eine Liveshow von uns konzeptioniert wird.  Dann wird kurz darüber diskutiert und dann genau das geprobt, was auf der Liste steht. Jammen – im klassischen Sinne – machen wir nicht.

Leider ist die Zeit jetzt um, das nächste Interview wartet schon. Vielen Dank.

Ich habe zu danken.

Info: www.boysetsfire.net / soundcloud.com/kampfgeistpodcast