ESCAPE THE FATE: „Mom, ich habe gerade etwas geschrieben, von dem ich denke, dass das meine ‚Worte an die Welt‘ sein könnten“

Escape The Fate Interview

Vor 15 Jahren stellten die zwei Gründungsmitglieder von Escape the Fate über einen Aufruf bei MySpace ihre Band zusammen. Zwei Jahre später wurden sie bei einem Radiowettbewerb durch My Chemical Romance zum Sieger gekührt – das war der Startpunkt ihrer Karriere und sollte sie zu einer der gehyptesten Metalcore Bands der Nuller Jahre machen. Übrig ist aus der alten Konstellation nur Robert Ortiz, der seit jeher der Mann an den Drums ist. Drei Jahre sind seit dem letzten Studio Album vergangen. Mit „I am Human“, das am 30.03. erscheint, starten die vier aber wieder so richtig durch.

 An einem regnerischen Januardonnerstag schneie ich eine Stunde vor Beginn ihrer Show in den Backstagebereich der Essigfabrik in Köln und finde Craig, Kevin, TJ und Robert in ausgelassener Stimmung vor. Sie sind super entspannt. TJ fragt mich, ob es okay ist, wenn er rauchen geht. Er würde dann später dazu kommen. Craig checkt noch mal eben seine Mails, wird dann aber bei der ersten Frage neugierig und setzt sich schnell zu Kevin, Robert und mir. Da der Platz auf der Couch knapp ist, setzt er sich mir gegenüber auf den Tisch.

(for English version please scroll)

„I am Human“ ist der Titel eures bald erscheinden Albums und darauf ist ein Song mit gleichem Namen zu hören. Wieso habt ihr diesen speziellen Titelsong ausgewählt?

Craig: „I am Human“ ist das erste Stück, das komplett auf Basis einer Aufnahme meiner Stimme geschrieben wurde. Kevin hat dann darauf aufbauend das Stück mit dieser wundervollen Melodie ergänzt, die den Song begleitet. Daher ist es ein wirklich besonderes Stück für mich, weil ich normalerweise meinen Gesang auf Basis der Musik entwickle. Außerdem habe ich das Gefühl, dass der lyrische Inhalt des Songs das gesamte restliche Album auf gewisse Weise umschließt und zu einem Ganzen macht.

Was hat dich zu diesem lyrischen Inhalt inspiriert?

Craig: In gewisser Weise einfach das Leben in den vergangenen 10 Jahren. Ich habe versucht, wieder mehr an die Wurzeln der Band zu denken. An die Zeit als Robert und ich „The Flood“ in der Garage seines Cousins geschrieben haben. Ich habe versucht, mich daran zu erinnern, wie wir früher gedacht haben, so nach dem Motto: „ich bin jung und so verdammt scharf darauf, endlich ein Album mit einem Produzenten aufzunehmen“. Es kann passieren, dass man sich ein bisschen in der Welt des Tourens und darin, schon eine erfolgreiche Band zu sein, verliert. Diese Magie, die man noch als junge Band hatte geht ein bisschen abhanden. Und es ist ein schmaler Grat zwischen „das fühlt sich einfach nur wie ein Job an“ und  „ich hab richtig Bock auf das, was ich gerade mache“. Und somit ging es sehr viel darum, zu diesem alten Schaffensprozess zurück zu kehren.

Robert: Weißt du was? Wenn ich „I am Human“ höre, dann höre ich einen „becoming-of age“ Song. Diesen Übergang in einen Zustand, in dem man Dinge, die einen schon immer zurückgehalten haben, endlich loslassen kann um einfach grundsätzlich frei zu sein. Und deshalb liebe ich es so, diesen Song zu spielen. Ich sehe dich als einen Freund, einen Bandkollegen und einen Bruder, mit dem ich viele viele Jahre verbracht habe. Und ich sehe all diesen Scheiß, den du in dir angehäuft hast. Und als ich diesen Song zum ersten Mal gehört hab dachte ich: endlich schüttet er sein Herz aus!

Craig: Ja!

Robert: Und du sagst einfach: „Sorry, aber ich bin einfach ein menschliches Wesen, Dude! Ich mache verdammt nochmal Fehler. Ich habe Schwächen und ich habe Stärken. Ich bin gut in Dingen und in anderen Dingen bin ich schlecht.“ Und dann sagst du einfach „Scheiß drauf – so ist das!“ Das ist so großartig!

Craig: Ja! Ich hab den Song vor allem geschrieben, weil ich dazu neige, Dinge zu stark zu zerdenken. Und du kannst nicht dein ganzes Leben lang über die Fehler lamentieren, die du in der Vergangenheit gemacht hast. Oder dich die ganze Zeit fragen. „mach ich das jetzt richtig, mach ich das jetzt falsch?“. Es werden immer Dinge daneben gehen, du wirst irgend etwas falsch machen und es ist einfach okay, Dinge falsch zu machen! Aber manchmal kann man von diesen Dingen so überwältigt sein, dass man die gleichen schlechten Dinge immer wieder tut, statt jeden Tag als neue Chance zu nutzen, um zu wachsen.

Als ich den Song schrieb saß ich einfach in meinem Zimmer, dachte über das Leben nach und wollte irgendwas für unser neues Album schreiben und – da hat Robert schon recht – sobald ich es geschrieben hatte, dachte ich: „Das mag ich! Das ist wirklich cool!“ Und ich hab es meiner Mom geschickt und sie gefragt „was hältst du davon?“. Und ich schicke meiner Familie nie Zeug von mir. Normalerweise ist es so: „Hey, hier ist unsere neue CD. Wie gefällt sie euch?“ Aber diesmal war es wirklich so: „Mom, ich habe gerade etwas geschrieben, von dem ich denke, dass das meine ‚Worte an die Welt‘ sein könnten“. Und sie sagte nur: „Lass mal hören, mein Schatz!“ (lacht)

Aber es scheint auch noch einen alten Teil in dir zu geben. Ich spiele auf „Four Letter Word“ an. Wieso denkst du, dass Liebe (love) in die gleiche Kategorie wie Scheiße (shit) fällt?

Craig: (lacht) Es scheint als wäre ich unfähig, eine stabile Beziehung aufrecht zu erhalten. Also ist das meine Art zu sagen: „Weißt du was? Es ist nicht deine Schuld. Es ist dieses ganze Konzept von Liebe. Und jetzt verpiss dich!“ (lacht nochmal) Aber das ist nur der Songtext. Zu „Four Letter Word“ gibt es noch viel mehr zu sagen!

Kevin: Wir haben für den Song mit Steve Aiello – dem Bassisten von 30 Seconds to Mars – zusammengearbeitet. Und mit ihm haben wir einige Melodien und einen Teil der Songtexte geschrieben. Es hat wirklich Spaß gemacht, aus unserer Komfortzone heraus zu gehen und eine andere Perspektive einzunehmen, einen Song ganz anders zu schreiben. Die Lyrics und die Melodien haben wir nebeneinander entwickelt. Der erste Teil, den wir geschrieben haben war (singt): „the way you say it just makes me hurt – love is a four letter word“. Dann kam die Melodie und danach haben wir auf Basis des Konzepts und des Titels den Song und die Story drumherum geschrieben.

Robert: Und dann brauchten wir noch schrammelnde Gitarren-Parts. (alle lachen)

Kevin: Das war eine weitere Sache, denn – wie Craig schon sagte – wir wollten tief zu unseren Ursprüngen zurück zu der Antwort auf die Frage gelangen, warum wir eigentlich damals mit allem angefangen haben. „Was würde mein 18-jähriges ich jetzt mit diesem Song machen“. Und das ist der Grund, warum wir damit etwas übertrieben haben. Es gibt „whoo“ Parts, Gitarren Solos, Lead Gitarren direkt vor dem Refrain und so weiter. Wir wollten einfach unseren Spaß haben. „Feel-Good“ Musik.

Welcher Song des neuen Albums wird wohl zuerst auf den Tanzflächen einschlagen?

Craig: Ich weiß nicht! Viele Leute scheinen den Song „Do You Love Me?“ zu feiern. Der geht auf unseren Shows richtig ab. Die Leute singen am lautesten mit. Also entweder dieser Song, oder „I am Human“ schlägt in der Menge am meisten durch. Aber ich denke, dass alle unseren neuen Songs das Zeug haben, auf den Tanzflächen der Clubs zu landen. Und damit kokettieren unsere neuen Songs auch. Unsere Musik neigt dazu, eher tiefgründig und ernst zu sein. Aber manchmal wollen die Leute einfach etwas hören, was sie nicht depressiv macht. Und auch wenn unsere Songs immer mit diesem leicht dunklen Unterton und den schweren, verzerrten Gitarren daherkommen gibt das spezielle Arrangement der Songs, der mit unserer Band assoziiert wird immer einen Grund, sein Glas zu heben und auf die Tanzfläche zu stürmen.

Vielen Dank für all die vielen Einblicke in euer neues Album. Würdet ihr mir die Ehre erweisen, mit mir gemeinsam den Refrain von „I am Human“ zu singen?

Alle:

Ja klar!

(und das haben wir dann auch gemacht! Escape the Fate feat. Lyra Nanerendij)

 

Info: www.escapethefate.com

(English version)

escape the fate - presse

15 years ago the two founders of Escape the Fate called for musicians to apply for the band. Two years later they won a radio contest hosted by My Chemical Romance which kickstarted their career and made them one of the most hyped metalcore bands of the late 2000s. Only Robert Ortiz – man at the drums from day one – remains from the old constellation. Three years have gone by since the last studio album. With the new record „I am Human“ – coming up on March 30 – the four of them are reving up again.

On a rainy thursday in January I arrive at the venue Essigfabrik in Cologne one hour before their show and find a very laid-back and relaxed Craig, Kevin, TJ and Robert. TJ asks if it’s okay to go for a smoke and that he’ll be back, soon. Craig checks his e-mails, but becomes curious while listening to my first question and quickly joins Kevin, Robert and myself. As there is little space on the couch he makes himself comfortable opposite of me on the table.

The title of your upcoming record „I am Human“ is also a song on the album. Why did you chose that particular title song?

Craig: „I am Human“ is the first track that I completely wrote just on a voice memo and then Kevin came up with this amazing music to accompany that song. And it’s special to me just because it’s the first song ever that was written like that. All the vocals just sat there from the get go. Usally I’m writing along to the music. And also I feel that the lyrical content kind of emcompassed the rest of the album.

What inspired you to the lyrical content?

Craig: Kind of just life for the past 10 years I’d say. You know: trying to think more about the band’s roots when we first got together and me and Robert wrote „The Flood“ in his cousin’s garage. Just trying to get into that mindset of „oh my God, I’m young and I’m excited and I want to do a record with a producer“. You kind of get lost in the world of touring and being a successful band and you kind of lose that little bit of magic you have when you are young and excited. There’s a fine line between „does this feel like a job“ or „I’m excited about what I’m doing right now“. And so it was a lot of getting back into that old creative process.

Robert: You know what? When I listen to „I am Human“ I hear a „becoming of age“-song. That transition of kind of letting go stuff that’s been holding you back and just be free essentially. And that’s why I love it so much when I play it. Because I see you as my friend, as my band mate and as my brother that I’ve been with for years and I see all this shit you keep horded up inside. And that song – when I heard it – I thought „finally fucking great – he’s spilling his heart out!“.

Craig: Yeah!

Robert: And like: „I’m sorry, but I’m a human being, dude! I fucking make mistakes. I have weaknesses and strenghts. And I’m good at things and bad at things. And then you say: fuck it!“ That’s amazing!

Craig: Yeah! I pretty much wrote it, because I can overthink things way too much. And you can’t live your life being depressed about mistakes you made in the past or „am I doing this wrong, am I doing this right?“. Because things are gonna go wrong, you’re gonna do something wrong and it’s okay that you do things wrong! But sometimes you can get so overwhelmed that you continue to do those bad things instead of taking every day as a new opportunity to grow. It’s about embracing the whole experience of being human. When I wrote it I just sat in my room thinking about life and trying to write something for the new album and – I mean – Robert is right. As soon as I wrote it I thought „I really like this! This is really cool!“ And I sent it to my Mom and asked her „what do you think about this?“. And I’ve never send them stuff. Usually it’s like: „Hey, here’s a new CD we did. What do you guys think?“ And this time I was like: „Mom, I just wrote something that I think is like ‚my words to the world'“ And she was like „let me hear it, honey!“ (laughs)

But there also seems to remain an old part of you. I’m referring to „Four Letter Word“. Why do you think „Love“ falls into the same category as „shit“?

It seems that I have an inability to have a steady relationship. So that’s my: „you know what? It’s not you! It’s just the whole concept of love. And fuck off!“ (laughs) But that’s just the lyrics. There’s a lot more to say about „Four Letter Word“.

Kevin: We colaborated on this song with Steve Aiello – the Bass player of 30 Seconds to Mars. And with him we created some melodies and also a part of the lyrics. And it was really fun to kind of getting out of your comfort zone and to get a different perspective on a song or an idea or a concept. The lyrics and the music where kind of created together. The first part that existed was (sings) „the way you say it just makes me hurt – love is a four letter word“. And after that came the melody and then we draw from the main concept and the title of the song and we wrote the story around that.

Robert: And then it needed fucking shredding guitars, too to keep it real! (everyone laughs).

Kevin: And thats another thing that – like Craig was saying – we wanted to dig deep into the origins why we got into it. And like: „what would 18 year-old me do on it“. And that’s why that’s one is kind of over the top. It’s got „whows“, guitar solos, leads happening right before the chorus. We just wanted to have fun with all of these songs. It’s feel-good music.

Which song of the new record will hit the dancefloors first?

Craig: I don’t know! I see a lot of people really loving this track „Do You Love Me?“. And It’s really been going of at the shows, too. They seem to sing along to that one the loudest out of all the new ones. It’s either that one or „I am Human“ that goes off in the crowd. But I think a lot of the new songs are fit for the dancefloor if you mean a club dancefloor. And that was kind of the cheekiness behind our new songs. Because our music tends to get pretty deep and serious. But sometimes you wanna hear something that is not depressing. And even if the songs always have a dark undertone and these heavy distorted guitars and unique programming associated to the band it’s also a lot of raise your glass and hit the dancefloor kind of stuff.

Thank you so much for all the insights to your new record! Would you do me the honor and sing the chorus of „I am Human“ together?

All: Sure! Let’s do that!

Info: www.escapethefate.com