ALKALINE TRIO: Hamburg schlägt Belgien

(23.01.2009, Hamburg, Grünspan) Ein wirkliches Unding, welches den allgemeinen Konzertabend mit Vehemenz bedroht, ist die unsägliche Frühshow. Meist aus der Intention heraus entstanden, dass man als Clubbetreiber nach einem erträglichen Konzertabend auch noch eine gepflegte Diskosause draufsattelt, um doppelte Knete zu kassieren, gucken die Konzertbesucher in die Röhre: Vor allem Anhänger außerhalb einer Stadtgrenze bekommen arge Zeitprobleme, um das Venue rechtzeitig zu erreichen. Nur um dann festzustellen, dass die Vorband bereits Geschichte ist und der Hauptact sein Konzertprogramm empfindlich kürzen muss. Ungefähr genauso erging es dem Hamburger Publikum, das schon um 19 Uhr an die Pforten des Grünspans gebeten wurde.

Da unser Interviewtermin leider kurzfristig geplatzt ist, waren wir wenigstens noch rechtzeitig vor Ort, um die emsigen BROADWAY CALLS zu begutachten, die gerade einen Deal mit Sideone Dummy Records abgeschlossen haben. Das noch recht unbekannte Trio tat auch sein Bestes, um die durchgefrorenen Menschen zu akklimatisieren. Mit recht spröden Poppunkemosongs, die teilweise frühe Midtown ins Gedächtnis riefen, konnten sie beim erstaunlich „erwachsenen“ Publikum jedoch nicht viel reißen. Außerdem hatte der Drummer nicht nur permanent Probleme mit seiner Technik, sondern schrottete einen Drum Stick nach dem nächsten. Außerdem fand er es anscheinend sehr anregend, immer wieder seine eigne Rotze mit der Hand aufzufangen. Dass diese Aktionen schon die „Highlights“ des Sets waren, spricht wohl für sich…

Danach war es endlich Zeit ALKALINE TRIO nach langer Abstinenz wieder im Norden auf der Bühne zu sehen. Eben diese wurde – völlig überflüssiger Weise – noch einmal extrem umgebaut, so dass der Zeitplan immer mehr gen frühe Sperrstunde drückte. Mit einem passenden „Agony and Irony“, Backdrop und St. Pauli Schal um den Hals, wurden Matt Skiba und Mitstreiter dann aber stürmisch begrüßt. Mit dem schwungvollen „Private Eye“ ging es gleich nach Geschmack der alten Fans los, die im weitren Verlauf sehr auf ihre Kosten kommen sollten. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen und die bekannten Radiostücke zu verbraten, hatte das Trio eine wirklich gewagte Setlist aufgestellt: Weder „Mercy Me“, „Burn“ noch „Help Me“ (!) kamen heute zum Zuge und auch „Time To Waste“, welches sich auf der Setlist befand, fiel anscheinend dem straffen Zeitplan zum Opfer. Die Vernachlässigung des Altbekannten hatte dann auch zur Folge, dass Nummern wie „Goodbye Forever“, „Jaked On Green Beers“ und vor allem „I Lied My Face Off“ die Mehrzahl der Anwesenden nicht zu kennen schien! Jedenfalls fielen die Reaktionen beinahe so unterkühlt aus, wie auch beim aktuellen Antisong „Love, Love, Kiss, Kiss“, auf das niemand so richtig Bock zu haben schien.

Ansonsten war aber absolute Alkaline Party angesagt: Bis auf den kleinen Fauxpas war die Stimmung euphorisch und kochte bei den beiden unerwarteten Lieblingen „Stupid Kid“ und „This Must Be Love“ (mit ausgedehntem Mitsingteil) nahezu über. Weil lediglich fünf Stücke von „Crimson“ (1) und „Agony“ (4) zum Zuge kamen, war kein Synthie-Schnick Schnack von Nöten und der Sound – für A3-Verhältnisse – richtig gut! Auch Matt Skiba war extrem angetan von den Hamburgern und versicherte ein ums andere Mal, wie viel besser das Konzert doch im Vergleich zu dem vergangen in Belgien sein würde und dass es ja „so much fun“ machen würde. Andriano hingegen hatte wohl die Nacht zuvor auf´s heftigste durchgefeiert und hielt sich mit monströsen Augenringen eher im Hintergrund. Wenigstens seine Gesangsparts waren sehr überzeugend wie bei „In Vein“, „I Was A Prayer“ und „Emma“.

Sogar die ganz alten „Goddamnit“- Schinken „Cringe“, „Clavicle“ und „Nose Over Tail“ kamen zum Zuge und ließen im Schulterschluss mit „Mister Chainsaw“ und „Goodbye Forever“ das Publikum in Nostalgiegefühlen schwelgen, die von einem abrupten Ende jäh unterbrochen wurden: Viel zu früh verließ das Trio die Bühne um für läppische zwei Zugaben erneut zu erscheinen. Das beim finalen „Radio“ das Gesangsvolumen im Publikum die Band bei weitem in den Schatten stellte, sei an dieser Stelle mal geschenkt: Gänsehaut pur! Somit endete der frühe Konzertabend standesgemäß, wenn auch leicht unbefriedigt. Jedenfalls hatten die BesucherInnen so alle Zeit der Welt, im aufbrandenden Schneechaos sicher zu Hause anzukommen.

Info: www.alkalinetrio.com

(Jan Laging)