LAVATCH / THE TOURIST: Wer achtet schon auf Texte?

(09.01.2010, , Dortmund, Suite 023) Konzerte in der Suite 023 sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es sehr cool, wie nah die Band an den Leuten ist und wie familiär und gemütlich es ist. Andererseits sind sie nie wirklich gut besucht. Die Frage ist auch, ob es so geschickt ist, dass Konzerte immer vor Partys stattfinden (diesmal die GETADDICED-Party). Die Feierwütigen trudeln dann meistens zu Ende des Konzerts ein und wollen eigentlich nur feiern und tanzen. Entsprechend dann auch die Atmosphäre.

Statt der angekündigten 22Uhr ist es viertel vor elf als THE TOURIST die Bühne betreten. Die Jungs sind beschwingt und offensichtlich gut drauf. Um die zwanzig Leute haben sich auf der Tanzfläche versammelt und lauschen gespannt – wenn auch stocksteif –  den ersten beiden Songs. Zwei treue Fans versuchen sogar zögerliche Slam-Dances, ziehen sich dann aber erst wieder zurück. Von der lauwarmen Stimmung lässt sich die Band aber nicht ihren Auftritt verhageln. Sie haben einfach Spaß miteinander und das steckt an. Dass dem Gitarrist immer wieder sein Plek aus den Fingern rutscht und ihm schließlich auch eine Saite reißt nehmen die vier aus Düsseldorf gelassen und nutzen die Zeit für ihren Werbeblock. Der Schlagzeuger schreit die Ansagen heraus als hätte er kein Mikro. Man bekommt das Gefühl, als sei er in seinem letzten Leben Marktschreier gewesen. Zurück zur Musik. Was THE TOURIST besonders auszeichnet ist zum einen der mehrstimmige Gesang-Gekreisch-Mischmasch und die einprägsamen Gitarrenlinien, die ein wenig an ESCAPADO erinnern. Hinzu kommt die unglaublich sympatische professionelle Unprofessionalität. So als wäre alles ein Spiel und so als würde es im Leben eigentlich um nichts als Spaß und Freude gehen. Das ist unheimlich erfrischend.

Als LAVATCH (gesprochen „LÄWWÄTSCH“) aus Köln gegen halb zwölf die Bühne betreten ist die Ausstrahlung eine andere. In ihrem Auftreten liegt auch Freude und Lockerheit. Aber es ist eine stärkere Professionalität zu spüren. Der Gitarrist zieht seine Show ab und reißt seine strahlend weiße, übergroß anmutende Gitarre immer wieder über den Kopf und spielt die ganze Zeit über dabei völlig sicher weiter. Eine vielleicht etwas unnötige und auf jeden Fall sehr posige Geste. Aber wer’s kann… Kurz vor’m Ende sagt der Sänger einen Song an, der ihm verdammt viel bedeutet. Er sagt: „In diesem Song geht es um Glauben. Was immer ihr glaubt behaltet es für euch. Versucht niemanden zu überzeugen oder zu missionieren.“ Nach einer kurzen Pause und einem schweigenden Publikum sagt er: „Ich weiß – wer achtet schon auf Texte. Niemand!“ Das berührt einen dann schon, weil bittere Ironie und Sarkasmus darin liegt und macht deutschlich, dass Botschaften in großen Teilen der Hardcore-Szene verloren gegangen und zur unreflektierten Attitüde verkommen sind. LAVATCH überzeugen durch ihren soliden Sound. Durch die Ordnung hinter ihrem Chaos. Das Ohr zieht Parallelen zu NORMA JEAN, APIARY und CONVERGE. Sehr hochwertiges musikalisches Material. Davon kann man sich auf MySpace überzeugen, das Album bestellen oder bei Amazon die mp3s runterladen. Lohnen tut sich das auf jedem Fall!

Zum Ende des Konzerts hauen die Jungs von LAVATCH anderthalb neue Songs raus und finden keinen Schluss, auch wenn die mittlerweile zahlreich eingetroffenen Partygäste ein wenig mit den Füßen scharren. Der Fairness halber muss man aber sagen, dass der Sänger gefragt hat, wer für und wer gegen ein paar Zugaben ist. Das „Dafür“-Gejubel ist zwar verhältnismäßig leise, aber dagegen ist keiner. Nur der Schlagzeuger hebt scherzhaft den Arm. Insgesamt ein runder Abend mit kleinen Schönheitsfehlern. Aber was ist schon perfekt?

Info:
www.myspace.com/thetouristhc
www.myspace.com/lavatch

(Lyra Nanerendij)