SWEET & DIRTY FESTIVAL Very Sweet and a lot more Dirty

(16.12.2010, Solingen, Cobra) Es ist Viertel nach Sieben als ich in das nach einer Giftnatter benannte Kulturzentrum in Solingen erreiche. Einlass war um Sechs. Aber wer schafft es schon, an einem Samstag so früh am Start zu sein? Jedenfalls nicht so eine Nachtschwärmerin wie ich mit über einer Stunde Anfahrt. Also stürze ich an die Kasse und kriege mein Update – drei Bands fallen aus, zwei Bands springen ein. Alles klar!

Als ich den Konzertsaal betrete platze ich mitten rein in das Set von KNOCK YOU DOWN DEAD, die kurzfristig eingesprungen sind. Und umhauen tun mich die Jungs tatsächlich. Mit einer wüsten, aber sehr schönen Mischung aus konventionellem Hardcore, Screamo, Voice-Samplern, Spoken Word und langen postrockistischen Gitarrenpassagen weiß die Band zu überzeugen. Ein kleiner Wehrmutstropfen nur, dass dem Sänger immer wieder die Stimme versagt. Aber so was kann passieren…vor allem war es ihr erster Auftritt.

Nach kurzer Umbaupause folgen THIS AIN’T LIFE. Als Intro bedient sich die Band eines Stückes, das – ursprünglich auf dem Soundtrack des Films Requiem for a Dream – bereits für viele Filmtrailer missbraucht wurde und das auch auf der LP Invictus Fidelitas der Straight-Edge-Hardliner FIGHT EVERYONE zu finden ist. Der Sänger trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Fick die Bude Kaputt“ und weist zu allem Überfluss auch noch auf diese Parole hin – für alle die nicht lesen können. Vereinzelte im Publikum fangen an mit dieser „Tiger im Käfig“- Schauspielerei, bei der man im Raum hin- und her läuft und sich zwischendurch immer wieder mit den Fäusten auf den Brustkorb schlägt. Dann beginnt auch schon das Violent Dancing. Ein Fuß verfehlt um Haaresbreite mein Gesicht und dabei stehe ich ziemlich weit weg von der Bühne und vor mir ist massig Platz. Und daher jetzt mal was sehr Unjournalistisches, Persönliches: Shows auf der die  Brutal Hardcore-Szene vertreten ist machen mir einfach keinen Spaß. Die hat den Hardcore meiner Meinung nach echt kaputt gemacht. Niemand kann nah an der Bühne stehen, ohne Angst haben zu müssen, verletzt zu werden. Und selbst wenn man weiter weg steht ist man nicht sicher – es wird gnadenlos in die Menge gesprungen. Was versucht ihr eigentlich zu kompensieren? Okay – kurzer Ausflug in meine persönlichen Ansichten. Objektiv betrachtet haben die Jungs wirklich was drauf, klingen wie ne Mischung aus SIX FT DITCH und PARKWAY DRIVE. Der Gesang ist clean und melodisch, die Shouts sind so hart und rotzig wie sie sein sollen. Nach einem Hinweis auf den Wuppertal Brutality Vol. 1 – Sampler gehen die Jungs von der Bühne.

Danach sind LAVATCH an der Reihe und ich kann mich beruhigen. Nach der Aufnahme ihrer LP Polygraph waren die Kölschen Jungens in den letzten Monaten ja bereits auf vielen Bühnen des Landes und auch des Öfteren in der näheren Umgebung zu bewundern. Auch diesmal wird der anspruchsvolle Konzertgast nicht enttäuscht. Der Sänger flitzt wie immer in kurzer Hose über die Bühne und windet sich beim Singen dann und wann wie in Schmerzen. Das ist Leidenschaft! Schön zu beobachten ist auch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Zwei Instrumente deren Bedeutung in Bands ohnehin deutlich unterbewertet wird. Ein bisschen sieht es aus wie Kampf und Tanz. Geschleuderte Sticks und in die Luft geworfener Bass – sehr intensiv. Nach dem ersten gespielten Stück sagt der Sänger zur der noch immer heftig Arme und Beine umher wirbelnden Menge: „Schön wie ihr hier abgeht. Passt aber bitte auf die anderen Leute auf… Lasst uns alle zusammen Spaß haben.“ und der Bassist fügt hinzu: „Hier wird niemand gefickt. Um hier mal Stellung zu beziehen.“ Soweit ich das überblicken kann, wird sich daran gehalten.

THE TOURIST sind die inoffiziellen Headliner des Abends. Hier gehen die Leute am allermeisten ab. Aber hier stimmt auch einfach alles. Da sind die verspielten Gitarrenmelodien voller Leichtigkeit, die hier ohne zweiten Gitarristen hin gezaubert werden. Da ist das Charisma des Sängers, der auch den letzten tanzfaulen Zuschauer zur Bewegung motiviert und das Publikum einfach mal auffordert für sich selbst zu klatschen und mehrfach laut ins Mikro brüllt: „Ihr findet euch geil!“ Wenn man einen kurzen Augenblick nicht hinschaut, dann verliert man ihn schon mal aus den Augen und staunt nicht schlecht, als man ihn hoch oben auf der PA-Box neben dem Schlagzeug wieder findet. Bemerkenswert auch der dreistimmige Gesang, der nicht zuletzt auch durch den Schlagzeuger getragen wird. In Zukunft wird es den erstmal nicht mehr geben, denn für den Sänger war es das letzte gemeinsame Konzert.

Bedingt durch den sich langsam in Schnee verwandelnden Eisregen sind zum Zeitpunkt des Auftritts von THE BLACKOUT ARGUMENT schon eine ganze Reihe von Leuten verschwunden und vor der Bühne klafft ein großes Loch. Den Sänger scheint das sehr zu frusten. Irgendwann – nach einer Reihe von Aufforderungen näher zu kommen und abzugehen sagt er: „Ihr könnt ruhig zugeben, wenn ihr es scheiße findet. Also? Wer findet es scheiße?“ Diese ganze Aktion hat Fremdschämcharakter und ist auch ein bisschen schade, weil die Band an sich wirklich cool ist. Der Stil und die Stimme klingt nach den alten BOYSETSFIRE – Alben und insgesamt ist die Band sehr professionell.

Als der offizielle Headliner die Bühne betritt, haben sich die Reihen noch mehr gelichtet. THE DESTINY PROGRAM scheint das allerdings nicht im Geringsten zu stören. Die Band lässt zwischen den Songs ohnehin keine Sekunde Platz zum Klatschen. Das Programm wird aber nicht etwa runter geleiert, sondern mit Kraft und Eleganz gespielt. Bis zum Schluss – und es gibt sogar eine Zugabe – stehe ich dort und lausche gebannt den Metalcore-Klängen, den Thrash-Riffs, dem unglaublichen Geballer, das mich fast wegfegt.

Über 40 Konzerte hat die Konzertgruppe Sweet & Dirty in den letzten fünf Jahren veranstaltet. Die Geburtstagsshow war sicherlich nicht die beste und vor allem nicht die am besten besuchte. Aber was ist schon ein Geburtstag? Was antwortet man, wenn man gefragt wird: „Und wie fühlst du dich?“ Einen Tag älter als gestern und morgen werde ich wieder älter sein. Geburtstag ist Hoffnung und Zuversicht, dass man Weitere feiern wird und das kann man im Falle der Sweet & Dirty-Konzertreihe wirklich nur hoffen.

Info: www.myspace.com/sweetanddirtymusic

(Lyra Nanerendij)