SILVERSTEIN, THERE FOR TOMORROW, WHILE SHE SLEEPS live @ KÖLN

(29.03.2011, Köln, Bürgerhaus Stollwerck) Kajal, Haarspray, durch Seitenscheitel halbverborgene Gesichter und mit Zahnspangen besetzte Münder wohin das Auge blickt. Doch nach diesem kurzen Intro schnell auf die Zunge gebissen und Schluss mit Jugendneid und Lästereien! Stattdessen eine Selbstoffenbarung: als Endzwanzigerin die Konzerte von Emocore-Urgesteinen zu besuchen, ist ein Schwert mit mehr als zwei Schneiden. Bitter die Erkenntnis, dass man langsam alt werden muss, wenn die Jugendhelden schon seit 11 Jahren touren. Sich aufdrängend die Frage, was  man selbst einerseits, und die Band andererseits in dieser Jugendkultur noch zu suchen hat. Doch Augen zu, durchgeatmet, gelächelt und entspannt.

Bühne frei für While She Sleeps, von denen ich – zugegeben – noch nie zuvor gehört habe. Ob der Bandname wohl von der gleichnamigen Homepage inspiriert ist, auf der es zu lesen gibt, was Männer alles mit ihren Freundinnen treiben, während sie schlafen? Zumindest würde das zu den  Groupieaktivitäten im Anschluss des Auftritts passen – ständig sieht man Mädchen mit Bandmitgliedern in den Backstagebereich rein und wieder raus gehen. (Sie sollten ihr Kopfkino jetzt abschalten!) Was für andere Qualitäten die Jungs auch haben mögen, musikalisch ist While She Sleeps eine Band wie viele andere: Keyboardgedudel, Moshpart, Keyboardgeduldel, Moshpart, to be continued… Als kleines Augenschmankerl die bunt bemalte Haut des Sängers Lawrence Taylor im Shirt mit abgeschnittenen Armen. Das haben andere Bands des Genres – wie zum Beispiel Blessthefall wirklich besser drauf! Unbeeindruckt von der Austauschbarkeit ist das kreischende Publikum. Licht aus – Backstage frei, Mädels!

Next: There for Tomorrow. Eine weitere Band, die trotz ihres Gründungsjahres 2004 und ihrer drei Jahre bei Hopeless Records komplett an mir vorbei gegangen sind. Den vier aus Orlando ist die florida’sche Sonne anzumerken – quitschfidel, lebensfroh, völlig unbedarft und ein bisschen kindlich naiv. So wie etwa die Schlussfolgerung des Frontmanns mit dem klangvollen Namen Maika Maile, dass Niederländer anwesend sein müssen, wenn bei einem „dank u well“ gejubelt wird. There for Tomorrow machen soliden Alternative Rock (wenn das nicht zu sehr Unwort ist). Mir persönlich bleiben die Melodien zwar nicht lange im Ohr, sind aber beim Hören sehr angenehm: Hooklines an den richtigen Stellen, melodische Refrains – läuft.

Kaum verschwindet die letzte Vorband von der Bühne, ertönt auch schon ein markerschütternd dröhnendes Bass-Intro. Viele Anwesende (ohne Ohrschutz) pressen verzweifelt die Hände auf ihre Ohren und so wird der Jubel des Erscheinens durch ein Jauchzen der Erleichterung verstärkt. Freude, Freude, unsagbare Freude. In den ersten Reihen hat der Altersdurchschnitt ein für mich angenehmes Maß erreicht. Mit einem strahlenden Lächeln begrüßt uns Shane mit: „It’s good to be back!“ Charismatisch wie eh und je wirbeln vier Männer, die wirken wie kleine Jungs über die Bühne. Gespielt wird die ganze Bandbreite des Silverstein-Portfolios. Als Zugaben gibt es „My Heroine“ und „Replace You“ in gänsehauterzeugenden Akustikversionen, die von der ganzen Halle mitgesungen werden. Feuerzeuge werden in die Höhe gestreckt. Ein beinahe epischer Augenblick. Und es wird klar, dass Silverstein von ihren Vorbands mehr unterscheidet als kleine Bauchansätze und Fältchen. Das hier ist lebendige Geschichte. Bands wie Silverstein, The Get Up Kids oder Hawthorne Heights mögen vielleicht auf der einen Seite Fossilien einer Jugendkultur sein und belächelt werden. Auf der anderen Seite sind sie aber auch die wenigen Überbleibsel ihres Ursprungs aus einer Zeit, in der  die Mischung aus Emo und Hardcore jung war und noch nicht zur Mode geworden. Für Menschen wie mich, die langsam den Jugendalter entwachsen und dennoch diese Musik noch mit vollem Herzen fühlen und meinen, wird vielleicht ein kleiner Teil ihrer Selbst gestorben sein, wenn sich diese Menschen eines Tages entschließen die Bühne für immer zu verlassen. Oh – war das jetzt pathetisch? Eine Begleiterscheinung des Alters..

(Lyra Nanerendij)