AMANDA PALMER & The Grand Theft Orchestra live@Köln

(03.11.2012, Köln, Luxor) Ach ja, dieses beschissene Wetter. Menschen wie du und ich holen sich dabei eine Erkältung ab oder Schlimmeres. Aber auch bekanntere Persönlichkeiten sind davor nicht sicher. So hat es die Göttin des Kleinkunstpops Amanda Palmer auch so richtig erwischt. Am Abend vorher in Paris ist ihr auf halber Konzertstrecke die Stimme weg geblieben. Shit happens. Das bedeutet Schonung für die Palmer, was für uns bedeutet: heute leider keine Interviewtermine, Schade drum. Man hätte vieles zu fragen gehabt zum neuen Album „Theatre Is Evil“, aber sei es drum, wenigstens kann sie auftreten am heutigen Abend und die Vorfreude ist groß, das Luxor meldet ausverkauft und einige Fans haben sich auch richtig in Schale geworfen. Nach dem kurzweiligen Vorprogramm, bestritten durch diverse Nebenprojekte von Amandas Grand Theft Orchestra, kommt die Grande Dame zu den Klängen von „A Grand Theft Intermission“ auf die Bühne und wechselt nahtlos in den Opener „Smile   (Pictures Or It Didn´t Happen)“ über.  Man merkt ehrlich gesagt schon, dass Amanda Palmer heute Abend nicht ihr voller Stimmumfang zur Verfügung steht. Dadurch wirkt dieser Song, welcher eigentlich dem Aufstieg auf den Pathos-Olymp gleicht, ein wenig distanzierter. Das macht aber nicht wirklich was, die Band strotzt vor Spielfreude und das Publikum ist euphorisiert. Das folgende „The Killing Type“ wird dementsprechend gerne mitgesungen. Überhaupt fallen im Laufe des Konzerts die stimmlichen Unzulänglichkeiten immer weniger ins Gewicht, da Palmer weiß, wie eine gute Show funktioniert. Und mit ihrer Band hat sie die  geeigneten Mitstreiter dabei. Ein vierfacher Instrumentenwechsel während eines einzigen  Songs? Kein Problem für Amanda Palmer und ihr Grand Theft Orchestra. Und Mrs. Palmer weiß obendrein, wie sie speziell ihr deutsches Publikum um den Finger wickeln kann. Da kommt mal so eben eine Coverversion von „Eisbär“ der Band Grauzone oder es wird lang und breit darüber erzählt, wie Amanda Palmer eine Zeitlang in Köln gelebt hat, ohne Dusche und ohne Heizung. Darüber hinaus ist die Amerikanerin bekennender Fan von Kurt Weil und Bertolt Brecht, was läge also näher als eine sehr prägnante Version der „Seeräuber Jenny“. Es ist schon sehr beeindruckend, mit welchem theatralischen Talent diese Nummer auf die Bühne gebracht wird. Was ansonsten noch auffällt, ist die Nähe, die Palmer zum Publikum aufbaut. Wo andere Bands genervt sind, fordert Palmer Songwünsche aus dem Publikum geradezu ein. Und noch mehr als das: Bei „Oasis“ überlässt Amanda einem weiblichen Fan das Mikrofon. Und die macht ihre Sache echt gut. Gänsehautmomente sind dagegen bei den ruhigeren Nummern angesagt. Ob es sich jetzt um den „Bed Song“ handelt oder um „Trout Heart Replica“, es herrscht ein gespanntes Knistern und das Publikum lauscht andächtig. Sehr berührend ist auch „Astronaut“ geraten, diese Hymne klappt auch mit halber Stimmkraft. So muss man vor Amanda Palmer den Hut ziehen. Wo andere schnell mal eben ein Konzert absagen, beißt sie eisern auf die Zähne und liefert nicht nur ein Standard-Konzert ab, sondern eine unvergessliche Show mit vielen Aha-Momenten.  Und die paar Unpässlichkeiten mit ihrer Stimme fallen da schon lange nicht mehr ins Gewicht. Im März ist Amanda Palmer übrigens wieder in Deutschland zu Gast und das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Info: http://www.amandapalmer.net/

(Martin Makolies)