BILL CALLAHAN: Dream River

BILL CALLAHAN
(Drag City/Rough Trade) Man hätte es auch gar nicht anders erwartet, wieder ein großartiges Album von Amerikas großem Grummler. Callahan veröffentlicht jetzt schon seit über zwanzig Jahren seine Musik, früher als Lo Fi-Projekt Smog, seit 2007 unter eigenem Namen. Und seine Musik hat immer berührt, obwohl sie in der Frühphase durchaus auf Distanz gegangen ist. Aber das Klangbild ist mit der Zeit wärmer geworden und Callahan  selbst ist nach und nach immer mehr aus seinem Schneckenhaus herausgekommen. Oder sagen wir besser, Callahan hat uns in sein Schneckenhaus eingeladen. Dieses hat auf „Dream River“ die Gestalt einer anonymen Hotelbar, ihre Insassen sitzen isoliert voneinander und die einzige Kommunikation ist gegenseitiges Beobachten, „looking out a window/ that isn´t there/ looking for the carpets and the chairs“. Callahan verkauft uns dies aber eher als Isolationsidyll, in dem der Geist auf Entdeckungsreise gehen kann, ganz frei und ungezwungen, es braucht da auch nicht vieler Worte, „the only words I said today/ are beer and thank you“. Musikalisch findet dies wie alles auf „Dream River“ in der verkehrsberuhigten Zone statt, Aufdringliches oder gar Hektik wird man bei diesem großen Mann nicht erleben. Und Callahan benutzt nur wenig Instrumentarium um seine Songs auf den Weg zu bringen.  Gerne verwendet er Congas und andere lateinamerikanische Percussions, so in „Javelin Unlanding“ welches ausnahmsweise mal eine ausformulierte Melodik aufweist und uns auf eine intime Ebene mit Callahan versetzt, „you look like worldwide armageddon/ while you sleep/ you look so peaceful/ it scares me/ don´t die just yet/ and leave me alone/ on this journey round the sun“. Es entsteht ein unwirklicher Weltraum- Bossa Nova, auch die Flöten sind mondsüchtig und die E-Gitarre glitzert im Sternenschein. Ansonsten ist dieses Album aber eher der Erde verschrieben, Naturmetaphern werden von Callahan wieder zahlreich angeführt, da bauen Biber ihre Dämme, der Adler benutzt die Flussläufe als Landkarte und seinen erhabensten Moment findet „Dream River“, wenn Callahan sich in „Small Plane“ in ein kleines Flugzeug begibt und dort seinen höchsten Frieden findet. Die Musik dazu wirkt immer etwas unkonkret und zufällig, wirkt eher wie eine verträumte Untermalung. In „Spring“ wirft die Gitarre einen langen Schatten, wieder ist der fein ausbalancierte Einsatz der Percussions hervorzuheben und auch die Flöten befreien den Song von jeglicher Härte, Sehnsüchte spiegeln sich in beruhigtem Wasser, „all I want to do/ is make love to you/ with a careless mind“. Callahan strebt also die Sorglosigkeit an und seine Musik tut dasselbe, bleibt dabei immer im menschlichen Maßstab und unaufgeregt intim. Doch Callahan kann seine Sorgen nicht gänzlich zurücklassen, in „Ride My Arrow“ treten sie zu Tage, „war muddies the river/ and getting out/ we´re dirtier/ than getting in“. Aber dennoch, das Setting bleibt beruhigt, ätherisch und beseelt.  Und da wirkt die etwas schroffe Gitarre in „Summer Painter“ schon fast ungebührlich aggressiv, bleibt aber auf dieser Platte eine Ausnahmeerscheinung. Denn Callahan ist mit „Dream River“ auf der Suche nach dem inneren und äußeren Frieden und  bei dieser Suche entstehen traumwandlerische Songs voller Intuition und bescheidener Größe, ein Album aus dem sehnsuchtsvollen Herzen Amerikas.
(Martin Makolies)