CAVIARE DAYS: dto.

CAVIARE DAYS
(Label 259/Rough Trade) Sehr verführerisch und auch ein bisschen gefährlich, was uns die schwedischen Weslin-Schwestern da servieren. Lina und Maja haben in ihrem Leben schon einiges vor der Musik gemacht, Architektur oder Fashion Design studieren zum Beispiel und sind auch ganz schön rum gekommen auf unserem Planeten. In New York haben die Schwestern dann zusammengefunden und sie fassten schnell den Entschluss, wir müssen Musik machen, zusammen. Ihr erster gemeinsamer Song hört auf den Titel „Awakening“ und eröffnet nun das selbst betitelte Debütalbum. Dieses ist auf ganz besondere Art der Hippiekultur und Ästhetik verhaftet, doch tauchen die Schwestern die Blumenwiesenpanoramen in dunkle Farben, ein tiefes Lila, ein Rot mit Rostrand oder so ähnlich. „Caviare Days“ greift die Instrumentarien der großen Harmonieutopie auf, versetzt sie aber oftmals in bedrohliche und unheilvolle Kontexte.  Da geht „Fresh Tomatoes“ mit vitaler Akustikgitarre und kräftigem Gesang munter auf Wanderschaft,  besingt aber eher makabre Inhalte, Ambivalenz galore. „Speed Of Sound“ gönnt sich einen funky Rhythmus, doch wird die Tanzfläche von einer finster gestimmten Gitarre bedroht, dazu singen die beiden jungen Damen mit frostigem Soul in der Stimme, so richtig warm wird es hier nicht und der Refrain schickt die Blumenkinder zum Strafe absitzen in den feuchten Keller, hat hier jemand was von einem schlechten Trip gesagt? Auf diesem befinden sich auch die Blechtonnen-Drums von „You´ll Qualify“, das Setting ist hier aber freundlicher, handelt es sich doch um so etwas wie einen Lovesong mit klarem sexualisierten Unterton. „High“ begnügt sich im Folgenden auch nicht mit einer einzigen Klanglandschaft, es trifft ein schluffiger Walzertakt auf Stierkampftrompeten, das ist mal wieder gar nicht so leicht zu durchschauen, ein klarer Pluspunkt dieser Platte.  Neben all der knisternden Anspannung und dem latenten Unbehagen gibt es aber auch dies auf „Caviare Days“: einen fast lupenreinen ABBA-Refrain in „Who Depreived You Of Your Smile“. Dies ist eine der wenigen Stellen, wo mal so etwas wie mitfühlendes Sentiment durchscheint, generell wurde diese Platte aber mit harten Gefühlsbandagen zusammen gesetzt, „you came as a person/ you left as shadows/ I made you a saviour/ I dreamed you a lover/ and you´re neither“. Lina und Maja etablieren sich des Öfteren als die unheilvollen Medusen, die das Heft der Handlung in der Hand halten und auch relativ ungnädig Urteile fällen, es scheint eine gewisse Friss oder Stirb-Mentalität durch, die mit den  Reminiszenzen an die friedliche Hippie-Kultur wunderbar kontrastiert. So entsteht ein klanglich sehr reichhaltiges Album, dass sich dem Vollmilch-Idyll gekonnt entzieht und abseits von Friede, Freude, Eierkuchen eine Neuinterpretation der musikalischen Bestandteile von Love, Peace and Harmony abliefert, mit grimmiger Intention diesmal, ein Summer of Grief sozusagen.
(Martin Makolies)