DARKSIDE: Psychic

DARKSIDE

(Matador/Beggars/Indigo) Im Monat Oktober ist man an diesem Album nicht vorbeigekommen, Jubelarien allerorten. Da gab es diverse Platte des Monats-Auszeichnungen und die Indiepolizei von Pitchfork hat eine ihrer seltenen Neuner-Wertungen ausgespuckt. Mal ganz unter uns: da reizt es schon, derjenige zu sein, der mit dem großen Aber ankommt. Und wir haben ja alle gelernt, dass da, wo hemmungslos gejubelt wird, oftmals eine gewisse Skepsis angebracht ist. Bei Darkside kann man das aber getrost sein lassen, diese Platte ist tatsächlich eine musikalische Großtat. Selten sind elektronische und organische Musik eine derart sinnstiftende Ehe eingegangen. Dabei lebt dieses Album davon, dass Ziele verfehlt wurden. Da wollte Nicolas Jaar ein Dance-Album machen, hat nicht funktioniert. Und sein künstlerischer Widerpart Dave Harrington hatte eine Rock-Platte im Sinn, das ist dann noch deutlicher nicht eingetreten. Was bei „Psychic“ stattdessen entstanden ist, berührt auf mehreren Ebenen, spricht Intellekt und Gefühl gleichermaßen an und wirkt in seiner verqueren Versuchsanordnung immer wieder herausfordernd und inspirierend. Mit dem Opener „Golden Arrow“ gibt „Psychic“ viele, wenn auch nicht alle Geheimnisse dieser Platte preis. Dieses elfminütige Stück besteht aus zwei Teilen. Im ersten Part herrscht eine klangliche Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die sich darin äußert, dass dieser Track immer wieder versucht, an kompositorischen Fragmenten anzudocken, jedoch niemals den richtigen Aufhänger dafür findet. Es gibt Beat-Versatzstücke und angedeutete Tonfolgen von der Orgel, eine schlüssige Klanganordnung stellt sich jedoch zunächst nicht ein, herrliche Irritation auf wackeligen Beinen. Ganz anders der zweite Teil: es gibt einen basalen Beat, der zur Schaltzentrale für diese Unternehmung wird, Harringtons Gitarre sorgt für einen zurückgelehnten Funk und es gibt sogar einen Gesang, der an die emotional engagiertesten Momente von Sting erinnert. Dies alles lässt eine Fata Morgana von Club-Musik entstehen, man kann sicherlich dazu tanzen, nur man tanzt auf ungewissem Boden. Bereits hier haben die beiden eine musikalische Zwischenwelt abgesteckt und kartographiert, die im Folgenden umso nachdrücklicher ihren Zauber entfaltet. Im grandiosen „Heart“ spürt man ganz unmittelbar die menschlichen Hände, die die archaischen Stammestrommeln betätigen und zu kommunikationsfreudigen Gitarrenfiguren setzt ein Gesang ein, der in seiner Verfremdung nur allzu menschlich wirkt. Dieser Track ist voller Bewegung, eine klare Richtung findet er indes erst spät, mal will dieses Stück Psychedelic Pop sein, mal wandelt es durch ambiente Waschküchen, bis es sich begleitet von einem dynamischen Clapping direkt ins Mitmachwohlfühlzentrum des Hörerhirns begibt. „Paper Trails“ dagegen windet sich in der Historie afroamerikanischer Musik, Blues Licks treffen auf einen eiskalten Funkbeat und die Gesangsstimme weht wie ein tiefer Luftzug über glänzenden Asphalt. Zwischendurch sorgen Pluckerrhythmen für taktile Freuden, die angesprochenen Blues-Licks sorgen für ein kupferrotes Aufflammen im nächtlichen Blau dieses atmosphärischen Mariannengrabens.  Der Beginn von „The Only Shrine I´ve Seen“  ist wiederum eine nahöstliche Handclap-Phantasmagorie, für elektronische Musik ist das alles sehr erdig und körnig, die Musik von Darkside entspringt einer menschen- und naturnahen Haptik. In diesem Track setzen die beiden nicht zum einzigen Male die Repetition als Geschmacksintensivierer ein, es entsteht hypnotische Verzückung, die am Rande die raffinierten Tricks dieser Hexenmeister goutiert. Da wären zum Beispiel die kleinen rhythmischen Halbschritte zur Seite, die den Track kurzzeitig in die Nachbarschaft der zeitgenössischen UK-Dancemusik verorten, freilich nur so lange, bis man es registriert, dann wird sich wieder anderen Dingen zugewendet.  Zum Schluss gibt es dann noch so eine meisterhafte Talentprobe von Jaar und Harrington, „Metatron“ sucht unumwunden die Nähe zu den Pink Floyd der frühen Siebziger, die Gitarre webt ein paar Splitter ins kosmische Geflecht und die hallenden Drums suchen nach ihrem Echo im Nichts. Darkside erschaffen hier noch mal eine Sinfonie der Schwerelosigkeit, sie choreographieren das Zufällige im haltlosen Taumel zu etwas Wunderschönem und auch hier ist noch der Raum gegeben für eine zutiefst menschliche Bluesgitarre, die sich durch die Hintertür schleicht, oh welch große Schöpfung, welch wundersame Welt.

Info: www.facebook.com/DarksideUSA

(Martin Makolies)