MIDLAKE: Antiphon

MIDLAKE

(Bella Union/Rough Trade) Das hätte auch gewaltig in die Hose gehen können…Man stelle sich vor: eine Band hat ihr neues Album quasi im Kasten, als der Frontmann plötzlich (oder doch nicht so plötzlich) feststellt, dass das neue Material uninspirierter Mist sei und ihm die Band eigentlich schon seit Längerem nichts mehr geben könne und er folglich die Band verlässt. So ist es der hoch gelobten Band Midlake ergangen, die nun also ohne ihren Kopf Tim Smith da standen. In solchen Momenten gibt es dann die üblichen Möglichkeiten, Bandauflösung oder weiter machen. Glücklicherweise haben sich Midlake für Letzteres entschieden und binnen eines halben Jahres ein komplett neues Album eingespielt, ohne Smith, dafür aber mit Gitarrist Eric Pulido hinter dem Mikrophon. Und man könnte von einem Triumph sprechen, wenn es die Haptik dieses Albums nicht von vornherein verbieten würde, denn triumphal ist eigentlich nichts auf „Antiphon“. Viel eher ist dies eine bescheidene Platte, die sich selbstbewusst auf das musikalische Können ihrer Erzeuger stützt und damit unaufgeregt Vieles abdeckt. Zuerst einmal sei gesagt, dass die ursprüngliche Notlösung mit Pulido als Sänger sich letztendlich nicht als solche herausstellt, denn Pulidos Gesang gibt diesen Stücken eine melodische Klarheit, die mit den verästelten Songstrukturen einen wunderbaren Kontrast eingeht, der sich später sogar als komplexe Harmonie herausstellt. Schwer fällt es, dieses Album allgemeingültig zu verorten, denn „Antiphon“ ist sowohl in einer naturnahen Wald und Wiesen-Spiritualität zu Hause, als auch im weitläufigen Kosmos, Milchstraße und Fuchsbau in unmittelbarer Nachbarschaft, als zwei Seiten einer Medaille. Realisiert wird dies mit einem unwahrscheinlich warmen, krautigen Indierock, der sich durch eine psychedelische Progressivität auszeichnet, die aber niemals zum effektheischenden Schauspiel verkommt, sondern immer in der Nähe eines menschlichen, nachvollziehbaren Maßstabs bleibt. Sehr selbstgewiss bewegt sich der Titelsong durch den interstellaren Nebel und schließt kurzschlüssige Aufgeregtheit aus, Gitarren und Keyboards gehen auf eivernehmliche Entdeckungsreise und bereits hier verblüfft, wie mühelos und gekonnt sich die Klänge harmonisch umschließen. „Provider“ beglückt dann mit einem unheimlich weich ausgepolsterten Rhythmus, die Drums klöppeln warm und anschmiegsam und bilden so die Basis für einen Song, der die Nase zwar in den weiten Raum steckt, mit den Füßen aber Bodenkontakt behält, es entsteht geschmeidige Progressivität, welche die einfachen Bewegungen verzaubert. Merklich sinister ist der Groove zu Beginn von „The Old And The Young“, man meint, man begleite einen Langfinger bei seinem nächtlichen Treiben, doch verleiht Pulido dem Stück mit seiner Stimme eine markante Illuminierung und der zerfließende Refrain erstrahlt  inmitten des dahintreibenden Stückes, dazu streicheln die aufkeimenden Flöten sanft die Rhythmusgruppe, der Song wächst über sich hinaus, ohne es zu merken. Musik und Gesang sind im folgenden Stück im völligen Einklang, wenn Pulido das titelgebende „it´s going down“ anstimmt, sackt die gesamte Instrumentierung um einige Erdschichten nach unten, so sieht unaufgeregte Dramatik abseits von Pathos aus. „Antiphon“ findet immer wieder Wege, die unkitschigen Ausformulierungen der Natur aufzunehmen, da geistern durch „Aurora Gone“ matt glänzende Waldlichtungsflöten, die das warm ausgelichtete Setting zurückhaltend vergeistigen und auch „Ages“ ist direkt drin in einer erdverbundenen Mystik, die den Blick raus ins All aber ebenso mit einschließt, als würden die Fleet Foxes Raumanzüge tragen. Dabei verpasst es der Song jedoch nicht, auch an tiefen Abgründen vorbei zu treiben, es wird ein reichhaltiges Bild kreiert, welches sich jedoch nie in einen irgend gearteten Bombast stürzt. Midlake sind nach wie vor zauberkundige Vermittler zwischen Handlung und Atmosphäre, in jedem Stück werden Gegensätze einfallsreich zu einem harmonischen Ganzen verwoben, „This Weight“ vermittelt zum Beispiel eine gewisse Bedrückung, diese wird jedoch in einen federleichten Aufbau integriert. „Corruption“ kommt dann fast zum Stillstand, die Planeten halten inne in ihrem Lauf, die Welt steht still und die Blätter hören auf zu fallen. Alles gruppiert sich hier um einen spirituellen Mittelpunkt, doch handelt es sich nicht um einen festen Kern, sondern um ein enthobenes Wabern. Eine bescheidene Hauptrolle spielt dabei das Keyboard, welches eine ungezwungene, spiritualisierte Melodie kreiert, die sich nicht aufdrängt aber in den hinteren Winkeln des Erinnerungsvermögens ihre Spuren hinterlässt. „Antiphon“ ist kein Album, welches sich mit spektakulären Handlungen in den Vordergrund spielt, obwohl es unglaublich viel Entdeckenswertes mit sich führt. Zuvorderst findet auf dieser Platte eine harmonisierende Verschmelzung der klanglichen Ebenen und Elemente statt, ohne dass diese ihren Eigenwert verlieren würden. Die Mitglieder von Midlake sind eine unheimlich gut aufeinander abgestimmte Gruppierung, die es schlafwandlerisch versteht, die Versatzstücke ihrer Musik zu inwendig strahlenden Kompositionen zusammenzufügen, alles wirkt natürlich, alles wirkt nachvollziehbar und trotzdem hat man immer das Gefühl an etwas Wunderbaren teil zu haben. Und so handelt es sich bei Midlake nicht um ein schnödes weiter machen unter anderen Voraussetzungen, sondern um eine künstlerische Wiedergeburt.

Info: www.facebook.com/midlakeband

(Martin Makolies)