SUNS OF THYME: Fortune, Shelter, Love And Cure

SUNS OF THYME

(Motor) Zu dem Debütalbum von den Berlinern Suns Of Thyme kann man so manch Gutes sagen. Zum einen, das sie ihren Post-Irgendwas stilistisch nicht zu eng fassen, klar, düster soll es sein aber darüber hinaus ist einiges möglich und wird auch ausprobiert. In ihren eingängigen, eher glatten Momenten wirken Suns Of Thyme mitunter wie eine aufgeputschte Version von Interpol und Frontmann Tobias Feltes hat sich das mit dem Timbre wahrscheinlich unter anderem bei Ian Curtis abgeschaut. Manchmal wirkt das ein wenig affektiert, geht aber insgesamt noch in Ordnung. Ein spannendes Spiel mit dramaturgischen Erwartungshaltungen spielen Suns Of Thyme“ mit ihrem Opener „Violent Eyes“. Ein potentiell treibender Rhythmus( willkommen in der nächtlichen Wüste) lässt einen Ausbruch erahnen, man erwartet eine Entladung, einen explosiven Höhepunkt, doch die Berliner lassen den Song rumstromern, immer mit einer inneren Anspannung, die ihre Erlösung aber eben nicht in einem singulären Actionmoment findet, die Spannung muss man aushalten. Dabei findet man durchaus Parallelen zu Bands wie I Like Trains, nur eben in einem staubigen Wild West Outfit. Solche Musik passt dann gut in solche Alternative-Western wie True Grid, atmosphärisch tiefgreifend und kompositorisch gut ausgearbeitet. „The Way“ ist im Folgenden relativ handelsüblicher, dunkel angemalter Post Punk mit wavigem Anstrich, hier laufen Suns Of Thyme ein wenig Gefahr, in der Rolle der akkuraten Nachahmer zu landen, es gibt relativ wenig Eigenständigkeit, wobei zu sagen ist, dass sich das Stück durchaus gefällig entrollt, nur haben auf dieser Baustelle schon unzählige Bands ihre Gesellenprüfung abgelegt, wenig aufregend. „One Song“ punktet dagegen mit einem schön wirbelnden, aufgekratzten Gitarrenmotiv, das gut kontrastiert mit Feltes Grabesgesang. In „The Years We Got Are Not Enough“ darf Drummer Jascha Kreft mal ans Mikro und man möchte zwar nicht stänkern aber Krefts Vortrag wirkt schon irgendwie substantieller und gehaltvoller als der des Stammfrontmanns, besonders schön, wie sich hier ein wenig untergründiger Hedonismus breit macht. Bis zu diesem Punkt ist „Fortune, Shelter, Love And Cure“ eine Platte, die gemäßigt zu gefallen weiß, alles ist recht stimmig, kann man so machen, jedoch reißt die erste Albumhälfte den Hörer nicht gerade aus dem Sitz. Umso schöner, dass man dann mit einer zweiten Hälfte überrascht wird, die ihren musikalischen Horizont um einiges weiter fasst und rückhaltlos zu begeistern weiß. Da ist zum Beispiel das angeknackst triphafte „Cataclysm 2084“, welches sich in einer Wolke aus psychedelischem Rauch entfaltet, die Kellerwände leuchten hier in sonderbaren Farbtönen und man wird gefesselt durch einen Wechsel von Raum greifender Wanderlust und eng gesetzten, klanglichen Spitzen. Hier finden Suns Of Thyme einen ganz eigenen Tonfall, der sich über einengende Genregrenzen hinwegsetzt. Dies gelingt dem Quartett vielleicht noch eindringlicher mit „Asato Maa“. Hierbei handelt es sich um ein tief ausgehöhltes Shoegaze-Mantra direkt aus der Pharaonen-Grabkammer, die Gitarrenwände sind gewaltig, jedoch geht dieser Song nicht in einem effektheischenden Bombast unter, sondern nutzt seine Kraftreserven für ein spirituelles Dahingleiten, für Bewegung im großen Maßstab. Hier hat man das Gefühl, die Band ist ganz bei sich, fern von strategischen Überlegungen bezüglich des Klangbildes, diese Nummer wirkt deshalb so beeindruckend, weil hier vieles auf Intuition zu fußen scheint. Im abschließenden „Earth, Over.“ geistern  einsame Akustikgitarren durch ein leergeräumtes Setting, die Stimme aus dem Off erinnert an Weltraumkommunikation, bis sich ein scheinbar ferner Sing Sang einstellt, der die Stimmung noch mehr ins Mystische ansiedelt. Dieses Debüt ist immer dann am Stärksten, wenn Suns Of Thyme den Blick ins Land der musikalischen Möglichkeiten schweifen lassen. Gerade die zweite Hälfte der Platte lebt von einer wandelbaren, schwarzen Magie, geht weit raus, wirkt geradezu knöchern spirituell und verweigert sich konventionellen Dramaturgien. Die glatten, eingängigen Nummern sollten Suns Of Thyme ruhig anderen überlassen, ihr Gebiet scheint eher die musikalische Weite, das Unkonventionelle zu sein und von diesem Ort kann man zukünftig noch einiges erwarten von dieser Band.

Info: www.facebook.com/SunsofThyme‎

(Martin Makolies)