SUPERCHUNK: I Hate Music

SUPERCHUNK

(Merge/Cargo) In 25 Jahren Bandgeschichte kann ja so einiges passieren, dass sich Superchunk jetzt aber mit Schizophrenie herumschlagen müssen, ist ein dickes Ding. Hinweise dafür liefert das neue Album der Band aus North Carolina, denn Titel und musikalischer Inhalt gehen weit auseinander. „I Hate Music“ also, aber was ist mit den stürmischen, vor Spielfreude überbordenden Songs dieser Platte, dem nach wie vor juvenilen Furor? Es entsteht eine Schräglage, zumal Sänger und Frontmann Mac Mc Caughan noch eindeutiger wird: „I hate music/ what is it worth?/ it can´t bring anyone back to this earth“, das sitzt. Solche textlichen Orhfeigen haben leider einen ernsten Hintergrund, ein guter Freund Mc Caughans ist an Krebs verstorben und die Musik konnte Mac nicht ein bisschen trösten oder wieder ins Lot bringen, die Musik hat versagt aber auch dies, „but I got nothing else/ so I guess here we go“ Und dieses weiter machen präsentiert sich voller Leben, voller melodischer Inspiration und ist beseelt wie die besten Momente aus der Vergangenheit dieser Band. Mc Caughan klingt immer noch wie der unzufriedene Sechzehnjährige, gepeinigt vom hormonellen Ausnahmezustand aber vor allem darf hier die E-Gitarre noch so richtig was, gniedeln, jauchzen, nölen und röhren und vor allem ein bemerkenswertes Riff nach dem anderen raushauen, dies ist ein Rockalbum der klassischen Indieschule, melodieverliebt und ohne relativierende Puffer, emotional äußerst gangbar und frisch direkt. Da wirft der verbindliche Nahkampfrock von „Void“ im Refrain einen Blick in den Kosmos, dazu gniedelt die Gitarre auf höchster Stufe und in die Hysterie mischt sich auch ein wenig Panik. „Staying Home“ gebiert sich als punkiger Schnellschuss, die Instrumente hyperventilieren und das einzige Ziel dieser Nummer scheint der unabwendbare Zusammenbruch zu sein. Viel sanfter packt einen dagegen das göttliche „Low F“ an, es braucht hier noch nicht mal einen richtigen Refrain, allein in der Strophe steckt genug schwelgerische Melodieseligkeit für mehrere Songs, dazu hangelt sich ein vogelwildes Gitarrensolo an einer bittersüßen Teenager-Romanze entlang, Glückseligkeit mit dem exakten Maß an Wehmut vermischt. Mit „Trees Of Barcelona“ wird der vielleicht schönsten Stadt Europas die Ehre erwiesen, es entsteht ein schillernd staubiges Road Movie mit nächtlichen Taxifahrten und einem Mitsing-Refrain, dessen Blüte wohl erst so richtig in der nächsten Festivalsaison aufgehen wird. „Out Of The Sun“ stürzt sich mit galoppierendem Rhythmus in ein demütiges Setting, Mc Caughan kratzt mit seinem Gesang an den makellosen Sternen und auch dieses Stück ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Leidensdruck in herzerweichende Melodien verwandeln kann. Davon haben auch „Your Theme“ und „FOH“ genug, bevor mit „What Can We Do“ ein eher ruhiger Abschluss gefunden wird, der begleitet von Synthiestreichern ein wunderbares Credo ausruft: „I´ll say I love you/ I won´t say goodbye“. Am Ende dieser Platte fühlt man sich erfrischt und ist mit erquicklichen Gedanken angefüllt bis oben hin, diese Songs können zwar keine Toten zum Leben erwecken, sie können aber denjenigen, die noch auf dieser Erde weilen, die Zeit versüßen, bereichern und den Alltag mit rockiger Lebensfreude auspolstern, „let´s go/ don´t let go“.

Info: www.superchunk.com

(Martin Makolies)