THE DODOS: Carrier

THE DODOS
(Polyvinyl/Cargo) Wenn man den Kritikerliebling „Visiter“ als Vergleich heranzieht, stellt man fest, dass sich der Sound von The Dodos im Laufe der Zeit doch recht stark verändert hat. Der rumpelige Psycho-Folk ist einem breit angelegten Indie Rock gewichen, der auf „Carrier“ von vorne bis hinten zu überzeugen weiß. Das Album, welches dem verstorbenen Tourgitarristen Christopher Reimer gewidmet ist, stellt eines der unumwundenen Highlights der diesjährigen Indiesaison dar. Auf einem immer wandlungsfähigen Rhythmus basierend, entfalten die elf Songs eine ganz eigene, manchmal schwer zu fassende Qualität, die abseits von pauschaler Melodik und vereinfachender Hitmentalität liegt, diese Songs haben Tiefe, bewahren sich dabei aber meistens einen unangestrengten Gestus. „Transformer“ ist direkt zu Beginn einer dieser wandelbaren Songs, bei dem das Schlagzeug immer  wieder einen Richtungswechsel vorschlägt, mal basal geerdet, mal federleicht, und dennoch der Eindruck entsteht, dass man es hier mit einem geschlossenen Song zu tun hat, dem zwischendurch mithilfe der Akustikgitarre auch mal eine Ruhepause gegönnt wird. Die Songs auf „Carrier“ branden gerne auf, legen an Intensität gerne auch eine Schippe drauf, richtig hektisch oder aggressiv wird es aber nur im Ausnahmefall, trotz der großen Varianz auch innerhalb der einzelnen Stücke hat man immer das Gefühl konsequente und kompakte Lieder vor sich zu haben. Und es sind oftmals die kleinen Details, die das letzte Quäntchen aus den Songs rauskitzeln, so sind die Bläser in „Substance“ zwar fein raus geputzt, können ihre proletarische Herkunft aber nicht gänzlich verbergen. In „Confidence“ findet die Wald- und Wiesenmelodik der Fleet Foxes ein städtisches Heim und leiht sich bei den U2 der frühen Neunziger die markanten E-Gitarren aus. Dieser Song fußt auf einer mächtigen Grundlage, die Rhythmen sind sehr konkret und voluminös, hier wird wunderbar mit Intensität und Dynamik gespielt. „Stranger“ operiert dagegen mit einer feingliedrigen Hibbeligkeit, die im Kontrast zum abgerundeten, vollmundig ausformulierten Gesang steht. Die latente rhythmische Nervosität entlädt sich dann in vielhändiger Polyrhythmik, wobei auch hier der Song immer noch kompakt und in sich geschlossen wirkt, die Songs von Dodos fransen erstaunlicherweise niemals aus, trotz der unterschiedlichen Aggregatszustände. In „Family“ sitzt der Gesang hinter einer Milchglaswand, wobei das Stück selber ausnahmsweise mal von Anfang bis Ende in derselben Fahrrinne bleibt, lediglich der nuancierte Einsatz der E-Gitarren intensiviert  unaufgeregt das klangliche Geschehen. Dennoch, auch dieser Song wirkt inspiriert und soulful.  Eine ausbalancierte Ruheinsel stellt das ätherische „Death“ dar, welches ausnahmsweise mal ohne Schlagzeug auskommt, mit dem schwebenden Gesang werden vorsichtig leichte aber berührende Melodiestrukturen erschaffen, die durch die unkonkrete  Umgebung geistern, generell bewegt sich „Carrier“ zum Ende hin in ruhigeren Gefilden, lässt die Szenerie auch mal länger auf den Hörer einwirken. Ein Meisterwerk in diesem Zusammenhang ist das abschließende „The Ocean“, bei dem der Gesang nur leicht an den Tönen der knorrigen Akustikgitarre haftet und sich über die warmen, brodelnden Rhythmen des Schlagzeugs legt. Streicher tauchen auf und es entsteht eine warm ausgeleuchtete Dynamik, der Song erkundet unaufgeregt das weite Feld ohne auf einen singulären Höhepunkt zuzusteuern, ein Umstand, den man vereinfachend dem ganzen Album attestieren kann.
(Martin Makolies)