BLOOD ORANGE: Cupid Deluxe

BLOOD ORANGE

(Domino/ Good To Go) Die Metamorphosen des Devonté Hynes: erst rabaukte er mit garagigem Postpunk als Mitglied der hyperventilierenden Test Icicles durch die Gegend, dann erprobte er seine sanftere Seite als Lightspeed Champion mit folkschratigen Indiekleinigkeiten, der Mann kam schon früh sehr weit rum. Seine wahre Bestimmung scheint er aber erst mit seiner aktuellen Inkarnation gefunden zu haben, sein zweites Album als Blood Orange ist mit Sicherheit die Schlafzimmerplatte des Jahres 2013. Soulpop, gerne ausstaffiert mit kuscheligen Funkmanierismen, so präsentiert sich Hynes in maßgeschneiderter, formvollendeter Montur, ein Verführer und Wehklager aus dem Reich der schwülen Catchiness. Die Songs sind klanglich auf einem schmalen Grad zwischen schwüler Erotik und unterkühler Popingenieurskunst unterwegs, die Achtziger und frühen Neunziger standen Pate. Dabei scheint sich dieses Album niemals zu überanstrengen, ein lockerer Fluss ist hier die halbe Miete. Ein anderes Prunkstück sind die unterstützenden, weiblichen Vocals, so durfte die berühmteste kleine Schwester der Welt, Solange Knowles, ebenso ihre Parts beisteuern wie Samantha Urbani.  Vieles läuft relativ glatt bei dieser Platte vom Stapel, diese Musik ist eine wunderbare Einführung ins Hüften kreisen lassen, doch befinden sich vor allem auf textlicher Ebene so manche Hindernisse auf dem Weg zum Glück, „I can only disappoint you/ coz I always let you down“, im Naherholungsgebiet der romantischen Liebe ist ein verheerender Sturm aufgezogen, nur gut, dass sich die funky Gitarren und die tropicalen Glockenspiele, sowie die kuscheligen Synthies ins Trockene retten konnten. Dort feiert „Uncle Ace“ eine betont zwielichtige Party, mit an Prince gemahnendem Sprechgesang und jeder Menge unaufgearbeiteter Spannung, die nur durch zunächst weiches Saxophonspiel besänftigt werden kann. Das ist dermaßen cool und gescheit, dass an der Bettdecke Eiszapfen hängen, die jedoch durch flächige Bläser zum Schmelzen gebracht werden. An dieser Stelle wird auch eine besondere Stärke dieser Platte deutlich, neben den zwingenden Melodien erhalten die musikalischen Komponenten relativ weiten Auslauf, so dass auf diese Weise erst so richtig deepe Stimmungen entstehen, „Cupid Deluxe“ ist nämlich nicht zuletzt eine hypnotische Meisterleistung. Des weiteren ganz oben auf der Highlightliste befindet sich das vielschichtige „Chosen“ mit seinen abgedämpft martialischen Beats und einem Slapbass von cremiger Konsistenz, dazu seufzen die Bläser in unterdrückter Leidenspose und es schält sich eine wehmütige Keyboardmelodie heraus, die der Nährboden für die verträumt leidenschaftlichen Gesangsparts ist, die aus einer profanen Heimstatt einen sakralen Tempel machen. Dabei ist das gesangliche Tändeln  von Hynes zwischen Beats und Bläsern eine Großtat in bescheidener Selbstveräußerung. Dieser Song könnte so leicht episch und over the top wirken, er vollführt aber seine geschmeidigen Bewegungen in einem maßstäblich kleinen Raum. „Chamakay“, der Opener, weist sehr intim in die Geheimnisse dieser Platte ein, es wird zärtlich gesäuselt, die kreolischen Glockenklänge klöppeln sanft durchs offen gelassene Fenster hinein, der Mond bescheint ein ultrasensibles Miniuniversum, in dem sich männlicher und weiblicher Gesang in scheinbar vergeblicher Leidenschaft eng umschlingen. So soft kann Verzweiflung klingen, mysteriös und katzenhaft elegant. Der lockere Funk von „You´re Not Good Enough“ täuscht nicht über die Unvereinbarkeiten im Text hinweg, auf sanften Schwingen entrollt sich das Scheitern einer Zusammenkunft unter einem dunkelblauen Nachthimmel. Dabei betört aber immer wieder die dickflüssige Geschmeidigkeit dieser frotteeweichen Kompositionen, dies ist Musik, bei der man automatisch das Licht runter dimmt. Mit „Clipped On“ gibt es dann auch eine Fingerübung in Sachen Hip Hop, zu der  Rapper Despot recht eindringliche Raps abliefert, ein wenig fremd bleibt das Stück im Albumkontext dennoch. Da schmiegt sich das bittersüße „It Is What It Is“ mit Samantha Urbani schon viel gefälliger an, wunderbar weich und mit Abstandskuschelzone versehen, tröpfelt dieses Stück aus den Boxen. Auf einer samtigen Orgel tänzelt „On The Line“ soulful daher, bevor widerstreitende Beats das Stück auf wackelige Beine stellen und wieder umgarnen sich narkotisierte Gesangsparts von Mann und Frau, wobei sie traumwandlerisch zueinanderfinden, nur um zu merken, dass sie doch nicht so recht zusammen passen. Wieder ein Großereignis: der rauchige Bass mit scheinbar astdicken Saiten, so viel versonnener Groove, so viel goldene Tiefe. „Cupid Deluxe“ begeistert mit einer unaufgeregten Hitfolge, dieses Album ist der perfekte Soundtrack für engumschlungene Momente zu zweit bei spärlicher Beleuchtung. Jedoch setzt Blood Orange gekonnt Kontraste mit den hadernden, manchmal schier verzweifelten Texten, die dem ultrageschmeidigen Treiben so manchen Stock zwischen die Beine werfen. Insgesamt entsteht so ein vollmundig eingängiges Werk für nächtliche Stunden, bereichert um so manch schattiges Eigenleben in den verborgenen Winkeln.

Info: www.bloodorangeforever.tumblr.com

(Martin Makolies)