Chris Eckman: Harney County

Chris Eckman: Harney County

(Glitterhouse/Indigo) Vor etwas mehr als zwanzig Jahren war ich das erste Mal in Harney County, nachdem ich die Memoiren des Schriftstellers William Kittredge gelesen hatte. Das Buch heißt „Owning It All“ und es war für mich ein sehr einflussreiches Werk. Während Kittredge die Breitwand-Landschaft dieses Wüsten-Countys im südöstlichen Oregon feiert, kritisiert er gleichzeitig den rücksichtslosen Verbrauch der Landschaft durch mehrere Generationen Viehzucht seiner Familie. Es ist erinnert, dass das Land, von dem wir denken dass es uns gehört, sich gegen uns wenden kann. Wir alle sind den Kräften der Natur ausgeliefert, mehr als wir zugeben wollen. Es ist ein Buch über gescheiterte Träume an einem Ort rauer Schönheit. Als ich es zu Ende gelesen hatte, wusste ich, dass ich dieses Land mit eigenen Augen sehen musste, über das Kittredge so schonungslos geschrieben hatte. Es wurde eine Art Zwang, und seitdem bin ich viele Male dorthin gereist.

Nach der Rückkehr von dieser ersten Reise schrieb ich einen Song namens „Death At Low Water“, der auf dem Chris & Carla-Album „Life Full Of Holes“ landete. Der Song schien mir inspiriert durch die Landschaft und die staubigen Städte, die ich gerade besucht hatte. Die Texte rufen Sehenswürdigkeiten in und um Harney County in Erinnerung, wie Steens Mountain und Denio, die südliche Grenzstadt in Nevada. Es ist ein irgendwie brutaler Song, aber es ist auch ein Lied über Glauben, Familie und das Festhalten an den wirklich wichtigen Dingen.

Schon damals dachte ich, ich sollte eines Tages eine Sammlung von Harney County-Songs schreiben und singen. Mit diesem neuen Album bin ich endlich dazu gekommen, genau das zu tun. Die meisten der Songs auf diesem Album wurden lebendig, als ich an den Sounds und Texten des letzten Walkabouts-Albums „Travels In The Dustland“ feilte. Sie haben in gewisser Weise dieselben Wurzeln wie die „Dustland“-Songs, gehörten aber in einen anderen Zusammenhang. Sie handeln weniger von musikalischen Gesten als davon, was tatsächlich gesungen wird. Die Songs für „Travels In The Dustland“ waren ebenfalls Wüsten-Songs, sie handelten aber von abstrakten und mythischen Landschaften. Hier sind die Ereignisse und Charaktere zwar erdacht, die Orte aber umso realer, ebenso wie die Straßen, auf denen ich selbst gefahren bin. Ich habe die Anstiege und Biegungen dieser Straßen in bester Erinnerung. Ich kann Steens Mountain in der Ferne hoch über dem Alvord Desert sehen, wie auch die verstreuten Trailer-Parks und Ranches. Diese spezifischen Landschaftserinnerungen sind die Ursprünge dieser Musik und der Grund, warum ich das Album „Harney County“ genannt habe.

Die großen Beifuß-Steppen, die windigen Berge und sumpfigen Ebenen (wo manchmal riesige Vogelschwärme beobachtet werden können) des Countys sind Orte, wo Menschen klein und oft bedeutungslos wirken. Die Winter sind lang und das Land versinkt unter Massen eine tragische und zur Vorsicht mahnende Geschichte, die uns daran von Schnee, während im restlichen Jahr die Sonne gnadenlos brennt. Diese erbarmungslosen Elemente werfen einen langen Schatten auf die Charaktere in den Songs. Sie kämpfen darum, ihr Bestes zu tun – in einer Gegend, wo Schönheit und Mühsal einander begleiten.

Ich wollte bei den Aufnahmen zu diesem Album ein Gefühl von Rohheit und Zurückhaltung. Mir schienen diese Qualitäten bereits in den Songs zu liegen, die Musik sollte dies reflektieren. Kontrabassist Žiga Golob und ich spielten die Songs zwei Tage lang live ein, in einem weitläufigen, verhallten Studio am Stadtrand von Prag. Der Aufnahmeraum bietet Platz für ein 80-köpfiges Orchester, und da standen wir beide uns nun gegenüber, winzig und von der Umgebung auch ein wenig eingeschüchtert. Angesichts der Songinhalte fühlte sich das durchaus passend an.

Žiga gab den wesentlichen Anstoß zu diesen Aufnahmen, und ich hätte das Album nicht ohne ihn machen können. Milan Cimfe stieß als Toningenieur und auch als Gelegenheitsschlagzeuger zu uns. Meine Frau Anda sang Backing Vocals bei zwei Songs, Paul Austin spielte E-Gitarre bei „The Carnival Smoke“, und mein alter Freund Terry Lee Hale spielte die verfremdete Mundharmonika von „Many Moons“.

Ursprünglich dachte ich, dieses Album sollte wie „Nebraska“ als Dub-Album klingen. Das haben wir dann nicht ganz erreicht, ich möchte aber doch meinen, dass kleine Reste jener Idee bleiben. Was bei dieser Musik weggelassen wurde, ist wohl wichtiger, als das, was hinzugefügt wurde. Es gibt für die Geschichten also reichlich Raum zum Atmen.

Und jetzt, wo das Album fertig ist, kann ich den nächsten Ort meiner Obsessionen finden.

Chris Eckman/Ljubljana/Sept. 2013

Info: www.chriseckman.net