CRYSTAL ANTLERS: Nothing Is Real

CRYSTAL ANTLERS

(Innovative Leisure/Al!ve) Es ist gut und wichtig, dass es Bands wie die Crystal Antlers gibt. Der Indierock kann sich beileibe nicht davon frei sprechen, als Zone für Hippster und Hypeversessene zu fungieren. Umso schöner, dass es noch Musiker gibt, die in ihrer Kunst einfach ein Ventil sehen,  den ganzen Seelenballast zu verarbeiten, abseits von modischen Trends. Dazu braucht es spröde nörgelnde Gitarren, zum Beispiel. Und ein polterndes Schlagzeug, das unverwüstlich seine Position hält. Nagende Unzufriedenheit ist dabei eine Grundvoraussetzung, die Kalifornier zeigen auch auf „Nothing Is Real“, wie man damit umgeht  und wozu sie führt. Gleichgültige Lethargie oder angepisster Aufruhr. Beides findet man auf dieser Platte, die gerne mal nach vorne prescht, obwohl scheinbar noch nicht alle Instrumente in Position stehen, sich aber auch mal in die ausgeleierten Hängematte hinfläzt, als wäre alles gleichschlimm und gleichegal. So ein Album beginnt dann auch passend mit einer Gitarre, die semiengagiert im Schaukelstuhl über dem Abgrund wippt. „Pray“ kreiert in seinem Intro erst mal das musikalische Wasteland, durch das der Song anschließend aufgekratzt stürmt. Ein ungeschliffenes Poltern erzeugt einen grobkörnigen Wirbelsturm, in dessen Auge das Stück aber auch mal zur angeödeten Ruhe findet. Doch das Drängende, das Unmittelbare erhebt letztendlich den Machtanspruch über dieses runtergestrippte Infernal. „Rattlesnake“ schickt in Folge erst mal einen tief und warm brummelnden Bass vorweg, der von einer abgewrackten aber irgendwie würdevollen Orgel umsorgt wird. Dazu passt der Gesang von Jonny Bell hervorragend, welcher in der Strophe die Erschöpfung vorwegnimmt, die der hochexplosive Refrain verursacht. Aber auch hier: die Rückkehr in ein schludriges Ruhebett, Wegweiser sind die schleppenden Drums und es entsteht ein schöner Kontrast aus aufgeheizter Dringlichkeit und runter gekühltem Desinteresse. Im vierten Song erschaffen Crystal Antlers so etwas wie ein herbstliches Idyll, die Gitarren malen mit Pastelltönen, Bells Gesang ist beiläufig schön, als hätte er diesen zwischen Aufstehen und Brötchen Holen aufgenommen und man wird an und für sich dazu eingeladen, der Nachhut der eigenen Träume nach zu hängen aber dann das: „we all gotta die“, dargeboten als schlichte Tatsache, die einen nicht in Aufruhr versetzen sollte. „Paper Thin“ dagegen ist wieder voller Tatendrang, die quietschende Karosse ist auf brennenden Straßen unterwegs und man merkt hier ganz deutlich, dass die Antlers Dinosaur Jr. aber auch ….And You Will Know Us By The Trail Of Dead im Stammbaum stehen haben. Da passt es auch wunderbar, dass sich irgendwo im Bildhintergrund noch so etwas wie ausgemergelte Hymnik rumtreibt.  „Persephone“ besteht anschließend aus Schwefel und erkaltender Lava, eine Skizze, die lila-rot glimmt, ausgestattet mit eingängiger Gesangsmelodie, sing along, all you skinny skeletons. „Nothing Is Real“ ist eine dieser Platten, die ihre melodischen Erschließungswege unter Schotter und Staub verdeckt und dafür sorgt, dass die Eingängigkeit mit der Kratzbürste runter geschrubbt wird. Wie haben ja vorhin schon mal darüber berichtet, dass diese Band in Maßen auch Idyllisches erzeugen kann, „Don´t Think Of The Stone“ wäre da ein weiteres Beispiel, die Gitarre imitiert säuselnde Streicher und es entsteht ein windschiefes Zerrbild von entrückter Harmonie, wie ein Paar weißer Schwäne, die jedoch an den Rändern braun angelaufen sind, makellos geht wirklich anders. Aber auf diese Weise entsteht ein durchaus realistischer Eindruck von solchen Begriffen wie Schönheit, auch ein Verdienst dieser Band. Diese lässt es gegen Ende hin mit „Better Things“ noch mal krachen, der Song poltert mit Ermüdungsbrüchen los, angefackelt und latent aggressiv, wie ein Merry Go Round der Unzufriedenheit. Und mit diesem Stück hat „Nothing Is Real“ auch seinen Bestimmungsort gefunden: ein schmuckloser Raum, der nur von einer einzelnen Glühbirne belichtet wird und aus dem es rumpelt und knattert, nölt und zischt.

Info: www.crystalantlers.com

(Martin Makolies)