GLASSER: Interiors

(True Panther/Beggars/Indigo) Auf ihrem zweiten Album begibt sich Cameron Mesirow in die Distanz. Die Stücke, die sie uns diesmal als Glasser präsentiert, leben von einer makellosen Strenge und einer wohl ausgefeilten Anordnung. Hier existieren die Sounds und Klänge nebeneinander, die einzelnen Elemente lassen sich immer klar und deutlich herauslesen. Es geht  viel um Räumlichkeiten, Bereiche und Zonen und diese werden meist klar abgegrenzt. Kontaktaufnahme und Vermischung findet nur selten statt, diese Platte ergreift den Hörer nicht direkt, es handelt sich vielmehr um ein schüchternes Winken durch ein trennendes Fenster. Manchmal hat man das Gefühl, man hört bei der Umformung von Molekülen zu, in dem Moment, da sich die Atome neu anordnen, jedoch in Zeitlupe. Man könnte diese Musik wunderbar zur akustischen Untermalung einer japanischen Teezeremonie verwenden, die Bewegungen und Handlungen sind unaufgeregt akkurat. Damit wird auf diesem Album ein Elektropop erschaffen, der zwar durchaus avantgardistische Anwandlungen hat, in seiner Form und seinem Auftreten aber immer klar umrissen wird. Es wird sich zwar mit den zwischenmenschlichen Fallstricken auseinander gesetzt, jedoch scheint dies ohne den Speckrand der Leidenschaften von statten zu gehen, auch der Blick auf die Probleme ist ein vergeistigt distanzierter. Man erkundet mit dieser Platte wie gesagt Räumlichkeiten, das weiteste Panorama bietet sich in „Shape“, der Track beginnt am menschenleeren Strand und führt in die inneren Geheimnisse dieser Platte ein, „my home has no shape/ nothing to sustain me/ but it keeps me safe/ from imagined pain“. Dazu schwebt der Song über einem ausgeruht schwerfälligen Beat, das Entrückte greift um sich, hinter einer kristallinen Wand, fast schon aseptisch. In „Landscape“ pulsieren und tröpfeln die Sounds über einer spiegelglatten Eislandschaft, die Bewegungen nähern sich dem selig machenden Stillstand und alles entfaltet sich in verlangsamter Form, es raschelt und knistert, wie wenn man Glasscherben aneinander reibt,  und hier entsteht dann auch mal so etwas wie Intimität, „I´m in your landscape/ and I don´t wanna go back in mine“. Da überrascht der einsetzende organisch gelöste Beat schon ziemlich, der den Song in die Weite entführt. „Forge“ zeigt dann durch seine Gesangsstruktur, dass diese Musik nicht ganz unbeeinflusst von Bjork entstanden ist, mäandrierend, verschlungen aber dennoch glasklar. Man ist erstaunt ob der klanglichen Makellosigkeit dieser Songs, die weiße Handschuhe tragen und streng angezogen sind. Die einzelnen Rhythmen scheinen mit dem Lineal gezogen, jeder Sound steht auf einem spartanisch eindeutigen Podest, wie gesagt, Vermischung und Durchmengung  gibt es selten. Das wird aber nur dann ein wenig langweilig, wenn Mesirow die klaren und einfachen Formen auch zu etwas Simplem zusammensetzt, wie in „Keam Theme“, das ein wenig zu geradlinig in Richtung Dancefloor wandert, hier fehlen die Kniffe und kompositorischen Extravaganzen, die sonst durchaus raffiniert angebracht werden. Am stärksten wirkt die Platte, wenn das Tableau fast leer geräumt ist, so in „Dissect“, das ein paar Streicherzupfer und kristalline Töne in die mystisch verklärte Nachtlandschaft entlässt. Dazu kommt dann ein rhythmisches Fließen, das mühelos Raum und Zeit überwindet, so spirituell und doch so klar. Dadurch, dass Glasser in die Distanz und die Abstraktion geht, entstehen Stücke, die eine kühle Faszination ausstrahlen, nichts ist schwammig, eigentlich sieht man hier sehr klar und dennoch bewahrt sich diese makellose Musik ihre Geheimnisse. Ganz erschließen kann man „Interiors“ wohl nicht.

Info: www.glassermusic.com

(Martin Makolies)