GRASS HOUSE: A Sun Full And Drowning

GRASS HOUSE
(Marshall Teller Records/Believe digital) Überlegen wir einmal, wie dieses Grass House so beschaffen ist, das Debütalbum der Engländer hilft bei der Verortung ungemein.  Es muss sich hierbei unbedingt um eine Behausung handeln, in der die Gebeutelten und Geplagten eine warme Zuflucht finden. Das Bild einer schummrigen Kneipe kommt da auf, eine Kaschemme, in der schon abends um zehn die Stühle auf den Tischen stehen, in der aber noch ein Haufen Heimatloser bis weit nach Mitternacht am Tresen steht. Starre Blicke kreuzen sich im Zigarettenqualm, im Hintergrund vernimmt man ein asthmatisches Husten und ganz wichtig: eine Band spielt. Eine Band, die es gewohnt ist, dass man ihr nur halb zuhört, eine Band aber auch, die besonders viel Liebe in die Ausgestaltung ihrer lakonisch gebrochenen Stücke steckt, für den Fall, dass doch mal einer genauer hin hört. Die Stücke auf „A Sun Full And Drowning“ sind geprägt von einer gedrosselten, sich am Leben abarbeitenden Emotionalität. Es brandet so manches Mal ein wenig Leidenschaft auf, für den ganz großen Furor, für Gefühle auf Biegen und Brechen hat diese Platte aber einfach schon zu viel gesehen.    Viel eher spiegeln die zehn Stücke die schmutzigen Ränder der Realität wieder, die Songs sind in Grau- und Brauntöne getaucht, da darf höchstens einmal eine Orgel das Setting samtrot einfärben, so geschehen in „Faun“, welches eine Outlaw-Pantomime ohne Publikum zelebriert, brüchig und desillusioniert. In „Of Haste And Art“ spiegelt sich der Mond im schmutzigen Putzwasser, ein ruraler Rhythmus und eine Gitarre, die aus den Platten von The Velvet Underground entführt worden ist, sorgen für die schartigen Kulissen, in denen sich das Stück betont kantig bewegt. Schönheit ist auf „A Sun Full And Drowining“ ein wehmütiger Seufzer, den ein ehemaliger Weltenbummler ausstößt, wenn er an seine schillernde Vergangenheit zurückdenkt, im Jetzt gibt es nur den robusten Tresen, an dem man sich festhalten kann und einen Barkeeper, der unaufgeregt zuhört und mit Allgemeinplätzen antwortet. Dann macht sich aber wieder die Band bemerkbar, eine ausgeleierte Gitarre mäandriert durch „The Colours In The Light May…“ und man muss an einen runtergekommenen Rummelplatz denken, der genauso lädiert  ist wie die Lokalität, die diese Songs auf einem schmutzigen Bettlaken skizzieren. Man denkt bei der Musik von Grass House durchaus an Referenzen, die mal mehr, mal weniger offensichtlich durch diese Songs scheinen. Brüder im Geiste sind da zum Beispiel Frightened Rabbit, man denkt aber auch an Nick Cave oder The National und von Velvet Underground haben Grass House den Schmuddelchic ihrer Kompositionen. „Wild And In Love“ ist zum Beispiel ein lakonischer Schunkler mit Schweißrand am Kragen, ohne Aufregung und mit ein wenig abgebranntem Pathos wird das flammende Herz der Vergangenheit heraufbeschworen, doch scheint das Übertragen ins Hier und Jetzt wie ein bemitleidenswerter Versuch einiger abgehalfterter Träumer. In „Tasteless But Taciturn“ heißt es passend und desillusioniert : your bones will sicken/ your skin it will grow coals/ your brittle fingers reach out for the light but find the dark/ your strength it will weaken/your hold it will come loose”. Doch dann schwingt sich das Stück zu einer erhabenen Festlichkeit auf, die das Herz frisch umspült, klar, die Knochen sind müde aber auch ein müder Gaul geht irgendwann wieder weiter. Grass House haben ein unspektakuläres Album aufgenommen, dass aber in seiner Grobkörnigkeit und dem Blick für das schadhafte Detail unbestechlich wahrhaft daher kommt. Diese Stücke darben und hadern in einer dunklen Ecke, auf kleine Träume folgen große Endtäuschungen, aber eins ist sicher: diese Band spielt weiter, auch wenn keiner zuhört, denn solche Lieder sollten gesungen werden, wider dem Glamour, wider dem Hochglanz.
(Martin Makolies)