KEVIN DEVINE: Bubblegum/Bulldozer

KEVIN DEVINE

(Big Scary Monsters/Al!ve) Zwei Alben gleichzeitig rausbringen, das zeugt entweder von Größenwahn oder kreativen Überschuss, das kann gut gehen, siehe das damals unheimlich tolle Albumdoppel der Bright Eyes, dafür braucht man aber auch Songmaterial, das für zwei vollwertige Platten reicht. Kevin Devine aus Brooklyn hat es schon mal insofern richtig gemacht, als dass er seinen beiden Alben eine unterschiedliche Ausrichtung gegeben hat. „Bubblegum“ ist das rumpelnde Album, „Bulldozer“ der Schunkler.  Darüber hinaus ist „Bubblegum“ ein ausgewachsenes Bandalbum, Devine erhielt Unterstützung von seiner Goddamn Band und auf dem Produzentenstuhl nahm Brand News Jesse Lacy Platz. „Bulldozer“ ist dagegen introvertierter, wo „Bubblegum“ dem knarzig-schartigen Rock And Roll-Schmutz huldigt, ist „Bulldozer“ eher zurückgelehnt. Beide Alben vereint jedoch die Liebe zur einfachen aber schönen Melodie, auf die mag Devine nämlich auf beiden Platten nicht verzichten. Dabei ist „Bubblegum“ der garstige, schroffe Bruder, der mit voller Wucht gerne mal gegen die Wand rennt, die Platte ist ungeschliffen und in der Regel sehr direkt. Songs wie „Nobel Price“ haben hochenergetische Rauhbeingitarren an Bord, es geht ultraintensiv ans Eingemachte, es rumpelt und poltert, Rock And Roll mit der Klinge am Hals. In der Strophe von „Fiscal Cliff“ treffen sich Rhythmus und Melodie im Schlachtengraben, aus dem aber ein entwirrter Refrain mit eingängiger Struktur empor steigt, das ändert aber nichts daran, dass man bei diesem Song das Gefühl hat, mit mächtig Bauchweh auf dem Rummelplatz unterwegs zu sein. Die eingängig vorantreibenden Momente haben auf „Bubblegum“ durchaus ihre Qualitäten, so gemahnt der missmutige College Rock von „Bloodhound“ an die Phase, als der Emo noch ohne Kajal unterwegs war und fährt direkt in die Blutbahnen und der Titelsong zeigt noch mal auf, wie viel Qualität straight forward Indie Rock haben kann. Doch die richtigen Highlights sind die Songs, die auch mal den Fuß vom Gaspedal nehmen und in die atmosphärische Breite gehen. Bei „I Can´t Believe You“ und „Red Bird“ scheint der Einfluss von Jesse Lacy richtig durch, diese Stücke erinnern stark an „The Devil And God Are Raging Inside Of Me“ von Brand New, soll heißen, die Gitarren ächzen unter einem Damoklesschwert, die Songs wirken, als hätten sie einen aufreibenden Entzug hinter sich. So wirkt der an und für sich schwelgerische Refrain von „I Can´t Believe You“ seltsam zerrissen und aufgebraucht, Erschöpfung aufgrund von vergeblichen Bemühungen wehen durch das aschfahle Stück, „letting go is an active practice“, Hoffnung sollte man woanders suchen. In „Red Bird“ wird der Grunge mit Glasscherben in die Songstrukturen geritzt, geisterhafte Knochengestalten bevölkern diesen verwunschenen Ort der geistigen Umnachtung, der mentale Kontrollverlust lauert bedrohlich im Schatten, „it´s getting weirder than I projected“ und man ist fast dankbar, dass zwischendurch ein wenig brachiale Rockigkeit die beklemmende Spannung zumindest vorübergehend auflöst. Der Song „She Can See Me“ ist in unterschiedlichen Versionen auf beiden Alben enthalten, wobei die „Bubblegum“-Variante zunächst im Stahlbad zu Hause ist und die Gitarren Stahlhelme tragen. Daraus entwickelt sich ein Ritt durch kahle Landschaften in Grau- und schattigen Blautönen, ein unkomplizierter, abweisender Road Trip durch entvölkerte Nachtgebiete. Ganz anders dagegen das Pendant auf „Bulldozer“: easy going Rockmusic mit einem sonnendurchfluteten Refrain und einem lebensbejahenden Drive. Überhaupt ist „Bulldozer“ um Harmonie und Idylle bemüht. Auch der quasi-Titelsong „Little Bulldozer“ versucht es mit zutraulicher Annäherung, „I need you cl- cl-cl-  closer“ , hier wird die sonnige Energie in Distanzverminderung investiert und als Lohn gibt es eine euphorische Umarmung. Generell ist „Bulldozer“ aber eher ruhiger, gerne schunkeln sich die Songs in einen entrückten Traumzustand, die Pedal Steel jauchzt hier und da mal auf und wie gesagt, diese Platte ist um Harmonie bemüht. Da strahlt „Now Navigate“ mit seiner sprudelnden Akustikgitarre vorsichtige Zuversicht aus und wo auf der anderen Platte der Schatten regiert, findet man hier immer wieder kleine Lichtquellen. Da darf eine etwas hitzige Gitarre in „You Brushed“ für ein wenig Fieber sorgen, doch wird dieses vom Wind der Steppe direkt wieder runter gekühlt. Und auch „Matter Of Time“ sitzt unbefangen auf dem Weidezaun und beobachtet, wie die Tiere am Abend in den Stall heimkehren, es werden Sehnsüchte sanft abgepolstert ins flüssige Geschehen integriert, keine Hektik, sondern demütige Zufriedenheit. Das heißt zwar nicht, dass auf „Bulldozer“ alles perfekt erscheint, das scheinbar aus einer vereinsamten Waldhütte stammende „For Eugene“ spricht mit sanftem Schwermut und Bedrückung zu uns, doch sind auch solche Stücke von einer integralen Harmonie beseelt. Kevin Devine präsentiert mit seinen beiden Alben zwei sehr unterschiedliche Seiten von sich. Auf der einen Seite der ungleichen Medaille regiert ein unzufriedener, aufrührerischer Furor, der auch mal in verzweifelte Lethargie umschlägt, die andere Seite ist ein abgerundetes Naturidyll, geprägt von Zuversicht und einem geregelten Gang der Dinge. Eindringlicher ist da natürlich „Bubblegum“, das sich wie ein Stachel ins Fleisch bohrt, doch auch „Bulldozer“ ist ein gelungenes, besinnliches Kunstwerk, das wie ein Antidot auf seine Partnerplatte reagiert.

Info: www.kevindevine.net

(Martin Makolies)