LANTERNS ON THE LAKE: Until The Colours Run

LANTERNS ON THE LAKE

(Bella Union/ PIAS/ Rough Trade) Viel Durcheinander herrschte nach dem ersten Album bei Lanterns On The Lake aus Newcastle. Zwei Bandmitglieder gingen, mittlerweile ist man aber wieder auf Quintett-Stärke angewachsen, neu ist jedoch, dass die Gesangsparts jetzt einzig und allein bei Hazel Wilde liegen. Und diese steuert mit ihrer verträumt fragilen Stimme die Stücke durch Landschaften der Verletzlichkeit aber auch durch Gegenden der spröden Schönheit. Dennoch verweigert diese Platte an manchen Stellen die Makellosigkeit, diese Mischung aus Postrock und Kammerpop erlaubt sich einige körnige Ungenauigkeiten und Schrägheiten, besonders zu Beginn der Platte. Da wirkt die ozeanische Orchestrierung in „Elodie“ leicht versehrt und brüchig, das erhabene, majestätische Gefühl spiegelt sich in einem angelaufenen Spiegel. Darin erblickt man auch den säuselnden Gesang von Wilde, der den Song erdet und ihm eine Verletzlichkeit angedeihen lässt, die mit dem Aufbranden der Postrock-Gitarren ein vielschichtiges, kontrastreiches Bild erzeugt. Ein kompositorisches Schmankerl ist auch die abschließende Gitarrenfigur, die dieses Stück in ein einsames aber warmes Zwielicht taucht. Oftmals wirkt die Musik von Lanterns On The Lake erschöpft und am Rande der Entkräftung aber in diesen Situationen entsteht dann fast unverhofft melodische Schönheit. Besonders wichtig für diese Platte ist der vielfältige Streichereinsatz, denn diese werden nicht nur zur Aufhübschung der Stücke verwendet, sondern sind wichtiger Eckpunkt und Bedeutungsträger in den Songs. „The Buffalo Days“  wirkt auch sonderbar windschief, „when this started/ I was living like an animal/ and I didn´t have a hope in hell”. Man hat das Gefühl, der Song suche nach etwas, woran er sich aufrichten könne, das Stück bleibt in einer schwebenden Zwischenhaltung, die Instrumentierung nimmt so manches Mal Anlauf und eigentlich könnte dies ein vollmundig sanfte Nummer sein, doch irgendwie wirkt dieser Song aus dem Gleichgewicht gebracht, die Proportionen verschieben sich und dabei entsteht dann ein ganz eigener Zauber. „The Ghost That Sleeps In Me“ weist dann ein wundervoll verschwommenes Unterwasserklavier auf, zerläuft an den Rändern und gleitet federleicht und maximal versonnen an untergegangenen Szenarien vorbei. Dieses Stück wirkt wie entkernt und ausgehöhlt, wie ein Wasserleichenballett. Streicher und epische Gitarren sorgen abschließend für ein wenig Dramatik, doch eigentlich lebt das Stück von der introspektive. Der Titelsong gibt sich da enthemmter, galoppiert durch sattgrüne Uferlandschaften und wirkt wie ein sanfter Erweckungskuss. Glockenhelle Tonfolgen mäandrieren durch das Stück, alles ist hell erleuchtet und mit positivem Anstrich, so optimistisch klingt die Platte nur selten. In „Green And Gold“ darf das Klavier aus „Imagine“ sich in einem langsamen, abgründigen Tempo erproben, wieder hat man das Gefühl, dieses Stück schwebe nah über dem Boden, schwerwiegende Emotionen drücken das Ganze nach unten, doch Wildes Stimme durchweht den Song mit melancholischer Leichtigkeit. Dies sind die Momente, wo dieses Album eine meditative Schwermut befällt, mithin die emotional eindringlichsten Momente, skizziert mit leichter Hand. Der abgehangene Groove von „You Soon Learn“ lädt sich dann ein paar seufzende Streicher auf und Hazel Wild singt wieder durch einige Nebelschwaden zu uns, ganz greifbar wird die Sängerin für den Hörer nie und es entstehen verschwommene Panoramen von wehmütig bedachten Sonntagnachmittagen auf dem Dachboden der Großeltern. Die Songs auf „Until The Colours Run“ sind wie ermattete Seufzer nach großen Anstrengungen, verbreiten eine erschöpfte Harmonie, die kaum noch die Kraft aufbringen kann, Verluste leidenschaftlich zu betrauern, „Picture Show“ ist da auch so ein Klavier- und Streicherkleinod. Im zweiten Teil der Platte werden die Stücke zunehmend abgerundeter und auch ein wenig glatter. Das ist ein bisschen schade, da gerade die kleinen Ungereimtheiten zu Beginn für ästhetische Reibung sorgen. Aber auch insgesamt ist dies ein Album, dass mit wehmütigen Wellenbewegungen für ein intimes Hörerlebnis sorgt, Lanterns On The Lake finden auf ihrer zweiten Platte Mittel und Wege, der Melancholie ein leicht ächzendes Ruhebett zu bereiten, man stelle sich das vor: alleine in einer urigen Holzhütte an einem zugefrorenen See, und jede Menge Zeit, das, was zurückliegt,  ausgiebig zu überdenken, hach ja, man darf da schon mal schwermütig aufseufzen.

Info: www.lanternsonthelake.com

(Martin Makolies)