EMILY JANE WHITE: Blood/Lines

(Talitres/Rough Trade) Das Hellste bei Emily Jane White war seit jeher ihr Nachname. Die Dame aus Nordkalifornien suchte schon auf ihren letzten Alben die Nähe zum leicht Abgründigen, ging so manchen Flirt mit der dunklen Seite ein. So auch diesmal, „Blood/Lines“ ist untergründig unheilvoll, ein verwunschener Hauch weht durch die filigranen Kompositionen. Man denkt an spirituelle Zusammenkünfte im nächtlichen Zauberwald, an unruhige Geister, die es ohne Erlösung umtreibt und auch der Teufel hat mitunter seine langen Finger im Spiel.  Eine absolute Einsamkeit umfängt den Beginn vom Opener „My Beloved“ und bereits die ersten Worte künden von einer seelischen Umnachtung: „How do I get rid of the demon?“. Im weiteren Verlauf schunkelt sich das Stück in schattige Randbezirke einer fatalistischen Liebe, deren Kehrseite durchaus das nackte Verderben sein könnte. Dabei ist diese Musik immer fragil und feingliedrig, das Dunkle entrollt sich in feingeistiger Eleganz, ein morbider Abglanz bleibt aber immer an den Stücken dieser Künstlerin haften. „Faster Than The Devil“ ist da sogar noch ein Stück unwirklicher. Man hat das Gefühl, dieser Song stamme von einer Wasserleiche, die über den Grund eines tiefen Sees treibt. Die Bewegungen wallen langsam auf und ab, der Gesang steht fahl im Mondschein und auch hier hat der Tod seine Aktie am Geschehen. Emily Jane White inszeniert sich als blasse, unnahbare Gestalt, die sich in vergangenen Leben und Inkarnationen ein zentnerschweres Schicksal aufgeladen zu haben scheint. In den Songs von „Blood/Lines“ agieren die Instrumente sparsam und nuanciert, die Zwischentöne sorgen für oftmals frostige Klangschichten. Wunderschön ist dabei „Keeley“ geraten, diese bittersüße Hommage an die „maiden of the dawn“. In diesem Song regiert eine zärtliche Feierlichkeit und man sieht White und die Besungene  förmlich sich gegenüber stehen auf einer nächtlichen Waldlichtung, dabei evoziert die klangliche Ausgestaltung eine vertrauliche Nähe zwischen den Protagonistinnen, die durch nichts aufzulösen  zu sein scheint, auch nicht durch den Tod. Besonders unheilschwanger tritt „Thoroughbred“ auf, hier manifestiert sich ein High Noon auf der Eisscholle, das Stück geistert mit akzentuiert herausgearbeiteten Gitarren durch ein unwirtliches, vom Leben verlassenes Szenario der kargen Einöden. Und dennoch steckt auch hier viel Sanftheit und Zärtlichkeit in der Komposition, vor allem durch den wandelbaren Gesang von White. Man muss dann aber leider feststellen, dass die zweite Albumhälfte ein wenig an Kontur und Profil verliert. Atmosphärisch bleibt diese auch weiterhin auf einem hohen Niveau, doch die einzelnen Stücke wirken ab „Wake“ ein wenig zu gleichförmig, obwohl es auch hier einzelne große Momente gibt. Nur ist das kompositorische Geflecht nicht mehr ganz so kunstvoll geknüpft, es gibt ein wenig zu häufig musikalische Leerstellen, die einzig von ihrer Atmosphäre leben. Das fällt aber nicht ganz so schwer ins Gewicht, da Emily jane White vor allem berückende Bilder von abseitigen Realitäten heraufbeschwört, die in ihrer manchmal fast gruseligen Ästhetik eiskalt betören.

Info: www.emilyjanewhite.com

(Martin Makolies)