ALCEST: Shelter

ALCEST: Shelter

(Prophecy/ Soulfood) Bisher wies das Schaffen der quasi Einmannband Alcest mal mehr, mal weniger deutliche Querverweise zum Black Metal auf. Diese Verbindung ist nun endgültig gekappt, „Shelter“ ist mit Nachdruck ein Album des Lichts. Dabei pendelt es zwischen Postrock, Shoegaze und Dreampop, der Referenzenzirkel wird von Sigur Ros, Dredg uns Spacemen 3 abgesteckt. Bereits die jubilierende, sonnendurchflutete Lead Gitarre in „Opale“ ist soweit von schwarz entfernt, wie Rosamunde Pilcher vom Literatur Nobelpreis. Dieser Song katapultiert den Hörer mit feierlichem Ernst  und einer kerngesunden Vitalität in einen Kosmos von Zuversicht. Dabei taugt  der verträumt gesäuselte Gesang von Stéphane Paut  als unaufgeregter Wegweiser entlang der gleißenden Sonnenstrahlen. So entsteht ein Song, der gleichzeitig in sich ruht und mitreißt, der streichelt und wachküsst. Das folgende „La Nuit Marche Avec Moi“ ist da eine Spur zurückhaltender, ein selbstvergessener Spaziergang durch die nächtliche Ruhe. Hier findet man eine einschmeichelnde Sanftheit, die die Schmerzen einfach wegstreichelt, die plingernden Gitarren spielen wie ein Traumfänger im zarten Windhauch, seelische Abgründe werden im ruhigen Tempo und in großer Höhe überflogen. Und wieder fällt dieser betont  weichgespülte Gesang auf, der für eine ruhige Ausgeglichenheit sorgt. Diese Platte kennt übrigens auch die verhalten mächtigen Momente, so entwickelt sich in „Voix Sereine“ aus einer bescheidenen, kleinen Gitarrenmelodie ein hymnisches Leitmotiv, welches als Paradebeispiel für geschmackvolles Pathos herhält. In dieser einfachen Tonfolge steckt so viel Sehnsucht, so viel positive Kraft, dass man davon doch nachhaltig berührt ist, großes Kino. Wenn man dieser Platte überhaupt etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass das Songwriting mitunter ein wenig vorhersehbar ist, das gilt zum Beispiel für „L´éveil des Muses“, wo das allmähliche Anwachsen der Schlagzeugintensität zwar dramaturgisch durchaus vorzeigbar ist, jedoch auch ein wenig abgegriffen wirkt. Dennoch ist auch dieser Song insgesamt gelungen, der geduldige Aufbau eines Spannungsleitfadens wird doch ziemlich überzeugend vollführt, der Song durchlebt so manche Metamorphose, ohne seine Grundausrichtung aus den Augen zu verlieren. Der Titelsong gönnt sich dann gut abgehangene Gitarren, die den vom Rhythmus abgesteckten Raum mäandrierend abschreiten, dazu setzt ein wunderbar helles Piano ein, der Gesang gleitet ernst aber mit staunenden Augen durch das hell erleuchtete Setting, ja, „Shelter“ ist wirklich ein für geplagte Seelen bereit stehender Unterschlupf, diese Platte umarmt das Licht, lässt sich von ihm wärmen und sendet so manch verhalten hoffnungsvolles Signal in den Äther. Eine willkommene Dreingabe ist da noch das von Slowdives Neil Halstead gesungene „Away“, diesmal in Englisch und mit einer gewissen Trauer versehen, doch ist diese auch in diesem Song nicht das letzte Wort, irgendwie schafft es das Stück, eine bescheidene Zuversicht zu artikulieren. Besonders schön sind hier die vollmundigen Streicher und die versonnene Akustikgitarre, es entsteht ein Momentum von innerer Strahlkraft, frei von jedem Bombastballast. Das abschließende „Delivrance“ bewegt sich in seinen zehn Minuten durch die Gefilde, die Sigur Ros nachhaltig geprägt haben, Leichtigkeit und Schwermut liefern sich ein entschleunigtes  Duell um das letzte Wort auf diesem Album. Am Ende entschwindet  dieses Stück in ein spirituelles Nirwana, entkörperlichter Engelsgesang schließt diese helle, strahlende Platte ab. „Shelter“ leuchtet die dunklen Ecken aus, bedient sich aus dem Fundus der Helligkeit und scheut sich auch nicht vor den großen Momenten und Gesten. Nur sind diese in ein unaufgeregtes Klangbett integriert, so dass „Shelter“ zu einer Demonstration von innerem Gleichgewicht wird.

Info: www.alcest-music.com

(Martin Makolies)