MILAGRES: Violent Light

 

(Memphis Industries/Indigo)  Kyle Wilson mag seine neuen Songs nicht seiner Therapeutin vorspielen. Der Sänger der Brooklyner Combo Milagres hat Angst, dass in den Texten von „Violent Light“ zu viel Stoff drin steckt, dem er auf der Therapeutencouch nicht entgegentreten mag. Na ja, muss sich die gute Frau die Platte halt kaufen, was sicherlich nicht die schlechteste Investition darstellt. Textlich gesehen ist „Violent Light“ zwar durchaus intim, bietet aber nichts, mit dem wir nicht fertig werden würden. Liebe, Lust, Verlangen, es sind die alten Themen, die hier auftreten, dabei nimmt Wilson oftmals die Position eines vom Schicksal Gebeutelten ein, für den Glück nur in einer herbeigesehnten Phantasiewelt oder in der Vergangenheit existiert. Ein gutes Beispiel ist „Terrifying Sea“, das sich der Sehnsucht schunkelnd hin gibt, wobei der Ist-Zustand ein recht trostloser ist, „I´m a vampire in a bloodless world/ like the chicken/ I´m a flightless bird“. Doch es gibt Hoffnung, an die sich Wilson verzweifelt klammert, „I wanna be/ what you see in me“. Dabei ist die instrumentale Begleitung von guten Manieren geprägt, das Tempo ist moderat, die Gitarren funken kleine Lichtsignale ins Dunkel und für ein wenig nebulöses Gewaber sorgen die flächigen Keyboards, die aber dezent in den Hintergrund gemischt worden sind. Der Refrain vom folgenden „Jewelled Cave“ scheint die Schwelgerei eines alternden Dandys abzubilden, die Erinnerung ist noch ach so lebendig, doch in den Gemäuern dieses ergrauten Edelmannes herrscht ein klammer Frost. Gerne tauchen Milagres ihre Stücke in eine distanzierende Kühle, Gefühle wallen hier und dort auf, manchmal auch recht heftig, doch sind die Grundstrukturen der Songs in der Regel recht diszipliniert und ökonomisch angelegt, Milagres eilen nicht von Idee zu Idee, sondern kost etwas aus, wenn es tragfähig ist. Das führt in den weniger gelungenen Momenten manchmal zu etwas zu konformen Songs, „Column Of Streetlight“ geistert zum Beispiel ein wenig zu betulich durch die überfüllten Straßen, meistens jedoch funktioniert der Milagres-Touch. Dieser besteht unter anderem aus dem geschmackvollen Wechsel zwischen Falsett und Bariton, ein Handwerk, das Wilson doch sehr gekonnt händelt. Die gesanglichen Extravaganzen finden ihren Höhepunkt im wunderbar schrägen „Letterbomb“, dessen zu Scheinwerferlicht gewordene Keyboards und dessen Gitarren, die  einen schockgefrorenen Funk spielen, dem Stück eine kapriziöse Qualität verleihen. Irgendwo zwischen Kühlregal und hitziger Umarmung befindet sich „Urban Eunuchs“, dessen latente Theatralik etwas gestelzt wirkt und komischerweise genau deshalb so gut gefällt. Milagres revolutionieren nichts, sie schreiben einfach gute Songs, deren Bestandteile mit Geschmack und ruhiger Hand ausgewählt und zusammengesetzt wurden, so dass man auf „Violent Light“ ständig auf wohl erzogene Klangbilder trifft, die vordergründig nicht besonders aufsehenerregend sind, doch eine erstaunliche Tiefenwirkung besitzen. Wenn man das abschließende „Another Light“ oft genug hört, passt man sich den schwungvollen Rundungen der Rhythmik des Stückes langsam an und kann die schwelgerische Komponente dieser kleinen Nachtmusik wunderbar nachfühlen.

7 out of 10 stars (7 / 10)

Info: www.milagresmusic.com

(Martin Makolies)