Karies: Es Geht Sich Aus

(This Charming Man/ Cargo) Was ist denn bitte im Schwabenland los? Man denkt sich ja so, dort sei es besonders beschaulich und friedlich, Häuslebauen und so. Aber seit geraumer Zeit kommen aus der Gegend rund um Stuttgart epileptische Krachwellen und man fragt sich ob die Hamburger Schule dort eine Zweigstelle eröffnet hat für die ganz schwierigen und unartigen Kinder wie die Nerven oder eben Karies, nihilistisch aber selbstbewusst bis zur Schmerzgrenze.

Das ist die Art von Musik, die ihre Gitarrensaiten mit rostigen Rasierklingen bearbeitet. Keiner war gewarnt und jetzt haben wir den Salat. Aber mal so nebenbei: eigentlich ist „Es Geht Sich Aus“ ganz schön sexy, was die Rhythmusarbeit anbelangt, der Bass grummelt geschmeidig, das Schlagzeug windet und groovt sich stoisch voran, das sind verführerisch dargebotene Urgewalten und da haben wir noch gar nicht über die kompromisslos brachialen Riffs gesprochen, wie sie zum Beispiel im Oppelner „Es Ist Ein Fest“ losbrechen. Die Kunst ist aber, das Ganze nicht aufgebläht und überfressen wirken zu lassen, an den Kompositionen ist nicht ein Gramm Fett zu viel.

In den 11 Stücken deliriert die Band durch großstädtische Hinterhof- und Dunkelkammerszenarien, löst den zwischenmenschlichen Zusammenhalt auf und verlässt sich darauf, alleine irgendwie besser klar zu kommen. Zusammenkünfte mit anderen Menschen haben nichts mit trauter Zweisamkeit zu tun, jedes Idyll wird im Keim erstickt, „alleine kann man schlecht pervers sein/ ich muss mal wieder unter Leute gehen“. Das ist natürlich alles nicht neu, Im London oder New York der späten Siebziger/ frühen Achtziger hatte diese Form der verneinenden Musik ihre Hochzeit, doch Karies frischen ihr Update des Kulturnihilismus mit jeder Menge Kraft und Spucke ordentlich auf. Und wieder sei gesagt: das kommt nicht aus einer Hippstermetropole, das kommt aus der Provinz.

Karies erinnern daran, wie aufregend Postpunk und Nowave mal gewesen sein müssen. Dabei wirken sie nicht wie über-reflektierte Kunststudenten, sondern wie die nervöse und überspannte Großstadtjugend, die von den Angeboten, die ihnen gemacht werden, mehr als angeödet ist, „alles muss sich ändern/ um zu bleiben/wie es ist“. Karies wollen zwar tanzen aber zu ihren eigenen Regeln, der schnelle Spaß im großstädtischen Nachtleben ödet nur noch an, ja er frustriert existentiell und dieser Frust spiegelt sich in diesen kraftvollen aber schadhaften Songs ganz deutlich wider.

8 out of 10 stars (8 / 10)

Info: www.facebook.com/kariessksechzig