Kate Tempest: Let Them Eat Chaos

(Fiction/ Caroline/ Universal) Da hat der gute Bob Dylan allen mal wieder ein Schnippchen geschlagen. Bekommt den Literatur-Nobelpreis zugesprochen und täuscht terminliche Unpässlichkeiten vor, erscheint einfach nicht. Klar, dass sich da Patti Smith bei ihrem Tributesong verhaspelt. Was das mit dem hier zu besprechenden Album zu tun hat? Nicht viel, nur dieses: jahrzehntelang wurde immer wieder nach einem neuen Dylan gesucht, so manches mal meinte man, ihn gefunden zu haben, nach einiger Zeit bemerkte man jedoch den Irrtum, weitersuchen…Dabei war es eigentlich immer ein Mann mit Gitarre, den man in die riesigen Fußstapfen stecken wollte. Aber vielleicht ist der neue Dylan ja auch die neue Dylan, eine Rapperin aus England, hallo Miss Kate Tempest. Denn die junge Dame ist sowohl textlich als auch musikalisch ganz nah dran am Puls, an der Lebensader popkultureller Befindlichkeiten. Sie hat ein Album gemacht, dass von ganz großen Weltthemen zum englischen Alltag kommt und auf einer ganz persönlichen Note endet.

London, 4 Uhr 18 am Morgen. Sieben Menschen, die aus verschiedenen Gründen um diese Zeit nicht schlafen, manchmal wissen die Protagonisten jene Gründe selber nicht, manchmal ist die Lage recht klar, immer jedoch ist da ein gewisser Leidensdruck, der sich als kleines Kammerdrama abspielt. Kate Tempest beobachtet das, ohne voyeuristisch zu werden. Sie fühlt mit, bleibt aber distanziert. Es ist ein wenig so, als habe Ken Loach „Das Fenster zum Hof“ neu verfilmt, dabei aber den Mordplot gegen alltäglichere Tragödien ausgetauscht.

Die Musik ist dabei absolut zeitgenössisch, ohne besonders trendy zu wirken. Produzent Dan Carey hat ein absolut vielfältiges Beat-Bouquet gezaubert, rauhe Industrialstampfer, entspannte Latinobeats, ambiente Zwischentöne, alles vereint sich zu einer unglaublich intuitiven Reise durch die Londoner Nacht. Und dann diese Texte, niemals prätentiös, immer aufrichtig und einfach gehalten, dabei von einer natürlichen Schönheit. Es gibt keine blumigen Metaphern sondern berückend klare Formulierungen, die immer wie der naheliegendste Gedanke wirken, auf den man aber selber nicht gekommen ist. Oftmals werden die Tracks von gesprochenen Intros eingeleitet, die das Setting für die folgenden Bestandsaufnahmen vorbereiten. Wenn Tempest dann loslegt, wirkt das gewaltig, ohne in irgend einer Form protzig zu sein. Alles kommt natürlich und wie von alleine. Die Geschichten vom PR-Mann Bradley, der eigentlich alles hat aber trotzdem nichts fühlt oder Aleesha, die vom Bild ihres sterbenden Bruders heimgesucht wird, sind niemals aufdringliche Dramen, sondern unprätentiöse Notizen aus der unmittelbaren Realität einer ganz normalen Großstadtnachbarschaft. Dies ist dann auch die eine entscheidende Stärke von Kate Tempest: dem Alltäglichen Form und Stimme zu geben und daraus ungemein aufregende Musik zu machen, eine Prophetin, ein Role Model, eine Anti-Heldin, wahrhaft große Kunst!

9 out of 10 stars (9 / 10)

Info: www.facebook.com/katetempest