Allison Crutchfield: Tourist In This Town

(Merge/ Cargo) Horizonte erweitern, neue Erfahrungen machen, Ungewohntes ausprobieren. Das lässt sich gut durch stetiges Umherreisen erledigen. Wenn es nach ihren Texten geht, ist Allison Crutchfield ein fleißiger Globetrotter, Berlin, Porto, natürlich Paris, die Amerikanerin kommt gut rum. Aber auch in neuen Bekanntschaften liegt der Keim für Veränderung und Neues. Crutchfield hat während ihrer Bandkarriere mit Swearin´ auf rumpeligen Female-Rock mit Spaßgarantie gesetzt, lernte nun aber, als die ersten Aufnahmen als Solo-Künstlerin anstanden, den Produzenten Jeff Zeigler kennen. Dass Zeigler Crutchfield seinen umfangreichen Bestand an Analog – Synthies gezeigt hat, wirkt sich nun gewichtig auf „Tourist In This Town“ aus.

Klar, der windschiefe, unbedarfte Gitarrentwang ist noch weithin hörbar, liegt jetzt aber gut in dezent synthetische Klangfarben eingebettet da. Überaus gelungen ist dies beim Opener „Broad Daylight“: ein fast schon spiritueller Start, elegisch, in sich ruhend, wird durch ein bollerndes Schlagzeug und amtliche Gitarren in Bewegung gesetzt. Zu diesem frühen Zeitpunkt kommt also bereits der vielleicht stärkste Moment dieses Albums. Auch textlich wird der Rahmen gesetzt, „Our love is unquestionable/ our love is here to die“. Was folgt ist ein hin und her, ein erschöpfendes with or without you-Spiel, dessen Spur sich durch ganz Europa verfolgen lässt. Crutchfield schreibt also den unterschiedlichen Orten ihre eigene Geschichte ein, so dass die Stätten ihrer Reise einen persönlichen Anstrich erhalten. Dabei verbindet die Dame aus Alabama konsequent Gitarren-Rock mit Synthie-Pop, das schmeckt erst süß, hat dann aber oft einen leicht bitteren Nachgeschmack. Die Stücke bleiben in ihrer Struktur recht einfach, oftmals gibt es keinen Refrain, wie in „I Don´t Ever Wanna Leave California“, welches dennoch durch seine starke Narration überzeugt.

Dies ist auch der große Verdienst dieses Albums: trotz recht simpler Songs bleibt man gespannt, denn die Geschichten, die erzählt werden, sind bemerkenswert und emotional schlüssig. Da beschreibt Crutchfield, wie ihr Partner es genießt an ihrem Nacken rumzuknabbern, sie aber an anderer Stelle schon fast die Segel streicht, „coz I´m really startin´to hate you“. Dass Allison Crutchfield nicht mehr gänzlich auf energetischen Rock angewiesen ist, um sich auszudrücken, zeigen das von der Akustikgitarre begleitete „Charlie“ und das bedrückte Synthie-Kleinod „Sightseeing“. Erschöpfung, der Wunsch aufzugeben, all das findet sich hier auf dem Boden eines anonymen Hotelzimmers in Paris wieder.

Im Kontrast dazu steht „Dean´s Room“, welches offensiv-fröhliche Synthies in eine Karambolage mit gitarrengetriebenen Bubblegum-Pop verwickelt. Wieder freut man sich über den unkomplizierten Gestus dieser Musik, einfach aber wirkungsvoll. Da kann man auch „The Marriage“ einfach mal in einer Minute runterschraddeln, schadet ja nichts. Auf der anderen Seite gibt es dann Stücke wie „Secret Lives and Deaths“, welches an die späten Rilo Kiley erinnert, feine Popmusik mit geschmackvollem Keyboard-Interieur. Man kann Allison Crutchfield schließlich nur dazu gratulieren, dass sie ihre musikalischen Grenzen jetzt weiter fasst. Durch die Syntheziser erhalten ihre Songs einen edlen Anstrich, ohne dass das Unmittelbare eines simplen Rocksongs verlorengeht.

 

(7 / 10)

 

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