Anomie Belle: Flux

(Diving Bell) Stimmen, überall Simmen, sie kommen aus allen Richtungen. Sie sind gepitched, geglitched, gelooped oder sonstwie verfremdet. Anomie Belle hat sichtlich Freude daran, die menschliche Stimme zu manipulieren und aus dem Zusammenhang zu reißen. Man begegnet diesen Vokalverzerrungen überall auf „Flux“, sie werden wie ein eigenständiges Instrument eingesetzt und verzieren die 12 Tracks. Mit Verzieren ist aber auch schon das treffende Verb gefunden. Obwohl Anomie Belle in dieser Hinsicht einen großen Aufwand betreibt, bleiben ihre Stücke dennoch oft genug gewöhnlich, trotz der handwerklichen Opulenz. Dies liegt daran, dass ein guter Teil der Stücke einen trivialen Songkern hat, der auch aufgehüpscht nicht in Erstaunen versetzt.

Beispiele finden sich schon früh auf „Flux“: „Right Way“ und „As We Are“ gefallen sich zu sehr in gängigen R´n´B-Formulierungen, da nützt auch der verschachtelte Beat wenig, sowie die bereits angesprochene Vokalakrobatik, ein simples Liedchen bleibts trotzdem. Besser gelingt Belle ihr ambitioniertes Schaffen bei dem Opener „Saturday Gives“, wo ein markantes Geigenmotiv die führende Rolle übernimmt und dem Stück Charakter verleiht. Auch „Unwind“ gefällt, da es aus der seelischen Tiefe kommt. Die Sprachsamples sind hier auch deutlich elementarer, sind nicht nur Ornament oder Füllung. Erstaunlicherweise überzeugt „Flux“ immer dann, wenn es sich von simplen Lied-Strukturen entfernt. Die Stücke ohne oder mit wenig Gesang sind ausnahmslos die Highlights.

Diese finden sich auf der zweiten Hälfte des Albums und wenden sich von einer gerichteten Handlung ab, um in die Breite zu gehen und Befindlichkeiten auszuloten. „Tumult“ lässt dem federnden Beat die Hauptrolle und macht eine beachtliche Wandlung durch, wenn dieser anzieht und den inneren Aufruhr trefflich charakterisiert. In „Beneath“ taucht wieder die voluminös gespielte Geige auf und der Gesang setzt als nette Dreingabe spät ein, doch das Entscheidende ist die voll ausgekostete Trauer, die sich aus dem elegischen Soundgerüst herausbildet. Immer, wenn Anomie Belle sich abkehrt von konkreten Songs und versucht, Stimmungen klanglich einzufangen, punktet dieses Album. Es hat seine Stärken im Sentiment, nicht in der Ausformulierung von Handlungen. Leider geht Belle diesen Weg nicht konsequent und oft genug, die „klassischen“ Songs dominieren ein wenig zu stark.

6 out of 10 stars (6 / 10)

Info: www.facebook.com/anomiebellemusic