Lisa Who: Sehnsucht

(Arising Empire/Warner) „Wie schön du bist/ in der Abendsonne/ bei sechsundzwanzig Grad“, danke schön für diese netten Worte zur Begrüßung. Schon lässt man den Blick weit über die Prärie schweifen und fragt sich dann höchstens: wer ist dieses Mädchen, das einen so schön willkommen heißt? Lisa Who ist Keyboarderin bei Madsen, ist obendrein mit deren Sänger liiert. So weit, so unspektakulär. Diese einfachen Fakten verraten dabei nichts über die große künstlerische Vision dieser Lisa. Sie wirft nämlich so einiges in die Waagschale, um dann bei einem großartigen Ergebnis anzukommen.

Progrock, Dream-pop, Post-rock und natürlich eine Prise Gitarrenindie vermengen sich zu einem im deutschsprachigen Raum unerhörten Klangerlebnis. Man stelle sich vor, Hope Sandoval hätte Judith Holofernes zu einem Praktikum in den Laurel Canyon eingeladen. Der bereits zitierte Opener „Alles Ist Gut“ verbreitet unaufgeregt ein dermaßen tief empfundenes Wohlgefühl, dass man von dieser Musik bereits nach Sekunden nie wieder ablassen will. Dieser Song atmet die Weite, zwinkert in den Sonnenuntergang, die Gitarren jauchzen, die Melodie kuschelt sich an. „Wenn Sie Tanzt“ ist dann ein einziges Tänzeln im verschlafenen Walzertakt, im Hintergrund pulsiert eine anschmiegsame Orgel und wieder jubiliert lässig die Gitarre. Dabei hat man den Eindruck, man träumte sich in eine Parallelwelt hinfort ohne harte Kanten und Zudringlichkeiten. Ein wenig mehr Spritzigkeit wird durch den Refrain von „Ich Dreh Mich Nicht Im Kreis“ hineingebracht, mithin der schönste Indierock-Moment des noch jungen Jahres.

Es folgt der Nukleus dieses Albums, „Das Rauschen In Mir“ baut sich unheimlich geduldig auf, die einleitende Orgel sorgt für eine gehörige Portion Spiritualität, es gesellt sich eine Gitarre hinzu, die blass im Morgenrot schimmert und dann setzt dieser Gesang ein, der einen nicht mehr loslässt. Wenn Lisa Who die Silben ins Extreme dehnt, hält man den Atem an, horcht, ob diese Stimme die Worte noch weiter tragen kann, und ja, sie schafft es. An dieser Stelle ist man völlig bei sich angekommen, der Kern des Albums verweist auf den Kern der Hörerin, unglaublich intensiv, doch wiederum hauchzart und leicht vorgetragen. Diese Songs sind deshalb so nah an einem dran, weil sie nur sanft berühren aber man ahnt, dass hinter dieser Berührung die Intention einer ganzen Welt steckt. Der lässige Groove von „Keine Rettung“ wirkt zunächst beiläufig, doch wird man nach und nach in die Gesangsspirale von Lisa Who hinein gesogen und findet sich wieder einmal in einer unwahrscheinlichen, verträumten Alternativwelt wieder, wo alles leicht und bedacht erscheint.

Man merkt mitunter, wie leicht diese Songs hätten kitschig geraten können, gerade weil sie klanglich immer wieder nah am Idyll stehen, doch spürt man in jeder Sekunde, wie ernst es Lisa Who mit ihrer Musik ist, wie aufrichtig und tief empfunden die Songs allesamt sind. Dieses Album handelt von der Sehnsucht, einfach zu sein, das Gegebene positiv anzunehmen und selbst seinen kleinen Teil zum Großen beizutragen. Dabei stellt „Sehnsucht“ selbst einen Ort selbiger dar, wird zu einer berauschenden und besänftigenden Droge, der man sich immer wieder zuwendet. Lisa Who bietet hier Zuflucht und Geborgenheit an, der sich selbst abgeklärte Hipster nicht verschließen dürften.

8.5 out of 10 stars (8,5 / 10)

Info: www.facebook.com/whoislisawho